Nach vier Tagen blutiger Zusammenstösse zwischen Demonstranten und Polizei hat die Übergangsregierung in Ägypten ihren Rücktritt angeboten. Sie reagierte damit auf die heftigen Proteste auf dem Tahrir-Platz in Kairo, die sich gegen die Regierung und den Militärrat richten.

Unklarheit herrschte am Montagabend noch darüber, ob der Militärrat, der das Land seit der Entmachtung von Präsident Husni Mubarak im Februar lenkt, die Rücktrittsschreiben akzeptiert. Darüber gab es gegensätzliche Medienberichte. Bereits am Vortag war Kulturminister Emad Abu Ghasi zurückgetreten.

Unter anderem hatten die Muslimbrüder und die Jugendbewegung 6. April den Rückzug der Regierung von Ministerpräsident Essam Scharaf gefordert. Die Demonstranten auf dem symbolträchtigen Tahrir-Platz fordern vom Militärrat eine schnellere Übergabe der Verantwortung an eine zivile Regierung.

In Ägypten wird vom kommenden Montag an in drei Phasen ein neues Parlament gewählt. Damit zieht sich die Wahl bis zum Januar hin. Anschliessend soll das Land eine neue Verfassung bekommen.

Proteste dauern an

Die seit drei Tagen anhaltenden Proteste, an denen sich Tausende von jungen Leuten beteiligten, dauerten am Montagabend noch an. Im Laufe des Tages hatten die Sicherheitskräfte Tränengas gegen die Protestierenden eingesetzt, Demonstranten bewarfen Polizisten mit Steinen.

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Die Armee bestritt ein Eingreifen. Die Soldaten hätten vielmehr das nahe gelegene Innenministerium geschützt, zu dem dann die Demonstranten geströmt seien.

Laut den Vertretern der Leichenhalle in Kairo starben 21 Menschen in der Hauptstadt, ein Mensch kam bei Protesten in Alexandria ums Leben. Zuvor war von 33 Toten die Rede gewesen - elf Opfer hätten mit den Protesten aber doch nichts zu tun, sagte ein Vertreter später.

Landesweit wurden seit Samstag laut Gesundheitsministerium 1750 Menschen verletzt. Ärzte schätzten die Zahl auf 2200. Die Börse in Kairo brach angesichts der anhaltenden Gewalt am Montag um vier Prozent ein.

Sorge im Ausland

International wurde die Gewalt kurz vor den Wahlen mit grosser Sorge betrachtet. Der Chef der Arabischen Liga, Nabil al-Arabi, rief zur Ruhe auf. Er sei «sehr beunruhigt» und alle Seiten müssten sich unter Wahrung des Demonstrationsrechts und des Rechts auf freie Meinungsäusserung in Zurückhaltung üben, erklärte er.

Die EU rief die Ägypter auf, Selbstbeherrschung zu üben. Der britische Aussenminister William Hague sagte in der BBC, die Gewalt in Ägypten gebe «Anlass zu grosser Sorge». Dennoch stünden Wahlen an und trotz aller Konflikte und Probleme «müssen wir optimistisch bleiben, was den arabischen Frühling angeht».

Proteste hatte es am Sonntag unter anderem auch in Suez, Alexandria und in Al-Arisch gegeben. Die Demonstrationen hatten am Freitag auf dem Tahrir-Platz begonnen - am Samstag kam es dann zu Zusammenstössen, als Beamte versuchten, eine Sitzblockade unter Einsatz von Tränengas und Gummigeschossen aufzulösen.

(tno/sda)