Mittwoch, 2. Juni 1976, Kommissionszimmer Nr. 4, Parlamentsgebäude, Bern: Kurz vor Ende der Sitzung der Finanzkommission mit Finanzminister Georges-André Chevallaz und Nationalbank-Vizepräsident Leo Schürmann stellt Ständerat Franz Muheim (CVP Uri) die Frage, die vielen unter den Nägeln brennt: «Man hat das Gefühl, dass die Grossbanken eine wesentliche Mitschuld an der Kursentwicklung tragen, und dass sie mit ihren weltweiten Finanztransaktionen die Interessen unseres Landes zu wenig beachten. Hat die Nationalbank auch diesen Eindruck?» Der spätere Preisüberwacher Leo Schürmann windet sich: «Die Grossbanken sind tatsächlich beeindruckend gross. (...) Wohl springen die Generaldirektoren über ihren eigenen Schatten; die Devisenhändler tun dies aber nicht immer.»

Fast 35 Jahre später wiederholt sich die Geschichte. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) veranstaltete mit den Wirtschaftsverbänden einen Krisengipfel in Bern. Was ist zu tun gegen den starken Franken, der die Exportindustrie kaputt zu machen droht?

Daniel Lampart, Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB), wärmt den alten Vorwurf neu auf und wirft den Banken «ein übles Spiel bei dieser Währungsspekulation» vor. Er fordert ein Gentlemen’s Agreement zwischen Nationalbank und Banken, in dem diese versprechen müssten, nicht gegen den Franken zu spekulieren. Der Gewerkschafter erhält dabei ungewohnte Unterstützung: Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbands, stösst ins gleiche Horn.

Wirkungslose Abkommen

Vorwürfe an die Banken, Gentlemens Agreement, Hilflosigkeit der Nationalbank, Schulterschluss von links und rechts: Alles schon mal dagewesen. Pierre Languetin, Generaldirektor der Nationalbank, kritisierte Ende 1977 an einer Konferenz mit dem Vorort, dem Vorläufer von Economiesuisse, die «Devisenhändler und Bankiers», sie würden «immer wieder das Misstrauen in die weitere Entwicklung des Frankenkurses» nähren und die Meinung äussern, «dieser werde stets weiter ansteigen». Die Gentlemens Agreements blieben «weitgehend wirkungslos», wie der Geldtheoretiker Peter Bernholz in der Festschrift zum 100-jährigen Bestehen der Nationalbank festhielt. Dennoch griffen Währungshüter und Politiker immer wieder gerne darauf zurück, wenn Kritik an den Banken aufkam.

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Nachdem das Fixwährungssystem von Bretton Woods 1973 zusammengebrochen und die Schweiz zum flexiblen Wechselkurs übergegangen war, kam es zu massiven Dollarzuflüssen in die Schweiz. Der Franken verteuerte sich zwischen 1971 und 1977 handelsgewichtet um fast 80 Prozent. «Was gedenkt der Bundesrat zu unternehmen, um den Durchhaltewillen der hartbedrängten Unternehmen zu stärken und damit den nicht unbedeutenden Zweig unserer Volkswirtschaft vor einem völligen Zusammenbruch zu bewahren?», fragten Nationalrat Otto Nauer (SP Zürich) und 23 Mitunterzeichner 1975 im Namen der Bekleidungsindustrie. Ähnlich tönte es aus der Uhren-, Maschinen- und Schuhbranche.

Die Antwort der Nationalbank waren Gentlemen’s Agreements mit den Banken, die der Bundesrat dann verschärfte und für allgemeinverbindlich erklärte. Die Anlage ausländischer Gelder in inländischen Wertpapieren und Grundstücken wurde verboten, ebenso die Verzinsung von kurzfristigen ausländischen Frankenguthaben, die zusätzlich mit einem Negativzins belegt wurden. Das konnte die Frankenaufwertung aber nicht bremsen, denn dafür waren nicht die Banken, sondern fundamentale Gründe verantwortlich.

Die «Pflästerlipolitik der Banken»

Die Nationalbank, noch ohne grosse Erfahrung mit flexiblen Wechselkursen, experimentierte mit Deviseninterventionen. «Wenn man jetzt eine Wirkung erzielen wollte, dann wären Interventionen im Umfang von mehreren Milliarden Franken notwendig. Früher waren kleinere Dollarübernahmen durchaus wirksam», erklärte Schürmann. «Zu Beginn des Jahres wussten wir, woran wir waren. Heute tappen wir etwas im Dunkeln.» Ständerat Fritz Honegger, der spätere Bundesrat, kritisierte: «Die Pflästerlipolitik der Nationalbank - sie macht immer wieder etwas, aber nichts Spektakuläres - nützt nicht viel.»

Die Vorschläge, die heute herumgeistern - sie waren alle schon da. Der von der Linken immer mal wieder lancierte Sonderwechselkurs für Exporteure genauso wie die Anbindung an eine Währungsunion. Damals war es die «Europäische Währungsschlange», ein Vorläufer des Euro, mit dem über einen Beitritt verhandelt wurde. Auch die Erklärungen des Bundesrats kommen einem bekannt vor. Volkswirtschaftsminister Ernst Brugger klagte 1975: «Man hat nun riesige Geldschöpfungsmassnahmen getroffen; man hat Geld in die Wirtschaft hineingepumpt in einem Ausmass, das von uns aus gesehen bedenklich ist, weil damit wieder die Masse an Dollars vermehrt wird, von denen wir nun allgemach genug haben.» Auch damals klagten die Schweizer auf hohem Niveau: «Wenn wir unsere Schwierigkeiten auf der internationalen Ebene darlegen wollten, würde man uns auslachen und fragen: Was fällt euch ein? Diese 3000 Ganzarbeitslosen bedeuten etwa 1 Promille, während es an anderen Orten 2 bis 5 Prozent sind», führte Brugger aus.

Wie Krisentreffen enden können, lässt sich in den Protokollen aus den 70er-Jahren nachlesen: An der Konferenz des Vororts mit den Handelskammern und Nationalbank-Vertretern vom 30. November 1977 brachte es Vorort-Geschäftsführer Gerhard Winterberger auf den Punkt: «Abschliessend stelle ich fest, dass an unserer heutigen Konferenz niemand in der Lage war, den währungspolitischen Himmel aufzuhellen. Wir werden das Gespräch bei Gelegenheit weiterführen.»

Der Franken stieg ungerührt weiter. Im September 1978 änderte die Nationalbank schliesslich ihre Politik und koppelte den Franken an die D-Mark.