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Konjunktur: USA sklerotischer als Old Europe

Klaus W. Wellershoff

Die USA sind eigentlich schlimmer dran als Europa: Das Budgetdefizit jenseits des Atlantiks liegt höher als in Europa auf dem Höhepunkt der Finanzkrise. Die Wirtschaftsmacht USA hat entsprechend noch

Von Klaus W. Wellershoff
am 16.01.2013

Das Jahr hat gut angefangen, zumindest an den Finanzmärkten. Nach dem faulen Kompromiss zum US-Steuerstreit geht ein ­Aufatmen durch die Märkte. Die «Mutter aller Rezessionen» scheint noch einmal vermieden worden zu sein. Amerika wächst weiterhin und damit auch die Welt. Dennoch bleibt ein seltsamer Nachgeschmack.

Warum? Weil das Land kreativ die eigene Verfassung austricksen musste, um überhaupt zu einer Einigung kommen zu können. Weil die Einigung als grosser Erfolg gefeiert wurde, wichtige Fragen aber nur vertagt wurden. Und weil das Ausmass der jetzt beschlossenen fis­kalischen Konsolidierungsmassnahmen nicht einmal gross genug ist, um selbst bei vollständiger Umsetzung das Budgetdefizit Amerikas auf das Niveau zu senken, das die Euro-Zone zu ­ihren schlimmsten Zeiten gehabt hat. Fast ist man geneigt zu sagen: Gestern standen die Amerikaner am Abgrund. Statt einen Schritt vorwärts zu wagen, haben sie einfach die Augen geschlossen.

Die US-Politiker verschliessen die Augen vor wirklichen Problemen

Die Augen scheinen geschlossen, weil das Problem der grossen amerikanischen Budgetdefizite und der steigenden Staatsverschuldung keinesfalls mit den bisher getroffenen Entschlüssen adäquat adressiert ist. Die Summe der Ausgabenkürzungen, Steueranhebungen und der Anhebung der Lohnnebenkosten ­beträgt gerade einmal 1,5 Prozent des Volks­einkommens. Das laufende Defizit der Amerikaner lag im vergangenen Jahr aber bei 8,5 ­Prozent des Volkseinkommens. Mit anderen Worten: Selbst wenn die Konsolidierungsmassnahmen keinen negativen Effekt auf Konjunktur, Steuereinnahmen und Ausgaben der Sozial­versicherung hätten, läge das Defizit immer noch erst bei 7 Prozent.

Davon kann aber kaum die Rede sein. Wer die Lohnnebenkosten anhebt, darf nicht überrascht sein, dass zumindest bei den unteren Einkommensschichten der Konsum deutlich nachgibt. Insgesamt müssen wir damit rechnen, dass die beschlossenen Massnahmen die US-Wirtschaft gut 1 Prozent Wachstum kosten werden, wobei die Hauptwirkung erst in der zweiten Jahreshälfte anfallen sollte. Oder kommt doch alles viel schneller? Immerhinhat sich in den vergangenen Wochen die ­Stimmung bei den Konsumenten wieder verschlechtert.

Dafür, dass das mit dem Stimmungseinbruch keine Eintagsfliege war, spricht auch die unsägliche Entscheidung des Kongresses, über den Hauptteil der Ausgabenkürzungen erst Ende Februar zu entscheiden. Diese Entscheidung garantiert, dass wir in den kommenden Wochen das Thema der zerrütteten US-Staatsfinanzen weiter täglich in den Medien zelebrieren werden. Dabei geht es um noch einmal ­beinahe 100 Milliarden Dollar Staatsausgaben, für die ein Kompromiss gefunden werden muss. Auch wenn das geschafft wird, was ­wiederum Wachstum kosten dürfte, werden die Politiker nicht darum herumkommen, die ­gesetzlich definierte Schuldenobergrenze ein erneutes Mal anzuheben.

Verschuldung der USA dürfte Ende Jahr bei 113 Prozent liegen

Dabei sind die amerikanischen Schulden über die letzten zwölf Jahre enorm gewachsen. Lag das Verhältnis von Staatsschulden zu Volkseinkommen im Jahr 2000 noch bei 54,5 Prozent, sind wir mittlerweile bei 109 Prozent angekommen. Gegen Ende des Jahres liegt ­dieser Wert laut Schätzungen der OECD dann bei 113 Prozent, und ein Ende des Anstiegs ist wegen der jetzigen Politik nicht in Sicht.

Dafür müssten die Defizite endlich wieder kleiner werden als das Wachstum der Volkswirtschaft. Wie schwierig diese Anpassung nach Jahren der unverantwortlichen Schuldenwirtschaft ist, hat uns gerade die Euro-­Zone vorgemacht. Ein Herunterfahren der ­Defizite ist nämlich zunächst einmal immer mit Wachstumsverlusten verbunden. Das führt dazu, dass anfänglich die Defizite langsamer sinken, als die eigentlichen Sparmassnahmen glauben machen, womit fast unweigerlich die Schuldendynamik noch einige Jahre weiter aufwärtsgeht.

Konkret heisst das, dass wir in diesem Jahr für die USA noch höchstens mit 1,5 Prozent ­realem Wachstum rechnen dürfen. Wenn gleichzeitig die Inflation etwas zurückkommt, würde das Volkseinkommen vielleicht mit 3 Prozent zunehmen. Bei einem Defizit von 7 Prozent braucht es also noch einiges mehr, damit eine eigentliche Explosion der Staatsschulden à la Japan verhindert werden kann.

Anders ausgedrückt: Die Amerikaner werden sich auch nach den Entscheidungen vom Februar regelmässig mit der Defizitfrage aus­einandersetzen müssen. In der Euro-Zone hat es immerhin ganze vier Jahre gebraucht, bis die Defizite von einem Spitzenwert von 6,3 Prozent aus dem Jahr 2009 auf in diesem Jahr wieder unter 3 Prozent gefallen sind. Fünf Jahre, in ­denen anhaltende Sparmassnahmen und dauerndes politisches Gezänk dazu führten, dass die Wirtschaft sogar in eine schwache Rezession abgeglitten ist.

Ja, Sie haben richtig gelesen: Der Spitzenwert der Budgetdefizite lag in der Euro-Zone mit 6,3 Prozent deutlich unter dem Wert, den die Amerikaner bei voller Umsetzung ihrer heutigen Sparpläne am Ende des Jahres erreichen werden. Amerika steht vor einer langen, schmerzhaften Anpassung.

Eine Anpassung, die wohl auch durch eine äusserst expansive Geldpolitik der Notenbank weiter begleitet werden wird. Solange sich die Inflationsraten im Rahmen dessen be­we­gen, was allgemein als Preisstabilität ak­zep­tiert wird, werden wohl die Obligationenkäufe der Zentralbank weitergehen. Die Zinsen ­bleiben in der Weltleitwährung damit tief. Und das auch dann noch, wenn in Europa die Verschuldungsquote ab dem kommenden Jahr stabil ist und wohl auch wieder anfangen wird zu ­sinken.

Der Schuldenkompromiss lässt nichts Gutes erwarten

Der relative Abstieg der wirtschaftlichen ­Bedeutung Amerikas und des Dollars hat sich damit wohl nochmals beschleunigt. Wenn wir bis jetzt auf die Erneuerungsfähigkeit und die Entschlusskraft der Amerikaner vertraut haben, so lässt der faule Schuldenkompromiss nichts ­Gutes erwarten. Wer den Amerikanern in der Vergangenheit eine grosse Dynamik und Entschlusskraft attestiert hat, muss wohl noch einmal über die Bücher gehen. Amerika ist heute noch sklerotischer, noch weniger entscheidungsfreudig als das alte Europa. Haben sich die Finanzmärkte da nicht vielleicht zu früh ­gefreut?

 

Klaus W. Wellershoff ist Chef der international tätigen Unternehmensberatung Wellershoff & Partners, Zürich, und Honorarprofessor für angewandte Volkswirtschaftslehre an der Universität St.Gallen.

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