Wie anders sah doch die Ausgangslage zu Beginn des nun abgelaufenen Semesters aus. Damals waren die Anleger noch berauscht vom Gewinnlauf der Märkte im Jahr 2009, und die hohe Staatsverschuldung gewisser europäischer Staaten wurde höchstens als störendes Nebengeräusch wahrgenommen.

Optimisten habens schwer ...

Zum Auftakt in die 2. Jahreshälfte ist ebendiese Verschuldung schmerzhaft zurück ins Zentrum der Wahrnehmung der Märkte gerückt worden, zusammen mit all den Problemen, die sie nach sich zieht Vertrauensverlust und fallende Kurse bei Anleihen, Devisen und Aktien, drohende Ausfälle bei Kreditinstituten. Und, am dringlichsten: Die Angst, dass der von den Regierungen der Industrieländer eingeschlagene Sparkurs die Wirtschaftserholung im Keim ersticken könnte. «Double dip» heisst dieses Szenario, und es ist bei den Anlegern gefürchtet, würde es doch ein neuerliches Abgleiten in die Rezession bedeuten. Kein Wunder darum, dass der Schweizer Aktienmarkt, gemessen am breiten Swiss Performance Index SPI, keine grossen Stricke mehr zerreist. Im 1. Halbjahr 2010 resultiert hier eine rote Null.Optimisten haben es in diesem Umfeld schwer. Diverse Schweizer Geldhäuser raten inzwischen dazu, den Anteil an Aktien im Portefeuille abzubauen. «Wir empfehlen, Aktien unterzugewichten. Wir sind in einer kritischen Phase mit einigen Risiken angelangt», sagt Claude Zehnder, Analytiker bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB).

... Schwarzseher auch

Dabei reduzierten die Institute auch selber ihre Positionen, wird von Marktbeobachtern vermutet. «Verantwortlich für die grosse Verkaufswelle der letzten Wochen ist meiner Meinung nach auch das sogenannte Window Dressing institutioneller Investoren, vor allem von Hedge-Fonds und Banken», sagt Christian Gattiker, Anlagestratege bei der Bank Julius Bär. So würden vor der Halbjahresbilanz noch Risikopositionen abgestossen und Underperformer aus den Kundenportefeuilles entfernt.

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Obwohl sich also risikofreudige Anleger gegen «ihre» Bank oder den Vermögensberater durchsetzen müssten, gibt es aber Argumente, die für Zukäufe bei Aktien sprechen. So rechnen zurzeit selbst Schwarzseher nicht mit einem «double dip». Einerseits, weil es sich dabei um ein extrem seltenes Phänomen handelt. Stattgefunden hat ein «double dip» zuletzt in den USA zwischen 1979 und 1982 - und dieser wurde der Wirtschaft sozusagen von der US-Notenbank «verordnet», um die ausufernde Inflation zu beseitigen.

Gegen eine weitere Rezession spreche anderseits gerade auch die vorangegangene Wirtschaftsschwäche, sagt Gattiker von Julius Bär. «Firmen haben jetzt einen hohen Nachholbedarf bei den Investitionen.» Das spräche demnach auch für Übernahmen und für höhere Dividenden. Sei die Angst erst mal aus dem Markt draussen, könnte sogar die jährliche Sommerrally anlaufen, folgert der Experte deshalb.

Doch welche Aktien werden in diesem Fall das Rennen machen? Zu den Siegern am SPI gehörten im 1. Halbjahr Austriamicrosystems mit 60% Performance sowie Feintool und Calida mit je knapp 50% Kursgewinn. Unter den Blue Chips liegt Swatch mit 24% vorn, es folgen Richemont mit 16% und SGS mit 14% Zugewinn. Generell legten dabei die Sektoren Nahrungsmittel und Industrie am stärksten zu, wenig Staat liess sich mit Pharma und Versorgern machen.

Gut möglich, dass sich an dieser Aufstellung so rasch nichts ändert: Grosse Stücke halten die Analysten weiterhin auf die Industrie, zumal auf Zulieferer der Textil- und Autobranche wie Rieter oder Georg Fischer. «Die Textilbranche hat nun ein vierjähriges Tief hinter sich gebracht und profitiert genauso wie die Autohersteller vom Wachstum in den Schwellenländern», sagt Günter Käser, Partner bei KK Research, die unter anderem das Asset Management der Bank Valartis berät.

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Vorsicht Wechselkurse

Besonderes Augenmerk muss jedoch dem Franken gelten, der jetzt nicht nur gegenüber dem Euro, sondern auch gegenüber dem Dollar aufwertet. «Firmen, die in der Schweiz produzieren und in der Euro-Zone verkaufen, haben ein Problem», sagt Käser. Dem gegenüber stehen die Blue-Chip-Unternehmen, die kaum noch im Inland produzieren und in allen Währungsräumen Kunden finden. Zu den favorisierten Titeln gehören hier ABB, Holcim und nicht zuletzt Swatch. Wer auf Nummer sicher gehen will, wendet sich zudem den defensiven Schwergewichten Nestlé, Roche und Novartis zu. Diese haben schon im 1. Halbjahr dafür gesorgt, dass der SMI wesentlich weniger verlor als andere globale Leitindizes.