Erst zum dritten Mal spielt Honduras' Nationalteam in Brasilien bei einer Fussball-Weltmeisterschaft. Im Weltfussball ist die Mannschaft um Maynor Figueroa vom Premier-League-Club Hull City eine kleine Nummer. Klar, dass bei diesem aussergewöhnlichen Ereignis auch der Präsident nicht fehlen darf. Deshalb gönnte sich Juan Orlando Hernández zum Auftaktmatch gleich mal eine achttägige Dienstreise in das WM-Gastgeberland.

Honduras verlor gegen Ecuador 1:2 – und Hernández handelte sich in seiner Heimat jede Menge Ärger ein für seine ausgedehnte Reise nach Brasilien. Und dies, obwohl der Präsident auf Twitter doch kräftig Bilder von Treffen mit Politikern und Unternehmern veröffentlichte, um deren Investitionen er buhlte. Kritiker warfen Hernández dennoch vor, seine Pflichten zu vernachlässigen.

15'000 Kinderflüchtlinge seit Oktober an US-Grenze aufgegriffen

Zumal er für den Kick in Brasilien ein Treffen mit US-Vizepräsident Joe Biden sausen liess. Auf der Agenda stand eigentlich das derzeit drängendste Problem zwischen den beiden Ländern: die Massen an Honduranern, die in die USA wollen. Tausende Minderjährige kämpften sich in den vergangenen Monaten den Weg durch Mexiko und reisten illegal in die USA ein.

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Laut offiziellen Zahlen griffen US-Beamte von Oktober bis Mitte Juni gut 15'000 ohne Begleitung reisende Kinder oder minderjährige Jugendliche aus Honduras an der mexikanisch-amerikanischen Grenze auf. Diese Zahl stieg in den vergangenen Jahren sprunghaft an: Noch 2011 wurden an den US-Grenzen im gesamten Jahr weniger als 1000 Kinderflüchtlinge aus Honduras gezählt.

Die Zahlen geben einen Eindruck der Verhältnisse, wie sie im Armenhaus Lateinamerikas herrschen. In dem mittelamerikanischen Land leben wie in der Schweiz rund acht Millionen Menschen. Doch das ist wohl das einzig Vergleichbare. Honduras ist so etwas wie der Gegenentwurf zur Schweiz: Die Mordrate gehört zu den höchsten der Welt, ebenso die Korruption.

EDA warnt vor Überfällen, Sexualverbrechen und Entführungen

In viele Vororte der Hauptstadt Tegucigalpa traut sich die Polizei nicht mehr: Drogenkartelle prägen das wirtschaftliche und soziale Leben. Washington schätzt, dass drei von vier Flugzeugen, die in Südamerika mit Kokain beladen wurden und in die USA sollen, in Honduras Zwischenstation machen.

Trotz traumhafter Strände und ausgedehnter Regenwaldgebiete bleiben Touristen aus diesen Gründen aus. Das Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) etwa warnt vor verbreiteten Diebstählen, Raubüberfällen, Sexualverbrechen und Entführungen. «Bei Reisen nach Honduras ist der persönlichen Sicherheit grosse Aufmerksamkeit zu schenken.»

Jährliches Pro-Kopf-Einkommen liegt bei 2400 Dollar

Entsprechend desaströs sind die wirtschaftlichen Verhältnisse in dem Land: Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen ist mit umgerechnet weniger als 2400 Dollar im Jahr geradezu lächerlich niedrig. Nach dem südlichen Nachbarn Nicaragua ist Honduras das ärmste Land Mittelamerikas. Zum Vergleich: Die Schweizerinnen und Schweizer verdienen 36 Mal so viel. Laut CIA Factbook leben heute sechs von zehn Honduranern unter der Armutsgrenze. In der Schweiz hingegen ist der Lebensstandard bekanntermassen weltweit mit am höchsten.

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Für viele Menschen in Honduras bleibt die Fussball-WM in Brasilien also ein absolutes Highlight im oft gefährlichen Alltag – noch viel mehr als für den Präsidenten Hernández. Aber auch die meisten Schweizer.