Nur einmal fiel der Börsenmonat Mai an der Wall Street, dem Nervenzentrum der weltweiten Finanzmärkte, so schlecht aus wie in diesem Jahr 2010. Damals, 1962, drohte nach der fehlgeschlagenen Invasion in der Schweinebucht und dem Beginn der Kubakrise ein Nuk-learkrieg - und damit der Weltuntergang.

Heute, 48 Jahre später, ist es nicht die Bay of Pigs, sondern sind es die hoch verschuldeten PIIGS-Staaten der Eurozone, welche die Börsen in Aufruhr versetzen. Der Dow-Jones-Index wurde unter 10 000 Punkte gedrückt, und der Euro fiel zum Franken mit 1.37 auf ein Allzeittief. Stimmungsbarometer wie jener von Swisscanto, welcher die Präferenz der Anleger für risikoreiche Märkte misst, notieren im «Panik»-Bereich (siehe Grafik).

Dies alles ist Ausdruck der Angst der Investoren vor Staatspleiten und einem Auseinanderbrechen der Euro-Zone sowie möglichen Ansteckungseffekten auf die erhoffte Wirtschaftserholung.

Angst vor dem Ungewissen

Damit droht der Welt zwar nicht der Untergang. Aber ihren Börsen zumindest ein GAU, warnt Alfons Cortés, geschäftsführender Partner der Vermögensverwaltungsboutique Unifinanz. «Noch nie in der Börsengeschichte bestand die Gefahr, dass europäische Staaten oder die USA ihre Schulden nicht mehr bedienen können», so Cortés. «Der Finanzmarkt ist zurzeit hysterisch, es herrscht eine unterschwellige Angst vor der Finanzkrise Teil 2», sagt auch Thomas Härter, Leiter Anlagestrategie bei der Fondsgesellschaft Swisscanto.

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Es ist genau dieses Ungewisse, das Fehlen jeglicher Vergleichsszenarien, das die Anleger auch dieser Tage so stark verunsichert - dies trotz einer fundamental intakten Erholung. Damit gleiche die Lage wiederum der Situation vor der Kubakrise, urteilt Bob Doll, oberster Aktienstratege des weltweit grössten Vermögensverwalters BlackRock. So verlor die US-Börse 1962 rund 30%, während das BIP der Vereinig-ten Staaten rasch zulegte.

Auch heute gibt es aus den USA positive Konjunktursignale, und in Übersee wie auch in Europa können die Anleger mit guten 2.-Quartals-Zahlen rechnen. «Die Unternehmen haben so stark gespart, dass jede Besserung überproportionale Erträge verspricht», sagt Härter von Swisscanto.

Doch dafür haben die Anleger jetzt kein Gehör. Stattdessen bestimmen räumlich isolierte Ereignisse wie die Ölpest vor Florida, die Finanzlage in Ungarn und das Säbelrasseln von Nordkorea den Handel.

Auch jene, welche die Märkte beruhigen wollen, operieren mit Psychologie: Die 750 Mrd Euro, welche die EU-Leitwährung stützen sollen, entsprechen dem doppelten der jährlichen Wirtschaftsleistung der Schweiz. «Eine unvorstellbar hohe Zahl», erklärt Thomas Stucki, CIO der Hyposwiss Privatbank. Doch selbst solche Summen stiften kein Vertrauen mehr. Im schlimmsten Fall droht eine Abwärtsspirale, in der sich schlechte Nachrichten und Kursverluste wechselseitig antreiben.

Bankaktien meiden

Für besonders gefährlich hält Härter von Swisscanto in diesem Umfeld Politikfehler. So etwa den Sparwettbewerb unter den Regierungen in Europa und eine zu forsche Regulierung der Banken. Schon jetzt sei die Geldschöpfung der Banken via Kredite sehr tief. Wenn jetzt noch die Eigenmittel stark gesteigert werden müssten, könnten die Kredite ganz versiegen, fürchtet Härter.

Also verkaufen, solange noch Zeit ist? Nein, sagt Cortés von Unifinanz. «Ich würde empfehlen, jetzt erst einmal abzuwarten. Denn wer vorschnell verkauft, verpasst vielleicht eine baldige Erholung.» Auf der sicheren Seite sind Anleger gemäss Cortés mit Gold, dagegen sollte man speziell europäische Bankaktien meiden.

Vorteile für Schweizer Firmen

Eine langfristig festgelegte Strategie sollte sicherlich nicht aufgrund der aktuellen Marktsituation komplett geändert werden, findet auch Sven Bucher, Leiter Research bei der Zürcher Kantonalbank ZKB. «Wir raten derzeit jedoch aufgrund der erhöhten Risiken zu einer reduzierten Aktienquote und würden Zukäufe nur selektiv vornehmen», so Bucher. Im jetzigen Umfeld seien defensive Aktien wie Novartis, Roche oder Swisscom interessant.

Und obwohl die Wechselkursvolatilitäten für den Schweizer Aktienmarkt negativ seien, wirke die strukturelle Euro-Schwäche und der damit einhergehende stärkere Dollar für viele Schweizer Firmen als Wettbewerbsvorteil, sagt Bu-cher. «Unternehmen mit einem grossen Anteil der Produktion in Europa und einem Grossteil des Absatzes im Dollarraum wie Sonova, Swatch und Richemont, könnten profitieren.»