Wie Tony Curtis und Sidney Poitier im Filmklassiker «Flucht in Ketten» scheinen Aktien und Rohstoffe gegen ihren Willen aneinandergekettet zu sein. Sie versuchen vehement, voneinander loszukommen, schaffen es aber nicht. Und das bringt viele Anleger in die Bredouille. In den vergangenen Jahren dachten sie, dass Rohstoffe wie Öl, Weizen und Gold unabhängig von den Aktienmärkten Gewinne bringen. Sie sahen in ihnen eine willkommene Diversifikation.

Die Korrelationen zwischen Aktien und Rohstoffen - das Ausmass, in welchem sich deren Preise im Gleichmass bewegen - sind jedoch in vielen Fällen so hoch wie seit fast 30 Jahren nicht mehr. In diesem Jahr kann man etwa 40 Prozent der wöchentlichen Bewegungen im Index Standard & Poors 500 durch die Schwankungen bei den Energiepreisen erklären. Die Korrelation sei doppelt so hoch wie in den vergangenen fünf Jahren und fast zwanzig Mal so hoch wie in den letzten zwei Jahrzehnten, erklärt Michele Gambera, Chef der quantitativen Analyse bei UBS Asset Management.

Die Wachstumsgeschichte

Einige der Kopplungen zwischen Aktien und Rohstoffen sind bizarr. Anfang Februar hat die monatliche Korrelation zwischen Zucker-Futures und dem S&P 500 bei 67 Prozent gelegen - mehr als zehnmal so hoch wie wenige Tage zuvor. Das sei das dritte Mal in diesem Jahr, dass die Korrelation zwischen Zucker und Aktienpreisen bei über 60 Prozent liege, sagt Howard Simons, Stratege bei Bianco Research. Der langfristige Durchschnitt liege bei unter 20 Prozent.

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Wie kam es nur zu dieser Verbindung zwischen dem Süssstoff und Aktienpreisen? Zucker, sagt Simons, sei aktuell sowohl Energierohstoff als auch Wachstumsgeschichte. Denn ein Grossteil der brasilianischen Ernte werde zur Herstellung von Ethanol genutzt. Dieser Benzinersatz steht in direkter Verbindung zu den Rohölpreisen, die sehr sensibel auf Geldmarktpolitik und das Wirtschaftswachstum reagieren - dieselben Faktoren, die auch die Aktienkurse bestimmen.

Doch es ist eine weitere, nicht so offensichtliche Kraft mit am Werk. Algorithmische Handelsprogramme, kurz «Algos», kaufen und verkaufen automatisch Anlagen - basierend auf mathematischen Modellen. Ein Algo weiss nicht, warum sich zwei Werte parallel bewegen. Er sei aber so programmiert, dass er erkenne, wenn sich Werte so verhalten, erzählt Simons. Sobald ein Computer eine Wette darauf platziere, dass solch eine Verbindung bei den Preisen fortbestehe, neigten andere dazu, dem Beispiel zu folgen. Dabei spielt es laut Simons keine Rolle, ob eine Korrelation von fundamentalen Faktoren angetrieben wird oder nicht.

«Wir sind am Frankenstein-Punkt angelangt, wo sich Algos selbst programmieren, und ihre Weiterentwicklung besteht unter anderem darin, dass sie diese Beziehungen verfolgen», sagt Simons. «Das hat eine pure Mauer aus Geld geschaffen, die andere dazu bringt, in das gleiche Muster zu verfallen.»

Zucker ist keine Ausnahme in diesem merkwürdigen Spiel. Die Aktien des Schuhherstellers Nike und des Fast-Food-Konzerns Yum Brands haben in den vergangenen Wochen gegenüber den Industriemetallen Aluminium, Kupfer und Zink eine Korrelation von 60 Prozent aufgewiesen, wie Phil Mackintosh, globaler Portfoliostratege der Credit Suisse, festgestellt hat. Das sei das Doppelte des Werts vom letzten Mai.

Natürlich könnte es sich auch um einen Zufall handeln. Aber «hohe Rohstoffpreise konvergieren oft mit einem gesunden weltweiten Wachstum», sagt David Bianco, Leiter Equity-Strategy USA bei der Bank of America Merrill Lynch. Auch Aktienanleger setzen auf eine robuste Erholung. Da viele Unternehmen im S&P 500 grosse Rohstoffproduzenten sind - oder solche beliefern -, bilden deren Einkünfte laut Bianco die Rohstoffpreise wesentlich direkter ab als früher.

Ausserdem hat die quantitative Lockerung (der massive Kauf von Staatsanleihen durch die amerikanische Notenbank) zusammen mit der weltweiten Konjunkturaufhellung den Preis fast jeden Werts angetrieben. Dennoch war in der Vergangenheit an wirtschaftlichen Wendepunkten die Korrelation zwischen Aktien und Rohstoffen wesentlich niedriger.

Sie kommt bestimmt zurück

Für die absehbare Zukunft wird es viele Perioden geben, in welchen sich Diversifikation als schwierig erweisen wird, da Flutwellen von Geld über alle Werte zugleich hereinbrechen und wieder zurückweichen. Oder wie es Simons ausdrückt: «Je weiter der Anlagehorizont eines Investors ist, desto grösser wird die Risikotoleranz sein müssen. Kurzfristig wird es so aussehen, als ob die Diversifikation verschwunden sei. Nichtsdestotrotz wird sie mit der Zeit wieder auftauchen.»

Und so könnte es sein, dass man am Rohstoffboom partizipiert hat, ohne sich darüber im Klaren gewesen zu sein. «Die meisten Anleger haben indirekt über den Aktienmarkt auch in Rohstoffe investiert», sagt Matthew Carvalho, Chef des Investmentresearch bei Loring Ward, einem Finanzberater in San Jose, Kalifornien. Und diese Exposition ist stark angestiegen. «Heute ist man über Aktien viel mehr an Rohstoffen beteiligt als in der Vergangenheit», sagt Simons.

Sie müssen sich also keine Sorgen machen, wenn sich in Ihrem Portfolio noch keine Wagenladung Rohstoffe befindet. Denn Aluminium, Zucker oder Kaffee stecken schon lange drin.