Weitgehend unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit bahnt sich in Venezuela offenbar die grösste Währungsabwertung der jüngeren Geschichte an. Klammheimlich müssen Unternehmen bei offiziellen Auktionen laut einer Analyse der britischen Bank Barclays inzwischen durchschnittlich 17,3 Bolivar für einen US-Dollar bezahlen.

Diese Auktionen sind für viele Unternehmen der einzige Weg, an Dollar zu gelangen, um damit ausländische Güter zu kaufen. Der Preis für einen Dollar liegt über 60 Prozent höher als vor einem Jahr, wie der Nachrichtendienst «Bloomberg» berichtet. Und es sind massiv mehr als der offizielle Wechselkurs von 6.3 Bolivar pro US-Dollar.

Angst vor weiterer Abwertung

Seit 2003 kontrolliert Venezuela den Handel mit ausländischen Währungen. Aktuell bestehen zwei Wechselkurse: Der offiziell festgesetzte Kurs und der sogenannte «Sicad», ein durch Auktionen festgelegter Schattenkurs. Für Medikamente und Lebensmittel des täglichen Bedarfs gilt der offizielle Wechselkurs, für den Rest gilt der Schattenkurs.

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Die Regierung um Präsident Nicolas Maduro scheut sich davor, die Währung offiziell abzuwerten, denn dies wäre mit hohen politischen Kosten verbunden. Die ohnehin schon dramatisch hohe Inflation von zuletzt rund 60 Prozent würde zusätzlich befeuert. Protestkundgebungen wie zuletzt im Frühjahr könnten wieder aufflammen.

121 Dollar für eine Kneifzange

Die Situation scheint nach westlichen Standards desolat für viele Konsumenten. Rund ein Viertel der Konsumgüter fehlen in den Regalen, wie die Zentralbank jüngst feststellte. Produkte, die noch vorhanden sind und nicht zum offiziellen Wechselkurs eingekauft wurden, klettern aufgrund der versteckten Teuerung in absurde Höhen.

Um die galoppierende Inflation zu verbildlichen, hat der in Caracas lebende Fotograf Carlos Garcia Rawlins im Auftrag der Nachrichtenagentur Reuters diverse Gegenstände abgelichtet und den Preis dazugeschrieben. Eine Dose Cola kostet demnach 35 venezolanische Bolivar. Nimmt man den offiziellen Wechselkurs, sind das 5.56 Dollar. Eine Kneifzange kostet 121 Dollar, ein Fön 697 Dollar. Andere Alltagsprodukte sind sogar noch teurer (siehe Bildergalerie oben).

Ein Fön kostet mehr als ein Mindestlohn

Die Regierung brüstet sich derweil mit dem höchsten Mindestlohn in Lateinamerika. Er liegt bei umgerechnet 519 Dollar pro Monat. Dies gilt allerdings nur, wenn die offizielle Umrechnung benutzt wird. Nach Schwarzmarktkursen erhält man massiv weniger.

Das bedeutet: Mit einem Mindestsalär kann man sich 93 Cola-Dosen kaufen. Oder vier Kneifzangen. Oder auch einen einzelnen Eimer weisser Farbe. 20 Liter. Für einen Haartrockner reicht der gesetzliche Mindestlohn nicht.