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Notstand
«200'000 Frauen sind unterbeschäftigt»

ABB-Ingenieurin: Solche Spezialisten sind in der Schweiz gesucht. Keystone

Die Schweiz hat zu wenig Fachkräfte, deshalb holt man ausländische Spezialisten. Das ist keine Lösung, sagt Kaderfachmann Jürg Eggenberger. Er schlägt vor, Teilzeitbeschäftige besser einzubinden.

Von Stefan Mair
am 07.09.2015

Manche sagen, die Rede vom Fachkräftemangel sei übertrieben. Warum wird das Thema so unterschiedlich eingeschätzt?

Jürg Eggenberger: Der Fachkräftemangel ist relativ gut dokumentiert, ist aber als Begriff interpretationswürdig. Es gibt Studien und Indikatoren, wie die Zahl offener Stellen, zugewanderter Arbeitskräfte oder der Deckungsgrad offener Stellen durch Qualifizierte. In der öffentlichen Wahrnehmung wird oft nicht verstanden, wenn man vom Fachkräftemangel spricht und gleichzeitig Arbeitslosigkeit in den betroffenen Branchen herrscht. Fachkräftemangel bezieht sich eben nicht nur auf das quantitative Angebot an Arbeitskräften. Sondern das qualitative Angebot, also die gesuchten Qualifikationen, müssen der Nachfrage entsprechen. Immer wichtiger dabei wird die richtige Kombination von Kompetenzen und Soft Skills.

Der Fachkräftemangel ist also Tatsache?

Der Fachkräftemangel ist Realität und betrifft Ingenieure, Informatiker, das Gesundheitswesen und auch schon Führungskräfte. Aufgrund des Rückgangs der Schulabgänger übersteigt bereits heute das Lehrstellenangebot die Nachfrage. Solange man der Knappheit mit Zuwanderungen aus anderen Ländern entgegenwirken kann, ist der Fachkräftemangel weniger ein Problem. Die Einführung der Personenfreizügigkeit mit der EU ermöglichte es der Schweiz, einen Grossteil der fehlenden Fachkräfte relativ einfach im Ausland zu rekrutieren. Für das Funktionieren des inländischen Arbeitsmarktes ist das aber nicht unbedingt positiv.

Wie meinen Sie das?

Nun, ausländische Fachkräfte sind vielfach billiger. Aber die Gefahr besteht, dass man bei einer solchen Strategie nachhaltige Massnahmen der Personalentwicklung und Arbeitsgestaltung vernachlässigt, wie die effiziente Integration und Weiterentwicklung von Berufseinsteigern, das Angebot an flexiblen Ausbildungsmodellen oder die permanente Weiterbildung von älteren Beschäftigten.

Eine Strategie mit einigen Risiken, wie sich herausstellt.

Genau, nicht erst seit der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative. Fachkräfte aus anderen europäischen Ländern sind mobil - das ist ja der Sinn der Personenfreizügigkeit - und hochqualifizierte und spezialisierte Arbeitskräfte werden international immer stärker umworben. Seit der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative wenden sich viele deutsche Fachkräfte zudem von der Schweiz ab, weil sich die Arbeitsbedingungen in ihrem Heimatland verbessert haben und sie das Gefühl haben, in der Schweiz nicht willkommen zu sein.

Um dem Fachkräftemangel zu begegnen, wird oft gefordert, ungenutzte Ressourcen im Inland zu aktivieren. Was steht dieser Forderung bisher im Weg?

Wir müssen uns bewusst sein: Das inländische Arbeitspotenzial wird mit einer Erwerbstätigenquote der 15- bis 64-jährigen Bevölkerung von fast 80 Prozent im Vergleich zum Ausland bereits sehr gut genutzt. Wir haben zudem - trotz Frankenstärke - eine relativ tiefe Arbeitslosigkeit. Bei der Integration von weniger gut Qualifizierten ist entscheidend, wie gross die Lücke ist zwischen den Kompetenzen dieser Personen und den nachgefragten Kompetenzen beziehungsweise Qualifikationen der Wirtschaft.

Konkret?

Studien identifizieren folgende Potenzialfelder ungenutzter Ressourcen: Erstens muss man bereits bei der Jugend anfangen und vermehrt sicherstellen, dass die Quote der Jugendlichen mit einem Sek-II-Abschluss erhöht wird. Damit werden sie für die Berufslehre interessant und gleichzeitig steigen ihre Arbeitsmarktchancen. Nach Abschluss der Lehre ist es wichtig, dass sich Arbeitgeber und Dachverbände für eine Weiterbeschäftigung in der Branche engagieren. Hier wird aktiv zu wenig getan, die Transparenz über stellensuchende Absolventen fehlt.

Und die stärkere Integration von Frauen?

Ein weiteres Potenzial ist eben dasjenige qualifizierter Frauen, die mehrheitlich Familienpflichten nachgehen. Gewisse Branchen vor allem in den MINT-Berufen haben aber generell einen tiefen Frauenanteil. Nicht vergessen darf man die Teilzeitbeschäftigten: Darunter befinden sich rund 200'000 Frauen, die unterbeschäftigt sind, also mehr arbeiten möchten und kurzfristig verfügbar wären. Die Wahl der Aus- und Weiterbildung muss stärker nachfrageorientiert gesteuert werden. Und ältere Arbeitnehmende müssen möglichst lange im Erwerbsleben gehalten werden. Das bedeutet, dass die Arbeitsmarktfähigkeit älterer Arbeits- und Führungskräfte konsequent gefördert werden muss. Dazu gehört auch die Sensibilisierung des Arbeiternehmers für lebenslanges Lernen.

Jürg Eggenberger ist Geschäftsleiter der Schweizer Kader Organisation SKO. Sie vertritt hierzulande die wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Interessen der Führungskräfte. Sie versteht sich als unabhängiges Kompetenzzentrum aller Branchen. 1893 als Schweizerischer Werkmeister-Verband gegründet, zählt die SKO heute 12 000 Mitglieder.

 

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