Ist das neue Griechenland-Hilfspaket, auf das sich die Gläubiger nach zähem Ringen geeinigt haben, realistisch?
Anastassios Frangulidis:
Grundsätzlich ist erfreulich, dass sich die Geldgeber ­einigen konnten und der IWF weiterhin mit an Bord ist. Doch muss auch mit den neuen Massnahmen der Plan zur Erreichung einer tragfähigen Schuldenquote als ambitioniert bezeichnet werden. Es ist ungewiss, ob Griechenland mit den genannten Erleichterungen 2020 den angepeilten Verschuldungsgrad von 124 Prozent des Bruttoinlandprodukts erreicht. Ein Fragezeichen muss beispielsweise hinter den geplanten Privatisierungseinnahmen oder den optimistischen Wachstumsannahmen gesetzt werden. Ich bin skeptisch, ob Griechenland ohne weiteren Schuldenschnitt, der die öffentlichen Gläubiger einbeziehen müsste, die Ziele des Programms erreichen kann.

Tatsächlich hat die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Wochenendpresse einen späteren Schuldenschnitt nicht ausgeschlossen.
Die deutsche Regierung spielt auf Zeit. Der Schuldenschnitt hätte grösser sein sollen und das Kapital des öffentlichen Sektors umfassen müssen. Die Bundeskanzlerin will eine solche Entwicklung erst nach den Bundestagswahlen mittragen. Bis dann kann man prüfen, ob die Griechen das Programm zufriedenstellend umsetzen und entsprechend hohe Überschüsse in der primären Haushaltsbilanz erreichen.

Erwarten Sie, dass nach den Zugeständnissen an Griechenland nun auch Länder wie Portugal Erleichterungen fordern?
Die Zugeständnisse an Griechenland können durchaus Begehrlichkeiten anderer angeschlagener Euro-­Länder wecken.

Unterdessen hat der Euro-Rettungsschirm das Triple-A-Rating von Moody’s verloren. Drohen auch der Entzug des Spitzenratings durch andere Rating-­Agenturen und damit letztlich höhere Finan­zierungskosten?
Eine Verschlechterung des Ratings führt nicht zwingend zu einer ­Erhöhung der Refinanzierungskosten. Länder wie die USA oder Japan kommen trotzdem günstiger zu Kapital.

Der negative Ausblick von Moody’s für den Euro-Rettungsschirm widerspiegelt die Sorge, dass die Euro-Krise noch nicht ausgestanden ist. Sollte man angesichts dessen Euro-Anleihen meiden?
Die Euro-Krise ist tatsächlich noch nicht ausgestanden. Viele europäische Länder machen aber Fortschritte ­bei der Bekämpfung ihrer hohen Staats­schulden und der Steigerung ihrer Wettbewerbsfähigkeit. Ich würde Euro-Anleihen nicht generell meiden. Doch bin ich der Meinung, dass europäische Unternehmensanleihen die attraktivere An­lageklasse sind als Staatsanleihen. In ­den letzten Jahren hat sich nämlich die Bilanzqualität der meisten Unternehmen verbessert und kann mittlerweile als sehr gut bezeichnet werden.

Anzeige

Der von der EU-Kommission als Vorlaufindikator erkorene EU-Business Climate Index hat sich stabilisiert. Ist damit der konjunkturelle Wendepunkt im Euro-Raum absehbar?
Eine Schwalbe macht noch keinen Frühling. Die Chancen stehen aber nicht schlecht, dass dies erste Vorboten einer konjunkturellen Stabilisierung sein können, denn die Europäische Zentralbank hat für eine Beruhigung an den Finanzmärkten gesorgt. Wenn keine Fehler auf der politischen Bühne geschehen, wird der Funke auf die Realwirtschaft überspringen.

Welche Aktiensektoren sind für Anleger im Euro-Raum kaufenswert?
Unserer Konjunktureinschätzung folgend, bevorzugen wir derzeit die konjunktursensitiven Sektoren und Finanzdienstleister. Die Konsumentenstimmung wird sich auch wegen der angespannten Arbeitsmarktlage nur zeitlich verzögert aufhellen. Deshalb sind wir bei Aktientiteln aus den zyklischen Konsumsektoren noch vorsichtig.