Nachdem die Medien vor den Sommerferien ausgiebig die griechische Tragödie zelebriert hatten, dominierten in den heissesten Wochen des Jahres Nachrichten aus China. Aktienmarkteinbruch und Abwertung der Währung machen Sorgen.

Dass dabei der eine oder andere Kommentator im Reich der Übertreibung landet, zeigt, wie wenig wir uns in Europa mit der zweitgrössten Volkswirtschaft der Welt beschäftigen.

Es ist kein Währungskrieg

Besonders auffällig war dies vor Wochenfrist, als die chinesische Zentralbank an drei aufeinanderfolgenden Tagen den Yuan gegenüber dem Dollar abgewertet hat. «Währungskrieg» war das Schlagwort der Dauerkommentatoren.

Dabei hat der Yuan im Jahresvergleich gegenüber dem Euro und dem Yen immer noch mehr als 12 Prozent zugelegt. Selbst gegenüber dem Franken ist der Yuan 3 Prozent stärker geworden. Von einem «Währungskrieg» sind wir also weit entfernt.

Der Wachstumsknick wird unterschätzt

Auch die Horrornachrichten von der geplatzten Aktienblase in Schanghai haben bei denjenigen, die sich professionell mit China beschäftigen, mehrheitlich Kopfschütteln ausgelöst. Auch hier müssen wir festhalten, dass das Kursniveau im Jahresvergleich nicht gefallen ist. Mit einem Plus von über 70 Prozent liegt die chinesische Börse weltweit an der Spitze.

Obwohl der Brei wohl deutlich weniger heiss gegessen als gekocht wird, sind uns die meisten Unternehmer bezüglich der Wirtschaftsentwicklung Chinas doch zu entspannt. Unsere Sorge gilt dabei weniger den nächsten anderthalb Jahren als vielmehr der mittel- bis längerfristigen Wirtschaftsentwicklung.

Wachstum unter fünf Prozent

Seit 2010 warnen wir davor, dass der Rückgang des Trendwachstums in China deutlich unterschätzt wird. Damals sind die meisten Unternehmen noch von 10 Prozent ausgegangen.

Nach unserer Schätzung sollte das durchschnittliche Wachstum Chinas in diesem Jahrzehnt noch bei 6,2 Prozent liegen. Für das kommende Jahrzehnt sagten wir 4,3 Prozent voraus. Daran hat sich bis heute kaum etwas geändert.

Maschinenunterhalt bindet Geld

Hintergrund dieser vorsichtigen Beurteilung war weniger die Beobachtung, dass in China die Anzahl der erwerbsfähigen Personen rückläufig ist. Bedeutender war die Erwartung, dass sich das Produktivitätswachstum verlangsamen würde.

Zentral aber ist die Feststellung, dass China in diesen Jahren den Höhepunkt der Kapitalintensität des Wachstums überschritten haben wird. Anders ausgedrückt: Die Wirtschaft ist an einen Punkt gekommen, wo die Ersatzinvestitionen für Anlagen in Maschinen, Fabriken und Infrastruktur stark anzusteigen beginnen.

Wendet man aber immer mehr für den Ersatz von verschlissenen Investitionsgütern, Immobilien und Verkehrswegen auf, sinkt notgedrungen der Anteil der Investitionen, die zu Kapazitätserweiterungen führen.

China wird «normal»

Genau dieses Phänomen hat in anderen Schwellenländern Asiens zu einem rapiden Rückgang der Wachstumsraten geführt. Nach einer explosionsartigen Entwicklung der Investitionen sind irgendwann die Löhne deutlich gestiegen, das Wachstum wurde immer mehr durch den Konsum bestimmt.

Auch für China ist mit einer solchen Entwicklung zu rechnen. Aus dem Wirtschaftswachstumswunderkind wird eine ganz «normale» Volkswirtschaft mit normalen Wachstumsraten und Konjunkturzyklen.

Volatile Entwicklung

Ähnlich wie bei uns Menschen ist der Übergang vom Kind zum Erwachsenen allerdings recht volatil. So haben die Volkswirtschaften Japans, Koreas und Singapurs nach dem Überschreiten der Spitzeninvestitionsraten einen Einbruch der Konjunktur erlebt, der im Schnitt vier Jahre lang dauerte und in dieser Zeit zu Wachstumseinbussen von 3 Prozentpunkten führte.

Liegen wir mit unserer Analyse richtig, dann befindet sich China am Anfang dieser Phase. Die Zentralregierung wird nach unserer Einschätzung versuchen, einen solchen Einbruch der Konjunktur zu verhindern. Tatsächlich ist die Geldpolitik wieder deutlich expansiver geworden.

Regierung muss mehr tun

Es wird aber mehr brauchen. Tatsächlich sind in der Kredit- und Fiskalpolitik noch Spielräume für eine expansivere Gangart. Kurzfristig wird die Zentralregierung die Wirtschaft damit wohl auf Spur halten können.

Dafür wird sie aber so grosse Mittel aufwenden müssen, dass ihre zukünftige Handlungsfähigkeit deutlich eingeschränkt sein wird. Mittelfristig befürchten wir daher, dass sich China schneller den anderen Volkswirtschaften anpassen wird, als sich so manch ein Investor das vorstellt.

«Welcome to the Club»

Am Ende des Jahrzehnts wird China unter 5 Prozent Trendwachstum aufweisen. Der Staat wird über eine ansehnliche Verschuldung verfügen und die Geldmengen werden ähnlich aufgebläht sein wie in den Industrienationen. Welcome to the Club!

Klaus W. Wellershoff Ökonom und VR-Präsident Wellershoff & Partners.

Weitere Themen lesen Sie in der neuen «Handelszeitung», ab Donnerstag am Kiosk oder mit Abo bequem jede Woche im Briefkasten.

Anzeige