Zu Recht: Mit Ausnahme einiger Ölexportländer ist in der Geschichte noch kein Land ohne Industrialisierung reich geworden. Alle Blicke sollten deshalb jetzt auf die reale Wertschöpfung in unseren Volkswirtschaften gerichtet sein. Angesichts der globalen Finanzkrise in Europa sehen sich Politiker weltweit mit einer ungemütlichen Realität konfrontiert: Wenn die Industrieländer nicht damit aufhören, sich im Übermass auf Finanzgeschäfte zu verlassen, und sich nicht stattdessen von Grund auf neu aufbauen, verlieren sie ihren bisherigen ­Lebensstandard.

Die Weltgemeinschaft muss über die EuroZone und Staatsschuldenkrisen hinausblicken und die Gelegenheit zur strukturellen Transformation in den realen Sektoren der sich entwickelnden Welt wahrnehmen. Unter struktureller Transformation verstehe ich den Prozess, durch den die Länder auf der industriellen Leiter aufsteigen. Im Zuge des Produktionsfortschritts ­bewegen sich die Arbeitskräfte hin zu Produk­tionssektoren mit höherer Wertschöpfung. Im gesamten Jahr 2011 fiel mir das Potenzial weniger entwickelter Länder – darunter solche in Afrika südlich der Sahara – auf, erfolgreiche, stärker industrialisierte Länder wie Japan, Südkorea, Singapur, Malaysia, China oder Vietnam nachzuahmen. Tatsächlich können wir, indem wir unsere Entwicklungsanstrengungen auf die komparativen Vorteile ärmerer Länder richten, Vertrauen in den Unternehmenssektor wiederherstellen und Arbeitsplätze schaffen – nicht nur in Entwicklungsländern, sondern auch in fortgeschrittenen Volkswirtschaften.

In den Industrieländern sind die Kosten für Forschung und Entwicklung ziemlich hoch, da die dortigen Technologien bereits führend sind. Die Entwicklungsländer hingegen, einschliesslich derer in Afrika südlich der Sahara, können ihre industriellen Sektoren schnell expandieren, da sie ohne viel Risiko oder Kosten Technologie von den Industrieländern übernehmen können. Also hat die Rückständigkeit der Entwicklungsländer in Bezug auf Technologie und Industrie zur Folge, dass sie über Jahrzehnte um ein Vielfaches stärker wachsen können als entwickelte Länder.

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Wie ein Schwarmfliegender Gänse

Dieses Jahr im Mai hielt ich in Maputo, ­Mosambik, den jährlichen «Wider»-Vortrag der Universität der Vereinten Nationen über Entwicklung. Ich erklärte, dass die Gewinnstrategie für Entwicklungsländer darin liegt, dieselben handelbaren Industrien aufzubauen, wie sie in reicheren Ländern gängig sind. Eine hilfreiche Metapher zur Beschreibung dieser Idee ist das Muster fliegender Gänse. Vom 18. Jahrhundert an folgten die weniger entwickelten westeuro­päischen und ostasiatischen Länder ihren erfolgreicheren Nachbarn. Wie in einem Schwarm ­fliegender Gänse profitierten sie in der ersten Zeit ihrer Industrialisierung von dem Windschatten des Anführers und wurden dann selbst zu Industrienationen.­ Damit Entwicklungsländer nun von der industriellen Verbesserung in China und jener anderer grosser Schwellenländer voll profitieren können, müssen ihre Regierungen handelbare Güter ausfindig machen, die einen möglichen Wettbewerbsvorteil bieten könnten.

Kurz gesagt hilft das bevorstehende goldene Zeitalter der Industrialisierung in Entwicklungsländern dabei, in den Industrieländern Arbeitskräfte zu schaffen und die Erholung in Gang zu setzen. Die Vorteile dieses neuen Zeitalters liegen in zwei Bereichen: Es trägt zur Erfüllung der Millennium-Entwicklungsziele der UNO bei, die in der Halbierung der Armut bis 2015 bestehen, und hilft zusätzlich dabei, die globale wirtschaftliche Erholung zu fördern. Dann kann es ein goldenes Zeitalter für alle geben.

Justin Yifu Lin ist Chefökonom und Vizepräsident für Entwicklungsökonomie bei der Weltbank. © Project Syndicate, 2011