Die grossen US-Unternehmen kürzen derzeit bei den Löhnen und den Arbeitsplätzen nicht aber bei ihrer Innovationskraft. Um nach dem Ende der Rezession nicht mit Ladenhütern dazustehen, gaben sie im düsteren 4. Quartal 2008 fast genauso viel für Forschung und Entwicklung (F&E) aus wie im entsprechenden Vorjahresquartal. Und das, obwohl ihr Umsatz inzwischen um 7,7% zurückgegangen ist. Dies ergab eine Analyse des «Wall Street Journal» der F&E-Etats von 28 der grössten US-Unternehmen.

Wachstum nach der Rezession

Aus früheren Rezessionen habe man gelernt, dass man auch in schlechten Zeiten in die Forschung investieren müsse, gaben die Unternehmen an. Tatsächlich wurden viele innovative Produkte -vom iPod bis zum Treibstoff sparenden Triebwerk - in Krisenzeiten entwickelt. Mit den Forschungsausgaben von heute wird der Grundstein für den Siegeszug neuer Produkte gelegt. «Die Unternehmen haben allenthalben festgestellt, dass drastische Kürzungen bei F&E tödlich sind», sagt Jim Andrew von Boston Consulting Group. «Hier sollte man zuallerletzt sparen.»

So gingen bei den betrachteten Unternehmen die Gesamtausgaben für Forschung und Entwicklung im 4. Quartal 2008 nur um magere 0,7% gegenüber dem Vorjahreszeitraum zurück. Der Softwareriese Microsoft steigerte seine F&E-Ausgaben bei relativ konstantem Umsatz sogar um 21%. «Wir setzen alles daran, unseren F&E-Bereich zu schützen», meint auch Cheftechnikerin Lisa Su bei Freescale Semiconductor. Der Umsatz des Chipherstellers fiel im 4. Quartal um fast 40%, die Ausgaben im F&E-Bereich sanken dagegen nur um 6%. «Von dort kommt das Wachstum nach der Rezession», sagt Su. Ein Vergleich zwischen Apple und Motorola in der Zeit nach der Dotcomblase verdeutlicht die Effekte grösserer Investitionen in F&E: Zwischen 1999 und 2002 steigerte Apple seine Ausgaben für F&E um 42%, auch wenn der Umsatz um mehr als 6% zurückging.

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Damals entstanden der iPod und iTunes, die beide rasch Riesenerfolge wurden. Motorola dagegen kürzte seine F&E-Ausgaben.

Verhängsnisvolle Kürzungen

«Viele geniale Ideen kamen von Leuten, die einfach mal was Verrücktes ausprobiert haben», sagt Computerspezialist Mik Lammnig, der bereits bei HP und Xerox gearbeitet hat. Das Batelle Memorial Institute, das die Investitionen in Forschung und Entwicklung beobachtet, erwartet eine Steigerung der F&E-Gesamtausgaben in den USA durch Unternehmen, Regierung und Universitäten in Höhe von 3% in diesem Jahr. 2010 könnten die entsprechenden Investitionen dann aber wieder zurückgehen, so die Voraussage.

Das birgt Gefahren. Unternehmen, die in früheren Krisenzeiten ihre Budgets für Forschung und Entwicklung gekürzt hatten, brauchten im Schnitt etwa fünf Jahre, bis die Ausgaben wieder auf dem alten Niveau waren, erzählt Batelle-Analyst Jules Duga.

Ein Problem ist, dass die USA immer mehr mit Konkurrenten aus Indien und China zu kämpfen haben, wo weiter stark investiert wird. Nach Schätzung der Unternehmensberatung Booz & Co stiegen die F&E-Ausgaben in Nordamerika 2008 um 4% (Europa: -1%), während sie in Indien und China um 7% zunahmen.

Der indische Konzern Technosys, ein direkter Konkurrent von IBM und Hewlett-Packard, gibt zwar einen geringeren Prozentsatz seines Umsatzes für F&E aus, doch im letzten Quartal 2008 wuchsen die Ausgaben dort um 64% beim Schwergewicht IBM gingen sie um rund 4% zurück.