Die Gleichung ist rasch hergestellt: Mehr Geld bedeutet eine höhere Liquidität, die investiert werden will. Und in einem Niedrigzinsumfeld geschieht dies – mangels Alternativen – in aller Regel in Form von Aktien-Investments. Entsprechend haben die Börsen weltweit immer davon profitiert, wenn die amerikanische Notenbank an ihrer expansiven Geldpolitik festgehalten hat.

Derzeit ist diese Herleitung buchstäblich aus dem Ungleichgewicht geraten: Obwohl Ben Bernanke am Mittwochabend die Strategie des billigen Geldes bestätigte und das Zinsband an der Nulllinie stehen liess, wurden die Anleger aufgeschreckt und stiessen ihre Aktien ab. Mit anderen Worten: Die lockere Geldpolitik des Federal Reserve (Fed) muss nicht mehr nur als Grund für steigende, sondern derzeit auch für fallende Indizes herhalten.

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Nachwehen des US-Haushaltsstreits ungewiss

Grund dafür sind Aussagen des Fed-Chefs, die Fragezeichen hinterliessen. Die Arbeitslosenquote sei in den USA noch immer zu hoch, sagte Bernanke – und auch die Erholung am Häusermarkt habe an Schwung verloren. Kommt hinzu, dass die Nachwehen des Haushaltsstreits noch nicht vollständig absehbar sind.

«Einige Investoren werten die Erklärung der Fed so, dass sie schärfer ausgefallen ist, als sie es sich gewünscht hätten», gab ein Analyst der Nachrichtenagentur Reuters zu Protokoll. Oder anders ausgedrückt: Anleger mögen vor allem eines nicht – Unsicherheit. Kommt hinzu, dass es dem Fed nicht gelang, neue Impulse zu setzen.

Rätselraten über den Zeitpunkt

Bereits seit dem Vormonat ist klar, dass das Fed zum jetzigen Zeitpunkt seine Stossrichtung nicht ändern und somit die milliardenschweren Anleihekäufe nicht sukzessive zurückfahren kann. Dazu geht es der amerikanischen Wirtschaft noch nicht gut genug. Gerätselt wird derzeit über den Zeitpunkt, wann eine solche Umkehr – das sogenannte Tapering – beginnen könnte: Vereinzelt ist von Dezember die Rede, andere gehen von frühestens April 2014 aus. 

«Gelingt es dem Fed tatsächlich, die Stimmung der Wirtschaft in den nächsten Monaten auf einem relativ hohen Niveau zu stabilisieren, wäre die Fed-Sitzung vom nächsten März der wahrscheinlichste Termin für einen Start des Tapering», sagt Zins-Stratege Alessandro Bee von J. Safra Sarasin. «Bei einer akzentuierten Abkühlung der Wirtschaft würde zwar der Arbeitsmarkt noch immer das robuste Wachstum der letzten Quartal reflektieren, aber die Vorlaufindikatoren würden eine starke Abkühlung signalisieren.» Ein solches Szenario würde laut Bee bedeuten, dass eine restriktivere Politik auch 2014 auf die lange Bank geschoben wird.

In einem Jahr am gleichen Ort wie heute

Ein Blick auf die Anleihenrenditen in den USA zeigt, dass aktuell der erste Zinsschritt etwa Mitte 2015 erwartet wird. Doch aus diese Entwicklung steht derzeit auf tönernen Füssen: «Setzt sich im Kapitalmarkt die Meinung durch, dass die Nullzinspolitik erst Mitte 2016 zu Ende geht, bedeutet das, dass wir in zwölf Monaten die Anleihenrenditen wieder auf dem gleichen Niveau wie heute antreffen werden», so Bee.

Und ein solch anhaltendes Niedrigzinsumfeld würde die Anleger – mangels Alternativen – bekanntlich in den Aktienmarkt treiben.