Es ist eine kleine Revolution für die Zürcher Kantonalbank. Konfrontiert mit strengeren Kapitalvorschriften der Aufsichtsbehörden will sie das bestehende Bankgesetz ändern und Partizipa­tionsscheine im Publikum platzieren dürfen. Zudem fordert sie vom Kanton zusätzliche 2 Milliarden Franken Kapital.

Doch das ist noch nicht alles. Sie beantragt auch, dass die Politik ihr erlaubt, ausserhalb des Kantons Filialen zu eröffnen. Schliesslich will sie das Wahlverfahren ihrer Bankräte neu regeln − und diesen gleich auch noch mehr Lohn zusprechen lassen. ZKB-Präsident Jörg Müller-Ganz erklärt, warum er hofft, mit dem dicken Neuerungspaket duchzukommen.

Schaffen Sie sich demnächst selber ab?

Jörg Müller-Ganz:
Bestimmt nicht. Wie kommen Sie darauf?

Als Präsident der Zürcher Kantonalbank schlagen Sie dem Kanton eine Gesetzesvorlage vor, die unter anderem strengere Anforderungen an die Bankräte stellt und deren Eignung prüfen lässt. Bestehen Sie das Examen?
Die neuen Anforderungen an den Qualitätsstandard betreffen alle Bankräte, also auch mich. Ich habe an der Universität St. Gallen Betriebswirtschaftslehre studiert und verfüge über 20 Jahre Führungserfahrung im Bereich Corporate Finance. Entsprechend kenne ich das Bankgeschäft.

Anzeige

Aber was ist mit Ihren Kollegen im Bankrat, der nach Parteibüchlein zusammengesetzt wird?
Dieses Bild gilt es zu relativieren. Der Bankrat der ZKB wird vom Kantonsrat gewählt. Das heisst aber noch lange nicht, dass er deswegen ein politisches Gremium ist. Wenn ich mir die Qualifikationen der Kolleginnen und Kollegen anschaue, dann sind diese meiner Meinung nach für einen Bankverwaltungsrat absolut adäquat.

Die Finanzmarktaufsicht Finma kritisierte allerdings auch das Wahl­prozedere.
Die Zusammensetzung des Bankrates wurde in den Medien anlässlich der Erneuerungswahlen im Jahr 2011 diskutiert. Eine Anpassung des Anforderungsprofils für Bankräte sowie ein Reglement über das Wahlverfahren wurde vom Kantonsrat bereits im April letzten Jahres gefordert.

Trotzdem macht es den Anschein, die Änderungen geschähen unter massivem Druck der Aufsicht. Die Finma wacht ja auch über die Umsetzung der neuen Eigenmittelvorschriften, welche die Revision des bestehenden Kantonalbankgesetzes offenbar zwingend macht.
Die Gesetzesrevision ist eine nötige Anpassung an neue regulatorische Gegebenheiten. Auslöser ist der Umstand, dass das Kantonalbankgesetz mittelfristig mit den Vorschriften von Basel III nicht mehr konform ist.

Wieso?
Das Dotationskapital, das der Kanton der Bank zur Verfügung stellt, wird fix verzinst und gilt damit nach Basel III eigentlich als Fremdkapital. Es stellt sich damit die Frage, wie das Dotations­kapital wieder eigenmittelwürdig gemacht werden kann. Ein weiterer Punkt der Revision betrifft die Ausgabe von Partizipationsscheinen (PS). Damit allfälliges PS-Kapital als hartes Eigenkapital gilt, muss es wie das Dotationskapital am Gewinn teilhaben können. Die geltende Regelung der Gewinnausschüttung mit einer Bevorzugung des Kantons ist mit diesen Vorschriften nicht mehr vereinbar. Um künftig den Kanton und allfällige weitere Kapitalgeber gleichstellen zu können, ist zudem eine Abgeltung der Staatsgarantie notwendig.

Aber die ZKB betonte doch immer, über genügend Eigenmittel zu verfügen.
Das ist so. Die Zürcher Kantonalbank verfügt über eine solide Kapitalausstattung. Die Gesetzesanpassung ist zunächst einmal eine rein formelle Angelegenheit, um sicherzustellen, dass sich die Bank in den nächsten zehn Jahren normal weiterentwickeln kann. Das hat mit den Kapitalbedürfnissen der Bank direkt nichts zu tun.

Trotzdem verbinden Sie die Gesetzesrevi­sion mit der Forderung nach mehr Kapital. Der Kanton soll den Dotationskapital-rahmen um weitere 2 Milliarden Franken erhöhen. Das ist erklärungsbedürftig.
Nach Basel II hatten wir noch überschüssige Eigenmittel von 2,4 Milliarden Franken; die wurden uns durch Basel III wegreguliert. Gemäss Basel III benötigen wir bis im Januar 2016 über 40 Prozent mehr Eigenkapital, nämlich mindestens 13,6 Prozent hartes Eigenkapital. Mitte 2012 verfügte die ZKB über eine ­Eigenmittelquote von 14,2 Prozent. Wir liegen also knapp darüber. Damit fühlen wir uns nicht komfortabel.

Warum?
Es könnte sein, dass die Nationalbank ihren antizyklischen Puffer aufgrund der Lage am Häusermarkt in den nächsten Monaten aktiviert. Damit würden die Kapitalanforderungen an die Banken nochmals steigen. Zudem müssen wir Risiken auffangen können, die es in einer Bank jederzeit geben kann. Schliesslich findet in der Schweizer Bankbranche eine Konsolidierung statt – wir möchten über genügend Spielraum für eine strategische Weiterentwicklung der ZKB verfügen. Dementsprechend muss die Bank ihre strategischen Reserven wieder aufbauen.

Sie wollen andere Banken übernehmen?
Wir suchen nicht aktiv.

Sie setzen aber auf Expansion. Dazu passt, dass der Kanton nun auch Zweigniederlassungen ausserhalb des Kantons bewilligen soll. Das wird bei der Konkurrenz für helle Aufregung sorgen.
Das Gesetz erlaubt uns schon heute, Geschäfte und Tochtergesellschaften ausserhalb des Kantons zu betreiben, was wir ja auch tun. Uns geht es mit dem Vorschlag darum, unser Geschäftsgebiet im Kantonalbankgesetz präzise zu umreissen. Wir haben dabei nicht vor, unser Filialnetz über die Kantonsgrenzen hinaus auszudehnen. Wir wollen jedoch bereit sein, wenn sich ausserhalb des Kantonsgebiets eine Übernahmemöglichkeit ergeben sollte.

Gelegenheiten wie die angeschlagene Bank Valiant, an der die ZKB beteiligt ist?
Valiant könnten wir nach heutigem Kantonalbankgesetz nur als Tochterfirma in den Konzern eingliedern. Es bestehen jedoch keine diesbezüglichen Pläne.

Ihre Bank will über Homegate national Online-Hypotheken verkaufen. War das ein Hintergedanke für diese Vorlage?
Nein. Der Online-Vertrieb von Bankdienstleistungen ist mit dem heutigen Kantonalbankgesetz möglich.

Bei solchen Plänen müssen Sie mit viel Gegenwind rechnen. Zu oft hat sich die Bank ausserhalb des Stammgebiets die Finger verbrannt – zuletzt mit Schwarzgeld von Amerikanern.
In den USA unterhielten wir weder Filialen noch Geschäftsaktivitäten, das möchte ich klarstellen! Die fraglichen Kunden kamen in die Schweiz. Nochmals: Wir haben keine versteckte Expansions­agenda. Es geht uns einzig darum, bei allfälligen Opportunitäten klare gesetzliche Rahmenbedingungen zu haben.

Nach der Anklage von ZKB-Mitarbeitern in Amerika könnten manche den Schluss ziehen, die Bank brauche das zusätzliche Geld für eine drohende Busse.
Der Prozess zur Gesetzes­revision wurde vom Bankrat vor mehr als anderthalb Jahren angestossen. Damals redete noch niemand von einer Verwicklung der Zürcher Kantonalbank in den US-Steuerkonflikt. Es gibt also keinerlei Zusammenhang zur Causa USA. Dass die Untersuchung der amerikanischen Behörden jetzt mit der Gesetzesrevision zusammenfällt, ist unglücklich.

Dabei ist der Kern der Vorlage, dieVeränderung der Ausschüttung an den Kanton, diffizil genug. Müssen Kanton und Zürcher Gemeinden unter dem Strich auf Geld verzichten?
Mit dem revidierten Kantonalbankgesetz wird dem Kantonsrat ein an die heutige Rechtslage angepasstes Verteilverfahren vorgeschlagen. Die Zürcher Kantonalbank wird dem Kanton die Staatsgarantie risikogerecht mit jährlich rund 20 Millionen Franken abgelten, damit er gegenüber Partizipationskapital-Haltern nicht benachteiligt ist. Diese 20 Millionen würden als Aufwand gebucht, sodass der Gewinn entsprechend tiefer ausfiele. Aus dem Gewinn würden alle ­Eigenkapitalgeber entsprechend ihres Kapitalanteils bedient. Der Anteil für das Dotationskapital wird nach Verzinsung desselben gemäss bisherigem Schlüssel zwischen Kanton und Gemeinden aufgeteilt.

Für die Gemeinden bleibt weniger?
Wenn alle anderen Grössen gleich bleiben, sinkt die Ausschüttung an die Gemeinden leicht.

Dabei stellt sich die Frage, ob es sich der Kanton noch leisten kann, Kapital für die ZKB aufzunehmen. Setzt er damit nicht gar seine Bonität aufs Spiel?
Über die Kapitalplanung des Kantons bin ich nicht im Bilde. Wie eine Ratingagentur eine Ausweitung des Dotationskapitalrahmens der Zürcher Kantonalbank aufnehmen würde, darüber lässt sich ebenfalls nur spekulieren. Es ist aber nicht in unserem Interesse, dass das Rating des Kantons durch unsere Kapitalplanung beeinträchtigt wird.

Der Kanton ist als Kapitalgeber eine Blackbox. Sie sind doch darauf angewiesen, dass das Publikum Partizipationsscheine zeichnet?
Es gibt keinen Zwang. Die ZKB hat fünf Möglichkeiten, ihre Eigen­kapitaldecke weiter zu stärken. Die erste ist, das Dotationskapital zu erhöhen. Zweitens könnten wir Partizipationsscheine ausgeben. Beide Möglichkeiten benötigen die Zustimmung des Kantonsrates. In der Kompetenz des Bankrates liegen drei weitere Möglichkeiten. So liesse sich eine neue nachrangige Anleihe ausgeben, wobei dieses Instrument marktbedingt ­inzwischen deutlich teurer geworden ist. Weitere Möglichkeiten wären die Reduk­tion der risikogewichteten Aktiven in der Bilanz oder die Verringerung der Gewinnausschüttung.

Mit einer Publikumsöffnung würde die ZKB den beiden Grossbanken noch ähnlicher. Vor diesem Hintergrund müsste doch zwingend über die Staatsgarantie diskutiert werden?
Es stimmt, die Zürcher Kantonalbank ist die dritte Kraft am Schweizer Bankenplatz. Wenn man die Grösse der Bilanzsumme der ZKB ins Verhältnis zum BIP des Kantons setzt, ist diese Quote im Vergleich mit anderen Kantonalbanken jedoch tief. Es gibt keine Untersuchung, die zeigen würde, dass die Zürcher Kantonalbank für den Kanton «too big to fail» wäre. Somit besteht auch kein Anlass, die Staatsgarantie infrage zu stellen.

Verbesserte Kapitalmarktfähigkeit, mehr Geld vom Kanton und die Lizenz zur Expansion... Ist es politisch klug, solche ­Maximalforderungen zu stellen?
Der Bankrat ist gewählt, die Entwicklung der ZKB zu planen. Das tun wir mit der Revision des Kantonalbank­gesetzes, indem wir hierfür die formell nötigen Voraussetzungen beantragen. Hinzu kommen der Antrag nach zusätzlichem Dotationskapital und schliesslich die Vorlage über das Wahlverfahren für den Bankrat. Ich bin mir bewusst, dass dies viel auf einmal ist. Meiner Meinung nach ist es aber politisch glaubwürdiger und transparenter, alles auf den Tisch zu legen.

Die Forderung nach mehr Lohn für die Bankräte wird eine Kontroverse auslösen. 2004 wurde nach der sogenannten Bonusaffäre der Lohn der ZKB-Bankräte eingegrenzt.
Nach den unschönen Echos rund um die letzten Bankratswahlen 2011 beschloss der Kantonsrat im April des vergangenen Jahres, das Anforderungsprofil für künftige Bankräte sowie das Wahlverfahren anzupassen. Als Basis dienten die Anforderungen der Finma und des Aktien­rechts an Bank-Verwaltungsräte. Daraus erarbeiteten wir ein Modell, das sicherstellt, dass die Mitglieder des Bankrates die nötigen Voraussetzungen mitbringen, um die Aufgaben als Oberleitungs-, Aufsichts- und Kontrollorgan der Zürcher Kantonalbank zu erfüllen. Ich glaube, mit diesem Vorstoss rennen wir beim Kantonsrat offene Türen ein.

Lassen sich aus einem neuen Anforderungsgprofil höhere Löhne ableiten?
Die Belastung der Bankräte nahm in den letzten Jahren massiv zu und wird in den nächsten Jahren noch steigen. Externe Gutachter haben bestätigt, dass unser Bankrat im Quervergleich mit 29 deutlich kleineren Schweizer Kantonal- und Regionalbanken wesentlich schlechter entschädigt wird. Diese Banken belohnen ihre Bank- und Verwaltungsräte im Schnitt mit 90 000 Franken im Jahr; wir beantragen eine Erhöhung von 50000 auf rund 70 000 Franken.

Auch das Bankratspräsidium soll mehr verdienen. Fühlen Sie sich unterbezahlt?
Bei der Entschädigung des Bankpräsidiums stellen wir keinen Antrag. Es obliegt dem Kantonsrat, aufgrund der vorliegenden Vergleiche allenfalls eine Anpassung vorzunehmen.

 

Der Mensch

Name: Jörg Müller-Ganz

Funktion: Bankratspräsident der Zürcher Kantonalbank

Alter: 51 Jahre

Wohnort: Bülach ZH

Familie: Verheiratet, zwei Kinder

 

Das Unternehmen

Die Zürcher Kantonalbank ist mit einer Bilanzsumme von mehr als 145 Milliarden Franken die grösste Staatsbank der Schweiz. Sie ist ganz in Besitz des Kantons.