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ZKB-Investmentchef: «Die Party ist noch nicht vorbei»

ZKB: Die Zürcher planen keinen Negativzins für Kleinsparer. Keystone

Der Anlage-Chef der Zürcher Kantonalbank über die Entwicklung an den Finanzmärkten, die Rolle der Notenbanken, die Auswirkungen der Negativzinsen – und weshalb das Sparkonto noch nicht ausgedient hat.

Von Roberto Stefano
am 28.10.2015

Die Alternative Bank Schweiz hat jüngst als erstes Finanzinstitut die Negativzinsen auch für Retail-Kunden eingeführt. Wann ziehen die übrigen Banken nach?
Christoph Schenk*: Schon heute werden die Negativzinsen auf institutionelle sowie professionelle private Investoren überwälzt. Banken, die über ein Zinsdifferenzgeschäft verfügen, werden kaum nach­ziehen. Ein flächendeckender Negativzins wird aus heutiger Sicht nicht kommen.

Wie sieht es konkret bei der Zürcher ­Kantonalbank aus?
Bei uns sind für Kleinsparer und Klein­unternehmen keine Negativzinsen vorge­sehen, solange die Schweizer Nationalbank (SNB) ihre Politik nicht verschärft. Das heisst, die SNB müsste zuerst höhere Negativzinsen verlangen oder die Frei­beträge verändern. Doch dieser Schritt müsste sehr gut überlegt sein. Denn ein flächendeckender Negativzins könnte dazu führen, dass die Leute ihre Guthaben von den Banken abziehen.

Wie beurteilen Sie die Rolle der Zentralbanken?
Sie sind zusehends unter politischem Druck und stehen vor grossen Herausforderungen. Mario Draghi erwähnt in jeder seiner Reden, dass die Politik ihren Anteil leisten müsse. Das tönt zwar gut, aber er zieht keine weitreichenden Konsequenzen, so wie dies Thomas Jordan mit der Aufhebung der Euro-Untergrenze gemacht hat. Selbst die US-Notenbank Fed konnte sich nicht dazu durchringen, die Zinsen zu erhöhen. Dabei war der Schritt überfällig. Die US-Wirtschaft läuft gut, die Arbeitslosenquoten sind rückläufig, es entsteht bereits Lohndruck. Die Fed hat den Schritt verpasst mit der Begründung, dass die Weltkonjunktur instabil sei. Allerdings gehört deren Stabilitätserhaltung nicht zu den Aufgaben der Fed. Sie muss die Preisstabilität respektive die Arbeits­losenquote im Auge haben, ist also nicht für die Weltkonjunktur verantwortlich. Im September hat sie einen guten Zeitpunkt verpasst, um die Zinsen zu erhöhen. Nun erwarten wir einen ersten Schritt zur Jahreswende, der aufgrund der geringeren Liquidität der Märkte aber weniger ideal ist.

Die Aufhebung der Euro-Untergrenze zeigt aber immer tiefere Spuren. Die Exporte der Schweiz sind um 5,2 Prozent gefallen.
Auf der anderen Seite entwickelt sich die Binnenwirtschaft immer noch sehr erfreulich. Wir haben nach dem 15. Januar für das laufende Jahr ein Wirtschaftswachstum von 0,5 Prozent prognostiziert, daran halten wir fest. Dass der Tourismus und die Exportwirtschaft die Aufhebung nicht einfach so wegstecken können, war zu ­erwarten. Kurzfristig dürfte es Probleme geben, mittelfristig wird die Wettbewerbsfähigkeit gestärkt. Vieles hängt aber auch von der Entwicklung in Europa ab, und diese haben wir nicht in der Hand. Wir könnten den Franken nur schwächen, wenn wir die Wirtschaft schwächen würden. Das sind keine langfristigen Optionen. Die Hoffnung ist, dass die europäische Wirtschaft in Schwung kommt.

Gibt es überhaupt noch einen Weg zurück zur Normalität?
In den USA müsste die Fed sukzessive zu ihren ursprünglichen Zielen zurückfinden und ein normales Zinsniveau anstreben. Das muss nicht schnell gehen. Aber das braucht Mut. Herr Jordan hat ihn im Ja­nuar gezeigt, Frau Yellen bisher allerdings noch nicht.

Für risikoscheue Sparer ist dies ­verheerend: Mit den Negativzinsen hat das Sparkonto eigentlich ausgedient ...
Da bin ich nicht einverstanden. Zwar erhalten Sparer quasi keine Verzinsung, doch die Kaufkraft nimmt zu. Das ist nicht schlecht im Vergleich zu Anlagen in Eidgenossen, die negativ rentieren. Ohnehin gilt heute vermehrt: Es gibt keinen Ertrag ohne Risiko. Wenn man kein Risiko ein­-gehen will, wird es schwierig mit den Renditen. Ansonsten kann man etwas verdienen, aber nicht mehr so viel wie früher.

Als interessante Alternative gelten Aktien. Nimmt man die Kursperformance der ­vergangenen Monate, war dies allerdings auch keine vorteilhafte Investition.
Ich bin nicht bereit, für den Kauf eines Eidgenossen auch noch Geld zu zahlen. Dann gehe ich lieber das Risiko einer Aktie mit stabiler Dividende ein und verdiene etwas. Weiter gibt es interessante Kombinationen aus Aktien, Obligationen und Cash, die ebenfalls einen Ertrag abwerfen, oder strukturierte Produkte, die praktisch einem Cash-Ersatz gleichkommen. Aber man muss sich bewusst sein, dass man mit ­jeder Anlage ein Risiko eingeht. Deshalb ist und wird die Beratung immer wichtiger.

Sie halten derzeit Obligationen für risikoreicher als Aktien?
Viele Leute setzten zu 100 Prozent auf ­Obligationen. Damit wollen sie die Risiken minimieren. Sie vergessen dabei, dass, wenn die Zinsen um 1 Prozent steigen, der Wert eines durchschnittlichen Portfolios in kurzer Zeit um 5 bis 6 Prozent einbrechen kann. Da man heute längere Lauf­zeiten kaufen muss, um eine Rendite zu erhalten, geht man noch höhere inhärente Zinsrisiken ein. Bei Aktien besteht die Möglichkeit, dass die Firmengewinne steigen, was die höheren Zinsen überkompensiert. Mit einer Diversifikation in Obligationen und Aktien können die Verluste bei einem Zinsanstieg abgefedert werden. Mein Appell lautet, dass die Anleger ihr Portfolio gut überprüfen sollen. Jedenfalls ergeben 100 Prozent Obligationenanlagen keine 100-prozentige Sicherheit.

Die Aktienmärkte entwickelten sich in den vergangenen Monaten wenig erfreulich.
Die Weltwirtschaft läuft derzeit nicht berauschend, angefangen bei den Emerging Markets als bisheriges Zugpferd. Das Problem liegt derzeit bei den Zentralbanken. Sämtliche Marktteilnehmer konzentrieren sich auf die Fed. Eigentlich sind die Bewertungen der Aktienmärkte durchaus attraktiv und die Zukunftsaussichten intakt. ­Daher spricht für mich nichts dafür, aus Aktien auszusteigen. Das fundamentale Szenario zeigt eine Erholung. Sie kommt zwar, unter anderem wegen der China-Problematik, nicht so schnell voran, wie wir es gerne hätten. Doch die Zinserhöhung in den USA wird kommen, die EZB wird die Zügel auch nicht schleifen lassen. Kurz, die Party ist noch nicht vorbei. Wenn es dann zu einer Korrektur kommt, wäre dies ein guter Einstiegspunkt.

Europa wird immer wieder als attraktiver Markt genannt. Die erwartete Erholung lässt aber weiter auf sich warten.
Die Wirtschaft Europas hat sehr starke Verwerfungen erlebt. Eine Erholung kann nicht in drei Monaten erreicht werden, es braucht Zeit. Im Sommer ist es zu einem Rückschlag aufgrund der Griechenland-Krise gekommen. Die Erholung in Spa­nien dagegen kommt gut voran. Der Markt honoriert die Fortschritte dort noch nicht, da man der Sache noch nicht traut.

Die Griechenland-Problematik wird wohl nicht zum letzten Mal aufkommen.
Derzeit ist sie vom Tisch, doch es ist schon möglich, dass sie nächstes Jahr wieder ein Thema wird. Die Störfeuer belasten das Fundamentalvertrauen der Investoren. Selbst der VW-Skandal zeigt Auswirkungen. Dieser kann sogar das Bruttoinlandprodukt von Deutschland belasten. Anderseits gibt es die Flüchtlingsströme aus Syrien. Durch die Unterstützungsgelder an die Flüchtlinge wird zwar die Staatsquote erhöht, aber der Konsum angekurbelt. Dies kann sich positiv auswirken.

Gibt es noch eine Jahresendrally?
Ich erwarte, dass bis Ende Jahr ein positiver Ertrag mit Aktien erzielt werden kann. Aber man kann nicht jedes Jahr 10 Prozent mit Aktien verdienen. Die Situation an den Börsen ist sehr binär: Entweder sind alle euphorisch oder alle depressiv. Daher ist es wichtig, dass man die grundlegende Entwicklung nicht aus den Augen verliert. Wenn man Geld verdienen will, muss man eine mittelfristige Strategie verfolgen und sich nicht durch zwischenzeitliche Dämpfer aus dem Konzept bringen lassen.
 

* Christoph Schenk ist Investmentchef der Zürcher Kantonalbank. Der 49-Jährige ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. Das ganze Interview mit dem Alumnus der Universität Bern lesen Sie in der neuen «Handelszeitung».

 

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