Dabei sein ist alles, wenn sich traditionell am letzten August-Wochenende die wichtigsten Zentralbanker und Ökonomen aus aller Welt in den Rocky Mountains versammeln. Vor der imposanten Kulisse des Grand Teton National Park diskutiert die Finanzelite die Lage der Weltwirtschaft, analysiert den Zustand des Finanzsystems und stellt Weichen für die Geldpolitik.

Prominente Abwesende fallen hier besonders auf. Nicht dabei sind heuer die Chefs der Europäischen Zentralbank (EZB) und der Schweizerischen Nationalbank (SNB). Offizielle Begründung für das Fehlen von Thomas Jordan: Eine Sitzung des Bankrats, des Aufsichtsgremiums der SNB. Zum ersten Mal seit dem Jahr 2000 findet das Stelldichein in Jackson Hole ohne Schweizer Vertretung statt.

Brandherde überall

EZB-Chef Mario Draghi, der als Hauptredner neben Fed-Chef Ben Bernanke vorgesehen war, erklärte ebenfalls Forfait – wegen Arbeitsüberlastung. Sein Vorgänger Jean-Claude Trichet hatte das Gipfeltreffen nur einmal ausgelassen, 2007 «aus persönlichen Gründen».

Draghi und Jordan verzichten mit gutem Grund auf den Ausflug in die Rockies. Auf sie wartet ein heisser Herbst. Anfang September kehrt die Troika, das mit Vertretern der Europäischen Kommission, EZB und Internationalem Währungsfonds (IWF) besetzte Kontrollgremium nach Athen zurück, um die Fortschritte bei der Sanierung der griechischen Staatsfinanzen zu begutachten. Ohne ihr Okay wird die nächste Tranche der Finanzhilfe in Höhe von 31,5 Milliarden Euro nicht ausbezahlt – Griechenland wäre pleite.

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Schon jetzt ist klar, dass die Ziele erneut verfehlt wurden. Viele Beobachter trauen den Griechen die Sanierung nicht mehr zu, für sie ist der «Grexit» – der Austritt aus der Eurozone – nur noch eine Frage des Zeitpunkts. Premier Antonis Samaras muss im September ein Sparpaket in Höhe von 11,5 Milliarden Euro für die Jahre 2013 und 2014 durchs Parlament bringen. An Athens Syntagma-Platz macht man sich auf neue Proteste gefasst.

Griechenland ist längst nicht der einzige Brandherd. Seit Juni verhandelt die zypriotische Regierung mit der Troika. Portugal wird in den nächsten Wochen Verhandlungen für ein zweites Rettungspaket aufnehmen müssen. Beängstigend sind auch die neusten Signale aus Spanien. Das Statistikamt musste die Wachstumszahlen für 2010 und 2011 nach unten korrigieren. Im September soll der Bericht über den Kapitalbedarf für die Stützung der maroden Banken vorliegen – Schätzungen gehen von 60 Milliarden Euro aus. Im Oktober werden Staatsanleihen in Höhe von 28 Milliarden zur Rückzahlung fällig.

Die nächsten Wochen bieten auch sonst Anlass für schwere Turbulenzen. Am 12. September entscheidet der deutsche Bundesgerichtshof in Karlsruhe über die Verfassungsmässigkeit des Euro-Rettungsschirms ESM und des Fiskalpakts. Beobachter erwarten ein positives Urteil, aber das Gericht könnte den künftigen Spielraum der deutschen Regierung einengen.

Die Niederlande wählt am 12. September ein neues Parlament. Premierminister Mark Rutte, der um die Wiederwahl kämpft, erklärte diese Woche, er werde ein drittes Hilfspaket für Griechenland blockieren. In Italien beginnt im September der Wahlkampf. Und Frankreichs Präsident Hollande präsentiert das Budget für 2013 – die nötigen Sparprogramme könnten soziale Unruhen auslösen.

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Das Dilemma des Mario Draghi

Die Finanzmärkte haben sich zwar beruhigt seit Draghis Aussage, die EZB sei «bereit, alles Nötige zu tun, um den Euro zu bewahren». Am 6. September tagt der Gouverneursrat der EZB – dann müssen den Worten Taten folgen. Draghi steckt im Dilemma. Die überschuldeten Länder der Euro-Zone sind gefangen in einem Teufelskreis. Anders als die USA oder Japan können sie die Währung nicht selber drucken, in der sie verschuldet sind. Es fehlt ihnen eine Zentralbank, die als Kreditgeber letzter Instanz für die Schulden garantieren kann («Lender of last resort»). Zweifel an der Zahlungsfähigkeit lassen die Zinsen explodieren, was die Zweifel an der Schuldentragfähigkeit weiter verstärkt und schliesslich zum Staatsbankrott führt.

Diesen Teufelskreis muss die EZB durchbrechen. Mit unbegrenzten Käufen von Staatsanleihen wäre das möglich. Aber einerseits befürchtet Draghi, dass damit der Reformdruck auf die Schuldenstaaten wegfällt. Anderseits ist es der EZB nicht erlaubt, die Schulden von Staaten zu finanzieren.

Spekuliert wird über unbegrenzte Käufe von Staatsanleihen der Schuldenländer Spanien, Italien und Portugal. Die EZB könnte eine Höchstgrenze für den Zinsabstand zwischen den Krisenländern und Deutschland fixieren und diese mit Anleihenkäufen verteidigen, so wie das die Schweizerische Nationalbank mit der Euro-Untergrenze tut.

Wahrscheinlicher ist ein massives Programm zum Aufkauf von kurzfristigen Staatsanleihen – mit strikten Auflagen für die betroffenen Staaten. Sie müssten einen offiziellen Hilfsantrag stellen und sich auf bestimmte Bedingungen festlegen. So lange die EZB nur kurzfristige Staatsanleihen kauft, kann sie den Reformdruck aufrechterhalten, weil die Staaten dauernd neue Papiere emittieren müssen. Damit liesse sich auch der Vorwurf der Schuldenfinanzierung besser kontern. Die ­Euro-Zone gewänne erneut Zeit, um eine politische Lösung für die Fehlkonstruktionen der Währungsunion zu finden.

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Nach fünf Jahren Finanzkrise wird der Handlungsspielraum für die Zentralbanken immer enger. Die beispiellose Flutung der Märkte mit Dollar, Euro und Franken zur Stabilisierung des Finanzsystems provoziert Widerstand. Gewinner seien die Banken und ihre Gläubiger, Verlierer die Steuerzahler, Sparer und Arbeitnehmer. Eine kürzlich veröffentlichte Untersuchung der Bank of England stellte fest, dass die Stabilisierungsmassnahmen der Zentralbank die Preise von Vermögenswerten erhöhten. Weil die Vermögen ungleich verteilt sind, hätten aber vor allem die Reichsten profitiert. Forscher der University of California rechneten kürzlich vor, die Geldpolitik der US-Zentralbank Fed produziere seit 1980 einseitig Gewinner und Verlierer. Die reichsten 10 Prozent der Gesellschaft hätten profitiert, die ärmsten zehn Prozent gelitten.

Die wachsende Unzufriedenheit gefährdet die Unabhängigkeit der Notenbanken. In den USA fordern Republikaner die Rückkehr zum Goldstandard. Ihr Kandidat für die Vizepräsidentschaft, Paul Ryan, will das Mandat der Zenralbank einschränken und den Fed-Vorsitzenden Ben Bernanke nicht bestätigen. In der Schweiz will die SVP der Nationalbank verbieten, Gold zu verkaufen. Verschiedene Politiker wollen der SNB die Devisenreserven entziehen und in einen Staatsfonds verfrachten.

Die Europäische Zentralbank ist noch stärker abhängig von den politischen Entwicklungen. Der gemeinsame Nenner in der EU scheint dabei immer kleiner zu werden. Der nächste Test steht bevor, wenn im September der Bericht über die geplante Bankenunion präsentiert wird. Der Streit über Ausgestaltung und Umsetzung ist programmiert.

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Die Erwartungen in die EZB sind hoch. Kann sie nicht liefern oder schiesst die Politik quer, eskaliert die Euro-Krise erneut. Mario Draghi und Thomas Jordan wissen, warum sie ihr Büro der Bergkulisse der Rocky Mountains vorziehen.

Heisser Herbst: Eine Krisensitzung jagt die nächste

31. August Traditionelle Konferenz der Zentralbanker aus aller Welt in Jackson Hole, Wyoming USA.

3. September Treffen der Finanzminister der Euro-Zone.

6. September Sitzung des Rats der Europäischen Zentralbank (EZB). Erwartet wird ein Entscheid über ein neues Programm zum Kauf von Staatsanleihen der Euro-Krisenstaaten.

12. September Das deutsche Verfassungsgericht entscheidet über die Verfassungsmässigkeit des Euro-Rettungsschirms ESM und des Fiskalpakts.

12. September Parlamentswahlen in Holland.

14./15. September Treffen der Wirtschafts- und Finanzminister der EUMitgliedsstaaten.

22. September Treffen von François Hollande und Angela Merkel.

8./9. Oktober Treffen der Wirtschaftsund Finanzminister der EU-Mitgliedsstaaten.

12.–14. Oktober Jahreskonferenz des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Tokio.

18./19. Oktober Treffen der Staatsund Regierungschefs der Europäischen Union (EU). Erwartet wird ein Entscheid über die weitere Hilfe an Griechenland.