Herr Koch, wie würde die Wall Street Ihrer Ansicht nach auf einen Wahlsieger Mitt Romney reagieren?
Markus Koch: Ein Sieg von Mitt Romney käme dem Aktienmarkt zugute. Vor allem der Rüstungssektor, die Telekom-Industrie und die traditionellen Energiewerte würden profitieren. Bleibt aber Obama im Weissen Haus, dürften Aktien kaum anziehen. Ich glaube ohnehin, dass die Korrektur an der Wall Street nicht beendet ist.

Wie kommen Sie darauf?
Die Angst vor dem «Fiscal Cliff» - also der Schuldenobergrenze - belastet die Stimmung. Ausserdem wird durch den Hurrikan «Sandy» das Bruttoinlandprodukt (BIP) im vierten Quartal um 0,25 bis 0,5 Prozent belastet. Das Bild der Erholung wird dadurch zeitweise verwischt. Die schlechten Umsätze von Corporate Amerika konnten nur deshalb ignoriert werden, weil die Notenbank durch ihre aggressive Geldpolitik die Wall Street bei Laune hält.

Tatsächlich fluten die Notenbanken - darunter auch die Federal Reserve - den Markt mit billigem Geld. Droht den USA und der Weltwirtschaft langfristig eine Inflation?
Langfristig sind wir alle tot. Trotz des billigen Geldes, sehen wir eine global flaue Nachfrage. In den USA liegt die Industrieauslastung bei 78 Prozent. Unternehmen sitzen auf Milliarden von Dollar, sehen aber keinen Investitionsbedarf. In China und Indien pendelt die Industrieauslastung zwischen 65 und 75 Prozent. In der Eurozone sehen wir wiederum einen Rückgang der ausstehenden Kreditvolumen. Unternehmen und Verbaucher haben Schwierigkeiten, Kredite zu bekommen. Die Europäische Zentralbank hätte viel Schaden vermeiden können, hätte man früher aggressiv gehandelt. Deflation, nicht Inflation ist das Thema der Stunde. 

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Mitt Romney will China derweil den Handelskrieg erklären. 
Romney will China bereits am ersten Tag im Amt formell als Währungsmanipulator abstempeln. Rechtlich geht das gar nicht, denn dieser Schritt kann nur vom Finanzminister vollzogen werden. Der bilaterale Handel der beiden Staaten summiert sich auf 540 Milliarden US-Dollar. Dass Romney jetzt China droht, macht wenig Sinn. Der Yuan ist gegenüber dem Dollar nominal betrachtet in den letzten fünf Jahren um 17 Prozent gestiegen. Gleichzeitig ist Chinas Handelsüberschuss gemessen am Bruttoinlandprodukt um 75 Prozent gesunken und die ausländischen Währungsreserven stagnieren seit 18 Monaten. Hoffen wir, dass Romney an dieser Stelle zurückrudern würde. 

Die US-Staatsschulden sind auf über 16 Billionen US-Dollar angeschwollen. Darüber hinaus ist damit zu rechnen, dass nach der Wahl die festgelegte Schuldenobergrenze weiter nach oben korrigiert werden muss - egal ob Mitt Romney oder Barack Obama im Oval Office sitzen. Wie gefährlich kann dies für die nationale und globale Wirtschaft werden?
Ich halte die amerikanische Konjunktur im globalen Vergleich für besonders widerstandsfähig und gehe davon aus, dass man den Schuldenberg im ersten Schritt erfolgreich stabilisieren wird. Mittelfristig geht es dann um die Reduzierung der Verschuldung zum BIP. Die Ratingagenturen waren gewillt, die Wahlen abzuwarten. Einigt sich die Politik 2013 nicht auf einen soliden Plan zum Schuldenabbau, wird auch Moody’s das Rating der USA senken. 

Sollten sich das Weisse Haus und das Parlament nach der Wahl nicht auf ein gemeinsames Budget einigen, drohen den USA doch automatische Haushaltskürzungen in Höhe von 1,2 Billionen Dollar. 
Wer auch immer ins Weisse Haus einzieht, muss aggressiv handeln um das im Januar drohende «Fiscal Cliff» abzuwenden. Ansonsten droht die globale Konjunktur zu entgleisen, mit einer Rezession in den USA und einer Arbeitslosigkeit von über 9 Prozent. 600 Milliarden Dollar an automatischen Steueranhebungen und Ausgabenkürzungen kann die Konjunktur unbeschadet nicht verdauen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass man sich vor Jahresende temporär darauf einigt, das Defizit um 300 bis 400 Millionen Dollar zu senken. 

Bereits heute sind in den USA rund 13 Millionen Menschen ohne Job. Gerade Hurrikan «Sandy» hat gezeigt: Wenn die Vereinigten Staaten die marode Infrastruktur sanieren würden, könnten Tausende von neuen Jobs geschaffen werden. Warum wird das nicht getan?
Der Staat kann Jobs schaffen, macht das meist aber nicht effizient. Das 840 Milliarden-Dollar-Konjunkturpaket, das Obama 2009 durchsetzen konnte, sah Investitionen in Infrastruktur vor. Das Geld wurde aber nicht fokussiert eingesetzt, sondern wie Erdnussbutter über die Nation «geschmiert». Schaufelbreite Projekte gingen mit Verzögerungen von bis zu einem halben Jahr an den Start. Langfristige Projekte wurden wiederum in Eile und schlecht umgesetzt. 

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Auch die angekündigte Energiewende hätte eine Jobmaschinerie in Gang setzen sollen.
Die durch Wind- und Solarkraft generierte Energie hat sich seit 2008 verdoppelt und über eine Million Häuser wurden energieeffizient modernisiert. Das ist zumindest ein Teilerfolg. Die fünf Millionen Jobs, die Obama auf Sicht von zehn Jahren versprochen hat, lassen auf sich warten. Es wurde viel versprochen und wenig geliefert. Die Unterstützung für weitere Investitionen hat im Senat und Kongress folglich nachgelassen. 

Die Wirtschaft in den USA kommt also nicht voran. Damit scheinen die Wahlversprechen von Obama und Romney - die Steuern senken zu wollen - wohl eine Illusion zu sein. 
In der Tat - diese Meinung teile ich durchaus. Obama ist gut beraten, obere Einkommensschichten stärker zu besteuern, Schlupflöcher und Subventionen im Tax Code zu schliessen und bei den Rüstungsausgaben zu sparen. Warum Exxon Mobile staatlich subventioniert wird, ist mir ein Rätsel. 

Die Ölfirmen haben Mitt Romney im Wahlkampf finanziell kräftig unterstützt. Wie würde sich ein Wahlsieg von Barack Obama auf den Ölpreis auswirken?
Die Ölkonzerne bevorzugen Romney - zumal der Republikaner nicht plant, die Subventionen des Sektors zu streichen. Was den Ölpreis betrifft, sind die geopolitischen Entwicklungen wichtiger, vor allem was den Iran betrifft. Die Gefahr einer militärischen Auseinandersetzung nimmt unter einer Romney-Administration zu. 

Beim Thema Steuern treffen Sie den Nerv der Schweiz. Wir fragen uns: Würde der Steuerstreit mit Mitt Romney im Weissen Haus ein Ende nehmen? Schliesslich besitzt der Republikaner ein Bankkonto in der Schweiz.
Romney sieht auch keinen Widerspruch darin, dass er mit einem Steuersatz von 14,1 Prozent deutlich weniger Dollar an den Fiskus zahlt als der Durchschnittsamerikaner. Warum also nicht das Konto pflegen und gleichzeitig dem Steuerstreit mit der Schweiz nachgehen?

Damit wollen Sie sagen ...
... Wer die Wahlen gewinnt, spielt in den Verhandlungen zur Beilegung des Steuerstreits letztlich keine Rolle. Da die juristischen Instanzen nur bedingt von der Politik abhängen, bleibt es schwierig, eine Lösung zu finden. Eine Globallösung ist vorerst jedenfalls unwahrscheinlich. Und mit Verlaub: Die Schweizer Banken haben sich diese Suppe selbst eingebrockt.

Das mag sein, aber warum zeigen die USA mit dem Finger auf den Finanzplatz Schweiz, lassen die Steueroase Delaware aber im Gegenzug gewähren?
Neben den steuerlichen Vorteilen liegt das Kernproblem in Delaware darin, dass dort registrierte Unternehmen die Identität ihrer Nutzniesser nicht preisgeben müssen. Gleiches gilt für Oregon, Nevada oder Wyoming. Dadurch wird nicht nur korruptes Geld angelockt, sondern auch anderen Bundesstaaten der USA Schaden zugefügt. Der Widerstand und die Kritik wächst.

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Und was tut die US-Politik dagegen?
Senator Carl Levin von Michigan versucht seit langem Reformen durchzusetzen, scheitert aber am Widerstand des Bundesstaates Delaware, der US-Handelskammer und der American Bar Association - dem Verband der Juristen. Kurzum: Die Interessensverbände sind «noch» zu stark.

Markus Koch ist deutscher Börsenreporter an der Wall Street, bekannt unter anderem durch seine Berichte für den Nachrichten-Sender n-tv. Mittlerweile produziert Koch auch eigene Formate.