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Zins-Manipulation: Kritik an der Macht der Banken

Finanzplatz London: Hier wird mit dem Libor ein wichtiger Referenzzins für die Finanzmärkte festgelegt. (Bild: Keystone)

Einer Bank wurde es zu heiss: Nach einer Selbstanzeige stehen 12 Finanzinstitute unter dem Verdacht, durch Kartellabsprachen Zinsen manipuliert und dadurch Anleger geschädigt zu haben. Unter Beschuss

Von Volker Strohm
am 03.02.2012

Die Schweizer Wettbewerbskommission (Weko) hat zwölf Banken im Visier. Der Vorwurf: Kartellabsprachen bei der Festlegung des Libor und Tibor. Was bestenfalls eingefleischten Investoren etwas sagen dürfte, kann auch auf einen einfachen Nenner gebracht werden: Die Banken stehen im Verdacht, sich gegenseitig Gewinne zugeschaufelt und Anleger über den Tisch gezogen zu haben. Das ist auch der Grund, weshalb es einer Bank nun zu heiss wurde: Sie hat Selbstanzeige erstattet. 

Was im ersten Moment komplex tönt, ist relativ simpel. Täglich wird um 11 Uhr in London ein Referenzzinsatz, die «London Interbank Offering Rate» - kurz Libor - festgelegt. Dieser bestimmt, zu welchen Konditionen andere Banken Geld aufnehmen oder anbieten können. Für die Festlegung werden je nach Währung 8, 12 oder 16 verschiedene Banken gefragt - wie beim Skisprung oder Eiskunstlauf gibt es Streichresultate für die höchsten und niedrigsten Angebote. Ausreisser werden so eliminiert - die mittleren 50 Prozent werden zu Berechnung beizogen. «Eine Pseudo-Auktion», wie ein Börsenexperte gegenüber «Handelszeitung Online» erklärt.

Terminbörse Eurex im Visier

Klar ist: Sind sich die Banken untereinander einig, kann hier auf einfache Art und Weise der Zinssatz manipuliert werden. Ein Zinssatz, der anschliessend die Grundlage für die Berechnung von Finanzprodukten bildet - beispielsweise im Derivatebereich. Hier handelt es sich allerdings in erster Linie um den professionellen Handel mit grossen Volumina, der über die deutsch-schweizerische Terminbörse Eurex abgewickelt wird.

Bei den sogenannten Strukturierten Produkten, die an der Scoach gehandelt werden und vielfach bei Privatanlegern zum Einsatz kommen, hätte die Manipulation des Referenzzinssatzes eine weit geringere Auswirkung. Das war nicht immer so: Vor dem Zusammenbruch der US-Investmenbank Lehman Brothers im Herbst 2008 galt auch hier der Mechanismus, dass «Libor flat», also der reine Referenzzinssatz zu Berechnung von Produkten beigezogen wird. Als Folge der Finanzkrise spielt seither die Bonitätsmarge des jeweiligen Emittenten eine grosse Rolle. Kommt hinzu, dass bei den an der Scoach gehandelten Hebelprodukten (Warrants) die Zinskomponente erst nach Volatilität oder Delta einen Einfluss auf die Preisbildung hat.

Libor als ewiger Streitpunkt

Es ist nicht das erste Mal, dass die Ermittlung der Referenzzinssätze in die Kritik gerät: im August 2011 verklagte der Finanzdienstleister Charles Schwab elf grosse Banken im Zusammenhang mit der Libor-Berechnung. Das Unternehmen bezichtigte unter anderem die Bank of America und JP Morgan Chase der Manipulation, so dass Anleger um Zinserträge geprellt würden. Dadurch die Banken «hunderte Millionen, wenn nicht Milliarden Dollar an nicht gerechtfertigten Gewinnen ein», wurde Charles Schwab damals von der Nachrichtenagentur Bloomberg zitiert.

Durch einen manipulierten Referenzzinssatz können die Banken ihre Kreditkosten zu niedrig ansetzen, entsprechend sinken die Zinsaufwendungen (und steigen die Margen) für die konstruierten Finanzprodukte. Der Londoner Vermögensverwalter Tim Price wurde mit den Worten zitiert: «Die Macht der Banker ist beunruhigend, sie hat etwas vom surrealistischen Albtraum aus dem Zauberer von Oz.»

Beim ebenfalls von der Weko genannten Tibor handelt es sich um das japanische Pendant zum Libor, das 1995 eingeführt wurde. Von der Untersuchung sind neben den Schweizer Grossbanken UBS und Credit Suisse zahlreiche ausländische Banken wie die Bank of Tokyo-Mitsubishi UFJ, Citigroup, Deutsche Bank, HSBC, JP Morgan Chase, Mizuho Financial, Rabobank, Royal Bank of Scotland, Société Générale, Sumitomo Mitsui Banking Corporation sowie weitere Finanzintermediäre betroffen.

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