Auch nach den ersten 100 Tagen seiner Amtszeit mögen die meisten Amerikaner ihren Präsidenten noch. Das ergab eine Umfrage des «Wall Street Journal» gemeinsam mit NBC News unter 1005 Erwachsenen, die zwischen dem 23. und 26. April durchgeführt wurde. Es werden aber auch Bedenken laut, zum Beispiel über das wachsende US-Defizit oder darüber, dass Obama zu liberal sei.

Nicht nur mit den bisher erreichten Zielen sind die Befragten zufrieden (knapp 60%), auch Obamas komplexere Pläne, darunter Reformen im Gesundheits- und Energiebereich, finden allmählich mehr Zustimmung. Wenig Verständnis fand er dagegen für die Entscheidung, Guantanamo zu schliessen sowie die geheimen Notizen über Foltermethoden zu veröffentlichen. Es wird auch ganz deutlich, dass der Präsident mehr Anhänger hat als seine Politik, was bald problematisch werden könnte, wenn der Kongress beginnt, ernsthaft über die grossen Themen zu verhandeln.

Der Anteil derjenigen, die die Nation auf dem richtigen Weg sehen, ist stark gewachsen, sodass sich Optimisten und Pessimisten heute praktisch die Waage halten. Das war seit mehr als fünf Jahren nicht mehr der Fall und lässt vermuten, dass der Optimismus des Präsidenten sich auf das Volk überträgt. 61% sagten, Obama habe einen guten Start hingelegt. Das ist ein deutlich höherer Wert, als seine Vorgänger Bush und Clinton nach 100 Tagen im Amt erzielt hatten.

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Die Republikaner schnitten bei der Umfrage sehr mässig ab. Sie seien am Stillstand schuld gewesen, ist ein grosser Teil der Befragten der Ansicht. Und auch wenn die Zustimmung für den von den Demokraten kontrollierten Kongress eher gering ist, wünschen sich doch 48%, dass dieser auch nach den Wahlen im kommenden Jahr dort die Mehrheit behalten. Nur 39% wollen eine Rückkehr der Republikaner.

«Die Umfrage belegt die Führungsqualität Obamas», sagt Bill McInturff, der als Meinungsforscher den Republikanern nahesteht und zusammen mit dem Demokraten Peter D. Hart die Umfrage durchführte. Obama bekam durchwegs gute Noten für persönliche Eigenschaften wie Ehrlichkeit und Moral. Mehr als 80% der Befragten sagten, sie schätzten ihn als Menschen. Diese starke Zustimmung gibt dem Präsidenten ausgiebig Freiraum, um seine Agenda voranzutreiben.

Knacknuss ist Thema Energie

Doch Charisma allein wird ihn nicht tragen. Nur eine knappe Mehrheit von 52% ist äusserst oder sehr zuversichtlich, dass Barack Obama «die richtigen Ziele und Strategien» hat. Es dürfte also nicht ganz leicht werden für den Präsidenten, seine ambitionierte Agenda durchzubringen.

Befragt zum Thema Energie, sagten 53%, sie wünschten sich Auflagen für Unternehmen zur Emissionsreduktion, auch wenn das die Verbraucherpreise erhöhe. Dieser Prozentsatz sei zwar hoch, aber nicht ausreichend, dass sich der US-Kongress anschliessen werde, sagt Meinungsforscher Hart.