Wer den Paradeplatz verlässt, gelangt schon nach wenigen Metern zu den Anfängen des Bankenplatzes Zürich. Die erste Zürcher Bank befindet sich noch heute an der Bahnhofstrasse: Bereits im Jahr 1755 wurde die Bank Leu & Co, die heutige Credit-Suisse-Tochter Clariden Leu, gegründet. Und nur ein paar hundert Meter weiter, direkt vor dem Zürcher Hauptbahnhof, steht das Denkmal von Alfred Escher. Der einflussreiche Politiker und Eisenbahnpionier hat 1856 mit der Gründung der Schweizerischen Kreditanstalt und späteren Credit Suisse die Basis für die Entwicklung Zürichs als Finanzzentrum gelegt.

Seither hat sich Zürich schnell entwickelt. Die Zwingli-Stadt gehört heute international zu den führenden Finanzplätzen. Laut dem Global Financial Centres Index (GFCI), der die Wettbewerbsfähigkeit der internationalen Finanzplätze misst, liegt Zürich auf dem 7. Platz. Angeführt wird die Rangliste von London und New York, gefolgt von Hongkong, Singapur, Tokio und Chicago. In das Ranking fliessen Faktoren wie Infrastruktur oder Marktzugang ein. Im Vergleich zum Vorjahr ist Zürich einen Rang abgerutscht, während Genf einen Platz gutmachen konnte und jetzt direkt hinter Zürich auf dem 8. Rang liegt. Als die City of London Corporation und die Z/Yen Group den Index vor drei Jahren erstmals berechnet hatten, lag Zürich noch auf dem 5. Rang und Genf auf Platz 10.

Umwälzungen bei Privatbanken

Der Finanzplatz Genf ist stark auf die Finanzierung des Rohstoffhandels und das Private Banking spezialisiert. Für Zürich ist das Vermögensverwaltungsgeschäft ebenfalls sehr wichtig, doch im Vergleich zu Genf ist Zürich stärker im Investment Banking verankert (siehe auch «Nachgefragt»). Die Verschiebungen zwischen Zürich und Genf hängen laut Mark Yeandle, Senior Consultant der Z/Yen Group, denn auch vor allem damit zusammen, dass das Investment Banking von der Krise härter getroffen wurde. Der Bankenplatz Zürich wird von den beiden Aushängeschildern UBS und Credit Suisse dominiert. Die Grossbanken stellen für die kleineren Institute unter anderem einen attraktiven «Pool» dar, um qualifizierte Mitarbeiter abzuwerben. Derzeit sind im Zürcher Bankensektor knapp 50 000 Mitarbeiter beschäftigt, und nach einem grösseren Stellenabbau wird jetzt auch wieder vermehrt Personal gesucht (siehe Box).

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«Der Bankenplatz Zürich hat sich in den letzten 15 Jahren fundamental verändert», sagt Markus Graf, CEO der Zürcher Privatbank Lienhardt & Partner. Viele kleinere und mittlere Privatbanken seien verschwunden oder ins Ausland verkauft worden. «Dieser Strukturwandel dürfte sich noch fortsetzen, vor allem bei den Auslandbanken.»

Banken aus Schwellenländern

Noch immer organisieren viele ausländische Bankinstitute ihr internationales Vermögensverwaltungsgeschäft von Zürich aus oder haben zumindest einen Standort - wegen der wichtigen Kundennähe - vorzugsweise in der Innenstadt. «Die Ableger von europäischen Banken sind eher auf dem Rückzug, die neuen Banken kommen dagegen vermehrt aus den aufstrebenden Ländern», sagt Eduardo Leemann, CEO von Falcon Private Bank. Insgesamt sei die Zahl der Auslandbanken in Zürich in den letzten Jahren stabil geblieben.

Anziehungskraft für ausländische Institute hat der Bankenplatz Zürich vor allem wegen der hohen Lebensqualität und des Zugangs zu qualifizierten Arbeitskräften. Doch auch andere internationale Finanzplätze schlafen nicht. So investieren etwa führende Zentren wie London oder Singapur sehr viel, um ihre Standortattraktivität zu steigern.

Künftig dürfte sich der Wettbewerb zwischen den internationalen Finanzplätzen noch verstärken. «Die härtesten Konkurrenten von Zürich werden in den nächsten Jahren asiatische Finanzplätze wie Singapur werden», erwartet Leemann. Der Finanzplatz sei sehr agil, und anders als die Schweiz sei Singapur aufgrund seiner geopolitisch guten Lage nicht den Attacken der Amerikaner und Europäer ausgesetzt.

Sicherer Hafen am Zürichsee

Auch wenn der Vorteil des Schweizer Bankgeheimnisses im Vermögensverwaltungsgeschäft dahinschmilzt, bleiben die Exponenten des Bankenplatzes Zürich für die Zukunft optimistisch. So rechnen sie etwa mit einer grösseren Nachfrage durch inländische Privatkunden, Unternehmen und institutionelle Kunden, wie eine Umfrage der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) bei Bankvertretern ergeben hat.

Hinzu kommt ein weiterer Grund für die Zuversicht. «Im Vergleich zu ausländischen Bankenplätzen profitiert Zürich von der Funktion der Schweiz als sicherer Hafen», sagt Graf. Der Trumpf der Schweizer Stabilität reicht für den Erfolg aber nicht aus. Die Zürcher Banken müssen ihre in- und ausländischen Kunden mehr denn je mit guten Produkten und Dienstleistungen überzeugen.

 
NACHGEFRAGT

«Zürich ist breiter aufgestellt als Genf»

Matthias Frisch, CEO Investment Bank Schweiz der UBS, sieht grossen Handlungsbedarf, um den Bankenplatz Zürich für ausländische Arbeitskräfte attraktiver zu machen.

Welche Vorteile bietet der Bankenplatz Zürich im Vergleich zu London und New York aus Sicht des Investment Banking?

Matthias Frisch: Einer der wesentlichsten Unterschiede ist die stärkere Ausrichtung des Investment Banking in Zürich auf das Vermögensverwaltungsgeschäft. Die Nähe zu den vermögenden Kunden ist für die Produkteentwicklung und Distribution der Investmentbanken ein grosser Vorteil.

Bei welchen Geschäften haben die anderen Plätze die Nase vorn?

Frisch: Wenn es um Beratungsgeschäfte wie M&A geht, sind New York und London breiter aufgestellt - Sektorspezialisten sind meist an diesen Orten angesiedelt. Am internationalsten wird aus meiner Sicht das Geschäft von London aus betrieben. Nicht zu unterschätzen ist dabei, dass London aufgrund der günstigen Zeitzone im globalen Geschäft besser positioniert ist als New York und auch die Expertise in London globalere Facetten aufweist.

Welchen Einfluss haben die unterschiedlichen Regulatorien?

Frisch: Die regulatorische Welle wird nicht so schnell abebben. Heute ist nicht ersichtlich, ob daraus für den einen oder anderen Finanzplatz ein komparativer Vorteil entstehen wird.

Wo müsste man ansetzen, um Zürich attraktiver zu machen?

Frisch: Nicht nur Zürich, sondern die gesamte Schweiz wird in den nächsten Jahren gefordert sein, in die Infrastruktur zu investieren, damit der Standort auch für ausländische Arbeitskräfte attraktiver wird. Es gibt unter anderem zu wenige Plätze an internationalen Schulen, und die Wohnsituation ist in den Grossräumen Zürich und Genf äusserst angespannt. Um im globalen Wettbewerb die Nase vorne zu haben, braucht es immense Investitionen in die Ausbildung der Mitarbeiter.

Genf hat im Vergleich zu Zürich an Terrain hinzugewonnen. Wird sich diese Entwicklung fortsetzen?

Frisch: Der Finanzplatz Genf ist sehr stark auf das Private Banking ausgerichtet. Zürich ist dagegen breiter aufgestellt durch die zwei Standbeine Private Banking und Investment Banking und die Ausrichtung auf private und institutionelle Kunden.

Das Investment Banking boomt wieder wie vor der Krise. Was hat die Branche gelernt?

Frisch: Die Krise zwingt uns, über die Bücher zu gehen und nachhaltigere Geschäftsmodelle zu entwickeln.