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Analyse
Die Besten, Hellsten und Unproduktivsten

Robert Shiller: Der Wirtschaftsprofessor an der Yale Universität über Karrieren in der Finanzbranche. (Bild: Keystone)

Die Finanzbranche zieht die besten und talentiertesten Köpfe an – dabei ist der Bereich selbst kaum produktiv und womöglich sogar schädlich für unsere Gesellschaft.

Von Robert Shiller
am 24.09.2013

Entscheiden sich zu viele unserer talentiertesten Köpfe für Karrieren im Finanzbereich – und dort auch noch für den Wertpapierhandel, die Spekulation oder andere angeblich «unproduktive» Aktivitäten?

In den Vereinigten Staaten gingen im Jahr 2012 insgesamt 7,4 Prozent aller Zahlungen an Arbeitnehmer an Mitarbeiter in der Finanz- und Versicherungsbranche. Ob dieser Prozentsatz nun zu hoch ist oder nicht: Das eigentliche Problem liegt darin, dass dieser Anteil unter den am besten ausgebildeten und fähigsten Menschen noch höher ist – und deren Aktivitäten dann in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht nutzlos oder gar schädlich sind.

Bei einer Untersuchung von US-Eliteuniversitäten fand Catherine Rampell heraus, dass 2006, direkt vor der Finanzkrise, 25 Prozent der Abgänger der Harvard University, 24 Prozent derjenigen von Yale und sogar 46 Prozent der von Princeton ihre Karrieren im Finanzdienstleistungssektor begannen. Diese Prozentsätze sind seitdem etwas zurückgegangen, aber dabei könnte es sich um einen vorübergehenden Effekt der Krise handeln.

Spekulation braucht es

Einer Studie von Thomas Philippon und Ariell Reshef zufolge fand ein Grossteil der Steigerung der Finanzaktivitäten in den spekulativeren Bereichen statt, was auf Kosten des traditionellen Finanzwesens ging. Zwischen 1950 und 2006 ging die Kreditvermittlung (Kreditvergabe einschliesslich des traditionellen Bankwesens) relativ zum «sonstigen Finanzwesen» (darunter Handel mit Wertpapieren oder Rohstoffen, Wagniskapital, Private Equity, Hedgefonds, Trusts und andere Investitionsaktivitäten wie das Investment-Banking) zurück. Darüber hinaus stiegen die Löhne bei den «sonstigen Finanzen» im Vergleich zur Kreditvermittlung stark an.

Natürlich brauchen wir einige Menschen im Wertpapierhandel und in der Spekulation. Aber wie können wir wissen, ob es zu viele sind?

Für einige Menschen ist dies eine moralische Frage. Der Handel gegen andere wird als eine grundlegend egoistische Tat betrachtet, auch wenn er indirekt einen sozialen Nutzen abwirft. Wie Ökonomen aber zu Recht betonen, leisten Händler und Spekulanten nützliche Dienste. Sie analysieren Informationen über Unternehmen und versuchen (zumindest einen Teil ihrer Zeit), ihren realen Wert zu ermitteln. So helfen sie, die Ressourcen der Gesellschaft bestmöglich zu verteilen – d.h. hin zu den vielversprechendsten Unternehmen.

Eintreiber haben keinen produktiven Effekt

Aber die Aktivitäten dieser Leute verursachen dem Rest von uns auch Kosten. Tatsächlich behaupten Patrick Bolton, Tano Santos und José Scheinkman in einem Aufsatz von 2011, ein grosser Anteil der Spekulation und Geschäftemacherei sei reines Renditestreben. Mit anderen Worten, es ist überflüssige Aktivität, die auf nichts weiter abzielt, als Dingen Rendite abzuringen, die sonst gratis wären.

Das klassische Beispiel für Renditestreben ist das eines Feudalherrn, der auf seinem Land eine Kette über einen Fluss spannt und einen Eintreiber anstellt, der von vorbeifahrenden Booten Gebühren (oder eine Miete für die Benutzung) verlangt, um dann die Kette herunter zu lassen. Die Kette oder der Eintreiber haben keinerlei produktiven Effekt. Der Feudalherr hat den Fluss nicht verbessert und ist für niemand auf irgendeine Weise von Nutzen, ausser für sich selbst. Alles, was er tut, ist, eine Methode zu finden, Geld für etwas zu verlangen, das vorher umsonst war. Wenn sich genug Feudalherrn entlang des Flusses anschliessen, wird seine Benutzung stark erschwert.

Diejenigen im «sonstigen Finanzwesen» verhalten sich oft ähnlich. Sie schöpfen die besten Geschäfte ab und verursachen für die, die sich ihnen nicht anschliessen, einen «negativen externen Effekt». Wenn Finanziers die von ihnen verweigerten faulen Anlagen – beispielsweise Subprime-Hypothekenpapiere, Auslöser der Finanzkrise von 2008 – trotzdem verbriefen und an weniger gut informierte Investoren abwälzen, tragen Finanziers nicht mehr zur Gesellschaft bei als ein Feudalherr, der eine Kette über den Fluss spannt.

Ist Glass-Steagall-Act sinnlos?

In einem bald erscheinenden Thesenpapier erweitert Patrick Bolton seine Sicht auf Banker und den Glass-Steagall-Act, der Geschäftsbanken verbietet, sich in einer Vielzahl von Aktivitäten zu engagieren, die als «Investment-Banking» bezeichnet werden. Seit der Rücknahme des Glass-Steagall-Acts durch den Gramm-Leach-Bliley-Act von 1999 verhalten sich die Banker immer mehr wie Feudalherren. Mit dem Dodd-Frank-Act von 2010 wurde die Volcker-Regel eingeführt, die ähnlich wie der Glass-Steagall-Act den Eigenhandel der Geschäftsbanken verhindert, aber es könnte noch viel mehr getan werden.

Viele Beobachter hielten Glass-Steagall für sinnlos. Warum sollten Banken nicht alle Geschäfte machen dürfen, die sie wollen, zumindest so lang es Regulierer gibt, die sicherstellen, dass sie damit die finanzielle Infrastruktur nicht in Gefahr bringen?

Tatsächlich war der Hauptnutzen des ursprünglichen Glass-Steagall-Acts vielleicht eher soziologischer als technischer Natur – insofern, dass er die Unternehmenskultur auf subtile Weise verändert hat. Indem Banken ihre Geschäfte getrennt voneinander tätigen mussten, haben sie sich vielleicht mehr auf ihr traditionelles Kerngeschäft konzentriert.

Vorsichtig mit Regulierungen sein

Bolton und seine Kollegen scheinen in vielerlei Hinsicht Recht zu haben, obwohl der gesellschaftliche Wert so vieler unserer Besten und Hellsten, die ihre Karriere im momentan populären Feld der «sonstigen Finanzen» machen, durch ökonomische Forschung noch nicht bestimmt werden konnte. Spekulative Geschäfte haben Vor- und Nachteile, viele gute und einige schlechte Effekte, und diese sind sehr schwer zu quantifizieren. 

Mit Regulierungen, die diese Aktivitäten einschränken, müssen wir sehr vorsichtig sein, aber sobald Klarheit herrscht, sollten wir nicht davor zurückschrecken.

Robert J. Shiller ist Ökonomieprofessor an der Yale University.

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