Das Land ist oft nicht «seriös» genug, merkte schon der ehemalige französische Präsident Charles de Gaulle an. Die Wachstumsraten sind zurückgegangen und stagnieren mittlerweile auf ähnlichen Werten wie in Europa, 2014 bei eins bis zwei Prozent. Trotz seinem enormen Potenzial hebt das Land nicht ab.

Zwar freut man sich von Rio bis Brasília, dass sich Indien und China um die Reichtümer des Landes reissen, doch Brasilien exportiert in erster Linie Rohstoffe, die in Asien verarbeitet und dann wiederum auf dem brasilianischen Markt verkauft werden. Ich habe nirgendwo so viele chinesische Autos gesehen wie in São Paulo. Genau das ist das Problem Lateinamerikas: Der Kontinent stagniert trotz seinem immensen natürlichen Reichtum. An Argentinien, das 1930 wohlhabender war als Frankreich oder England, lässt sich diesbezüglich ein Exempel statuieren.

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Der Kontinent stagniert trotz dem immensen Reichtum

Selbstverständlich gibt es erfolgreiche brasilianische Firmen, beispielsweise der Mischkonzern Votorantim, welcher im Finanzbereich und in der Energiegewinnung tätig ist, Brasil Foods im Nahrungsmittelbereich oder Embraer in der Luftfahrttechnik. Erwähnenswert ist ausserdem Odebrecht, ein vielseitiges Unternehmen, welches unter anderem im Baugewerbe und in der Erdölchemie tätig ist und 2010 mit dem «IMD-Lombard Odier Global Family Business Award» für die besten Familienunternehmen ausgezeichnet wurde.

Doch Tatsache ist, dass sich Brasilien nur dann weiterentwickeln wird, wenn man sich entschlossen der Schaffung von Mehrwert verschreibt. So bietet das Bauunternehmen Tigre, welches ich im Süden des Landes besucht habe, den zahlreichen Brasilianern und Brasilianerinnen, die ein Haus bauen, das gesamte Kanalisationsmaterial mit Ratenzahlung über fünf oder zehn Jahre an.

Geldmangel bei Gesundheit und Bildung

Wir dürfen auch nicht vergessen, dass Wachstum in jedem Land zunächst einmal eine entsprechende Infrastruktur voraussetzt. In Brasilien hält diese allerdings nicht Schritt. Sechs Monate vor der Fussballweltmeisterschaft habe ich zweieinhalb Stunden gebraucht, um die 20 Kilometer zum Flughafen von Rio zurückzulegen. Der 2010 in Angriff genommene Schnellzug zwischen Rio und São Paulo ist noch immer nicht fertiggestellt. Die Regierung hat Milliarden in Stadien investiert, doch im Gesundheits- und Bildungswesen herrscht akuter Geldmangel. Die Ausbildung einer Generation dauert mindestens 20 Jahre und Investitionen in diesem Bereich sind essenziell. Doch das Geld endet anderswo, zum Beispiel in der Zahlung überhöhter Steuern.

Aus sozioökonomischer Sicht wird das Land durch einige Probleme gebremst. Führungskräfte verdienen fast so viel wie in der Schweiz, gleichzeitig ist das Lohngefälle enorm. Wie in Frankreich ist die Entlassung von Arbeitskräften schwierig. Die von der gegenwärtigen Präsidentin, Dilma Roussef, gewollten Reformen sind nicht mehrheitsfähig. Wie andernorts auch ist die Hauptsorge der politischen Entscheidungsträger die eigene Wiederwahl. Politische Interessen haben Vorrang vor wirtschaftlichen und diese Tendenz ist auf allen Ebenen der Wirtschaft spürbar.

Unternehmensgründung als Spiessrutenlauf

In Brasilien ist wie in anderen Entwicklungsländern noch alles offen, doch man kann ohne Übertreibung sagen, dass die Unternehmensgründung dort ein wirklicher Spiessrutenlauf ist, sei es aufgrund der Beschaffung von Zulassungen oder des Steuersatzes. Dies schafft kein zuträgliches Klima für Investitionen, im Gegensatz zu Beispielen wie Singapur, wo man innerhalb einer Woche ein Unternehmen starten kann.

Erschwerend zur schwachen Infrastruktur kommt in Brasilien hinzu, dass für alle Phasen einer Geschäftsverhandlung Geduld und ein gutes Netzwerk erforderlich sind. In Teilen des Landes gibt es noch immer Korruption, was auch in anderen Ländern Lateinamerikas der Fall ist. In Argentinien habe ich beispielsweise einen talentierten Unternehmer kennengelernt, der mir erzählte, wie ihm ein Politiker einen Hausbesuch abstattete und dabei eine Schusswaffe auf den Tisch legte, um ihn zu einer Wahlkampfspende zu animieren. Solche Situationen sind ein Risikofaktor für Unternehmen, die sich nicht voll und ganz auf das Justizsystem verlassen können.

Der bürokratische Irrgarten ist ein grosses Hindernis

Hinzu kommt das Problem der öffentlichen Verwaltung. Wie Frankreich verfügt auch Brasilien über einen bürokratischen Irrgarten mit lokalen, regionalen und nationalen Verwaltungsinstanzen, die das System erheblich verlangsamen. Ausserdem herrscht eine gewisse Unbedarftheit, eine Tendenz, sich auf den inländischen Markt zu konzentrieren – was wahrscheinlich auf die Grösse des Landes und seiner Bevölkerung zurückzuführen ist; doch um innovativ zu sein, muss man über den eigenen Tellerrand hinausblicken.

Es mag belanglos klingen, doch in 30 Jahren regelmässiger Dienstreisen nach Japan wurde mir noch nie ein Termin abgesagt. In Brasilien kommt dies häufig vor, oftmals telefonisch, eine Stunde vor der vereinbarten Zeit. Von Sicherheitsproblemen ganz zu schweigen. In Rio hört man nachts oft Schüsse, und Freunde von mir wurden kürzlich an der Copacabana überfallen – sie kauften dort nicht etwa Uhren, sondern einfache T-Shirts!

Sieht die Zukunft Brasiliens düster aus? Angesichts der enormen Reichtümer des Landes kann ich das nicht glauben. Doch es wird noch sehr, sehr lange dauern, bis das Land echten Auftrieb bekommt und die Höhen erklimmt, die man ihm seit langem verheisst. Und genau das wünschen wir Brasilien.

* Dominique V. Turpin ist Präsident des International Institute for Management Development (IMD) in Lausanne.