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Bilanz
Alan Greenspan und der Opa-Bonus

Alan Greenspan in der Daily Show: Der frühere Fed-Chef hat jetzt ein Buch geschrieben. (Bild: ZVG)

Wie kein Zweiter wurde Alan Greenspan nach der Finanzkrise kritisiert. Jetzt hat der frühere Fed-Chef ein Buch geschrieben. Und seine Kritiker – etwa in Late Night Shows – lassen Altersmilde walten.

Von Mathias Ohanian
am 28.10.2013

Mit dem Alter wächst die Gelassenheit. Der Blick auf die Welt wird nachsichtiger, der Umgang mit den Mitmenschen ebenfalls. So manches gerät in Vergessenheit. Vorwürfe verblassen – bis sie nicht mehr interessieren. Besonders gut zu beobachten ist das Phänomen der gegenseitigen Altersmilde derzeit an Alan Greenspan.

Bis 2006 stand der inzwischen 87-Jährige fast zwei Dekaden der US-Notenbank Federal Reserve vor. 2008 setzte die globale Finanzkrise ein. Seine Kritiker zerrissen den Wirtschaftsexperten förmlich. Er wurde zum Sündenbock, für alles was im Finanzsystem falsch gelaufen war: Mit seiner langjährigen Niedrigzinspolitik habe er als Chef der wichtigsten Zentralbank der Welt die Entstehung von Vermögenspreisblasen erst ermöglicht. Zudem habe ihm kaum etwas an einer stärkeren Regulierung des Finanzsektors gelegen, lautete ein anderer Kritikpunkt.

Greenspan, der am stärksten kritisierte Wirtschaftsverantwortliche der Welt

Greenspan wurde binnen kurzer Zeit zu einem der am meisten gehassten Wirtschaftsverantwortlichen der Welt. Heute, fünf Jahre nach Ausbruch der Krise, hat er ein Buch veröffentlicht. «The Map and the Territory» ist seine persönliche Aufarbeitung der Geschehnisse. Und die verkauft er mit altersweisem Charme. Etwa in Talkshows amerikanischer TV-Sendern. Sein Auftritt in der «Daily Show» mit Jon Stewart vergangene Woche trug teilweise skurrile Züge. Greenspan ist mit seinen 87 Jahren nicht mehr der grosse Finanzmarkt-Deregulierer. Er kommt daher wie ein gutmütiger Opa, der mit seinem kleinen ABC der Wirtschaft versucht, das System zu erklären.

«Märkte machen sehr merkwürdige Dinge», schildert er dem interessierten Moderator Stewart. Weil sie aus Menschen bestehen, und: «Manchmal sind Menschen etwas verrückt», so Greenspan. Ungläubiges Staunen von Stewart, der seine Augen weit aufreisst. Dann: «Das haben Sie eben erst gelernt? Menschen sind doch immer verrückt», entgegnet ein sichtlich verdutzter Komiker. Gier sei doch überall zu beobachten. Fazit: Wenn Wirtschaftswissenschaften und Showbusiness aufeinandertreffen, kann es bisweilen sehr lustig werden. 

Greenspan ist jetzt auch Verhaltensökonom

Tatsächlich hat die Finanzkrise Greenspans Wirtschaftskosmos teilweise aus den Angeln gehoben – die Zweifel sind ihm anzumerken. Lange Jahre vertrat er die Auffassung, dass der Finanzsektor sich am besten selbst reguliere und das optimale Ergebnis für alle Beteiligten liefere. In seinem Buch widmet er sich jetzt unter anderem der Verhaltensökonomie. Trotz oder vielleicht gerade wegen seines hohen Alters hat er es geschafft, so manche durch die Finanzkrise in Frage gestellte Ansicht abzustreifen. Er legt dar, wie sehr das Auf und Ab an den Finanzmärkten doch von menschlichen Gefühlen wie Gier und Angst bestimmt wird. Stichwort: Animal Spirits. Unter anderem hierfür gewann vor zwei Wochen übrigens Robert Shiller den Nobelpreis.

Zudem sieht Greenspan die grossen Investmentbanken heute – im Gegensatz zu seiner Zeit als Fed-Chef – als Risikofaktor für die Stabilität des Finanzsystems. Banken müssten viel mehr Eigenkapital hinterlegen, legt er denn auch bei Jon Stewart dar. Mit ihrem eigenen Kapital würden sie denn auch viel sorgfältiger Risiken kalkulieren als sie es bislang tun. Viel mehr Regulierungsmassnahmen braucht es demnach nicht.

Larry Summers ist gespalten

Bei Experten löste Greenspans Buch bislang gespaltene Reaktionen hervor. Für die britische «Financial Times» schrieb Larry Summers eine Rezension: Der ehemaligen Wirtschaftsberater von US-Präsident Barack Obama und bis vor wenigen Wochen heisseste Anwärter auf den Posten des Fed-Chefs lobt Greenspans Kehrtwende.

Dessen Wandel geht ihm jedoch nicht weit genug. Summers Hauptkritik: Greenspan habe in den vergangenen Jahren nicht seine Aversion gegen keynesianische Makroökonomie aufgegeben. Dabei habe die expansive Fiskalpolitik 2009 einen noch tieferen Absturz in die Rezession verhindert. Selbst zurückblickend bedaure Greenspan die Entscheidung der Regierung, mit ihren Hilfsmittel für GM und Chrysler hunderttausende von Jobs gerettet zu haben, so Summers.

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