DOLLAR. Für seine Verhältnisse hatte sich Jean-Claude Trichet ganz schön weit aus dem Fenster gelehnt. Von «unzweifelhaft scharfen und abrupten Kursbewegungen» hatte der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) bei der letzten Ratssitzung gesprochen und damit zu verstehen gegeben, dass er von dem Höhenflug des Euro gegenüber dem Dollar nur mehr wenig hält. «Ich habe schon gesagt, dass brutale Veränderungen nie willkommen sind.»

Zentralbanker machtlos

«Brutale Bewegungen» hatte Europas oberster Währungshüter schon einmal kritisiert. Das war 2004, als der Euro genau wie heute in kurzer Zeit extrem an Wert gewonnen hatte. Doch während Trichets Worte damals wirkten und den Anstieg stoppten, zeigten sich die Devisenmärkte dieses Mal von seiner Warnung unbeeindruckt. Im Gegenteil: Der Euro hat gegenüber dem Dollar ein neues Rekordhoch erklommen, mittlerweile sind je Euro 1.47 Dollar zu bezahlen. Auch gegenüber dem Franken notiert der Dollar mit 1.11 Fr. auf einem Allzeittief.Und es sieht nicht so aus, als ob sich der Dollar bald wieder aufrappeln würde. «Der Euro kann die Hürde von 1.50 Dollar noch in diesem Jahr nehmen», sagt Deutsche- Bank-Chefökonom Norbert Walter. «Ich erwarte nicht, dass es im kommenden Jahr schon zu einer Trendwende kommt.» Hauptgrund für die Euro-Rally ist die Zinsschere zwischen den USA und dem Euroraum.

Zinssenkung im Dezember?

Angesichts der schwächelnden US-Konjunktur dürfte die amerikanische Notenbank Fed die Zinsen wahrscheinlich viel schneller senken als die EZB. Die nächste Zinssenkung der US-Notenbank wird schon diesen Dezember erwartet. Das wiederum macht europäische Wertpapiere für Investoren interessant und zieht Kapital an, das in Amerika fehlt. Den Euro treibt das auf Dauer nach oben. Natürlich könnte die EZB jetzt eingreifen und im grossen Stil Dollar aufkaufen. Als sich die USA Mitte der 80er Jahre in einer vergleichbaren Situation befanden, haben sie genau das gemacht. In dem nach einem New Yorker Luxushotel benannten Plaza-Abkommen hatten sich die Industrienationen darauf geeinigt, den Aufwärtstrend des Dollar zu stoppen. Damit waren sie so erfolgreich, dass sie zwei Jahre später im Pariser Schloss Louvre beschliessen mussten, den Dollar nun zu stützen. Dieser hatte seit 1985 gegenüber der D-Mark die Hälfte seines Wertes eingebüsst. Das erneute Eingreifen blieb jedoch nicht ohne Nebenwirkungen. Zwar fing sich der Wechselkurs zunächst, doch wenige Monate später begannen die Kurse so stark zu schwanken, dass sie einen Börsenkrach auslösten, der heute noch als «schwarzer Montag» bekannt ist. Insofern ist umstritten, ob so ein Eingreifen wirklich sinnvoll ist. Und realistisch.

VAE wollen Euro statt Dollar

Denn heute wollen immer weniger Länder allzu eng mit dem trudelnden «Greenback» verbunden sein, geschweige denn ihr Vermögen dort anlegen. Letztes Beispiel sind Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE). Sie möchten ihre Währungen neu bewerten und dabei gleich die Anbindung an den Dollar (Dollar-Peg) lösen. Pikant dabei: Die VAE haben ihrerseits angekündigt, 10% ihrer Währungsreserven künftig in Euro anzulegen. Zudem sind Investments in China geplant. Nächsten Monat wird sich zeigen, ob dieses Ansinnen in die Tat umgesetzt wird, denn dann treffen sich die Golfstaaten zur geldpolitischen Beratung. Schon heute belastet dieses Treffen jedoch den Dollarkurs noch zusätzlich.

Kein Ende der Krise in Sicht

Dabei lastet der US-Immobilienmarkt schon schwer genug auf dem Dollarkurs. «Deutlich an Stärke gewinnen wird der Dollar erst wieder, wenn sich auf den Märkten der Eindruck durchsetzt, dass die Krise in den USA überstanden ist und die amerikanische Wirtschaft wieder stärker wächst», sagt Michael Hume von der US-Investmentbank Lehman Brothers. Doch dies hängt heute in der Schwebe, denn am US-Häusermarkt wird der stärkste Rückgang seit 14 Jahren erwartet. Das gibt jenen Stimmen Auftrieb, die vor einer Rezession in den USA warnen. Käme es tatsächlich dazu, würde der Dollar erst recht an Wert verlieren.

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