Der Bankensektor kann teils schon wieder mit Gewinnen aufwarten. Ausgeblendet werden dabei die toxischen Papiere, die in den Bilanzen verbleiben - der Internationale Währungsfonds IMF rechnet weiterhin mit 4 Billionen Dollar an Abschreibern. Was droht uns noch von dieser Seite?

Bob Doll: Wir glauben, dass diese Zahl zu hoch gegriffen ist. Denn die Liquidität in den Kreditmärkten allein hat sich in letzter Zeit deutlich verbessert.

Wo sehen Sie konkret Verbesserungen?

Doll: Ich sehe keinen einzigen Bereich, geografisch wie auch über alle Anlageklassen gesehen, der sich in den letzten sechs Monaten nicht verbessert hätte. Obwohl wir weiterhin mit Rückschlägen rechnen müssen, finden nun Verkäufer wieder Käufer, absolut sind die Risikoprämien deutlich zurückgegangen.

Auch am Markt für die giftigsten aller Kredite, die mit Hypotheken besicherten Papiere?

Doll: Sicher werden nicht die Volumen erzielt wie vor zwei Jahren. Aber es ist wieder möglich, solche Produkte zu handeln, und die Situation bessert sich ständig.

BlackRock hat anderen Banken solche Kredittranchen abgekauft und ist nun auch sehr interessiert an den von der US-Regierung vorgeschlagenen Sammelfonds für schlechte Kredite, dem sogenannten Public Private Investment Program PPIP. Wieso?

Doll: Wenn sich das Finanzsystem erholen soll, dann muss zuerst der Bankensektor wieder Stabilität finden. Dazu sind aber zwingend Teile der toxischen Anlagen aus den Bilanzen zu entfernen. Wir hoffen, dass PPIP das richtige Instrument dafür ist - und natürlich, dass wir als Partner in diesem Programm mittun können.

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Wie stehen die Chancen dazu?

Doll: Die US-Regierung geht sehr vorsichtig vor bei der Auswahl. Unsere Erfahrung im Kreditbereich und unsere Fähigkeiten im Management von Risiken verhelfen uns aber zu einer guten Position. Aber eben: Wir können keine Hühner zählen, bevor die Küken nicht geschlüpft sind.

Die Eier könnten aber auch faul sein - dann nämlich, wenn sich die Lage am US-Häusermarkt verschlechtert. Die jüngsten Daten deuten doch in diese Richtung.

Doll: Die Preise für Eigenheime fallen weiter, stimmt. Wir sind aber nach wie vor der Auffassung, dass wir bis zum Jahresende eine sichtbare Erholung sehen werden.

Darauf dürfte auch die Schweizerische Nationalbank hoffen: Sie hat der UBS toxische Papiere abgekauft und diese in eine Auffanggesellschaft, eine Bad Bank, ausgelagert. Wie beurteilen Sie diesen umstrittenen Schritt?

Doll: Es gibt keine Zauberformel in dieser Krise. Vielmehr müssen verschiedene Instrumente zur Stabilisierung der Banken eingesetzt werden.

Wäre BlackRock allenfalls an Papieren der Schweizer Bad Bank interessiert?

Doll: Selbst wenn ich das wüsste, dürfte ich es ihnen nicht sagen.

Äussern können Sie sich als oberster Anlagestratege aber zum Börsenumfeld. Werden wir nach der jüngsten Börsenrally einen weiteren Absturz erleben?

Doll: Wir schätzen, dass wir am Aktienmarkt den Boden nun möglicherweise erreicht haben. Die Erholung wird gestützt durch das aggressive Eingreifen der Regierungen, die günstigen Bewertungen und die positivere Investorenstimmung.

Wie stark könnten die Aktienmärkte bis zum Jahresende zulegen?

Doll: Wir sehen den S&P 500 Index Ende 2009 bei 1000 Punkten, allerdings könnte es bis dahin zu Rückschlägen kommen.

Und wie geht es an den europäischen Börsen weiter?

Doll: Europa hat das Problem spät erkannt, die Leitzinsen wurden zu zögerlich gesenkt, und die Staaten sind nicht in der Lage, ihre Steuerpolitik zu koordinieren. Unsere Sicht ist, dass die europäische Wirtschaft wie auch die Aktienmärkte hinter den USA her hinken werden. Das gilt auch für die Schweiz als Teil dieser Region.

Wie ist der Ausblick für die Realwirtschaft?

Doll: Ich denke, dass in den USA der schlimmste Teil der Rezession mit dem 1. Quartal 2009 hinter uns liegt. Im 2. Quartal sollte sich der Schrumpfungsprozess abschwächen, und bis zum Ende dieses Jahres sollten wir ein Nullwachstum sehen. 2010 erwarte ich wieder leichtes Wachstum.

Wann wird sich dies in positiven Firmengewinnen niederschlagen?

Doll: Wir sehen bereits, dass die Analysten ihre Gewinnerwartungen weniger deutlich zurücknehmen, der Strom an schlechten Nachrichten wird also dünner. Aber wir werden noch einige Verluste hinnehmen müssen, bis es 2010 wieder aufwärts geht. Die Aktienkurse werden aber schon früher auf diese Aussichten reagieren.

Dann müssten die Investoren bald wieder zukaufen. Welche Anlagen empfehlen Sie?

Doll: Wenn unsere Annahme korrekt ist, dass wir uns am Ende eines Bodenbildungsprozesses befinden, dann sollten sich die Anleger von ihren Cash- und Staatsanleihenpositionen verabschieden, zugunsten risikoreicherer Anlagen wie Aktien und Unternehmensanleihen.

Welche Aktieninvestments bieten Potenzial?

Doll: In den entwickelten Märkten bevorzugen wir die USA. Generell sehen wir aber bei den Schwellenländern Chancen, da wir annehmen, dass diese weniger schwer unter der Rezession leiden werden. Auf Sektorebene empfehlen wir im zyklischen Bereich Energiefirmen, bei den defensiven Werten Gesundheitstitel und bei den Wachstumswerten Technologie.

Und wo bieten sich auf der Anleihenseite Opportunitäten?

Doll: Wie gesagt, wir würden Staatsanleihen zugunsten von Firmenbonds untergewichten, würden dort aber sehr auf hohe Schuldnerqualität achten.

Muss wegen der Rezession vermehrt mit Kreditausfällen gerechnet werden?

Doll: Ja, die Zahl der Ausfälle wird in den nächsten ein, zwei Jahren sehr hoch sein.

Nun wird aber auch die Schuldnerqualität von führenden Industrienationen angezweifelt - Grossbritannien wurde von einer Ratingagentur heruntergestuft, den USA blüht dies vielleicht bald. Wie hoch sind die Länderrisiken?

Doll: Wir sehen derzeit vor allem noch in Osteuropa Gefahren, generell sind die Länderrisiken sehr ernst zu nehmen und zu analysieren.

Was wären die Folgen eines «Downgrades» für die USA?

Doll: Das wäre sicher nicht positiv für das Land. Allerdings nehmen die Anleihenkurse drohende Downgrades meist lange vorweg. Was nichts daran ändert, dass die USA in der kommenden Erholung ihren Finanzhaushalt in Ordnung bringen müssen.

Damit bleibt wohl auch Gold als sicherer Hafen attraktiv?

Doll: Der Goldpreis hat schon sehr stark zugelegt, eine Korrektur ist hier wahrscheinlicher als grosse Zugewinne. Auf lange Frist glauben wir aber, dass Gold als Absicherung gegen eine Verschlimmerung der Lage oder gegen eine ansteigende Inflation durchaus Sinn macht. Gold gehört derzeit ins Portefeuille.

Muss denn mit einer erhöhten Inflation gerechnet werden?

Doll: Unsere Vermutungen gehen in die Richtung, dass wir nicht so bald mit Inflation rechnen müssen, auch noch nicht im Jahr 2010. Das Wachstum dürfte so langsam sein, dass ein rascher Anstieg der Teue- rung wenig wahrscheinlich ist. Für Wertschriften dürfte die Inflation in den nächsten Jahren deshalb kein Problem sein.