Letzte Woche hat die SNB ihre Verteidigung des Mindestkurses aufgegeben. War das mit Blick auf den heutigen EZB-Entscheid ein weiser Entschluss?
Reiner Eichenberger*: Auf jeden Fall, ja. Der Euro-Raum hat riesige Probleme angehäuft. Um den Kurs von 1,20 zu halten, hätte die SNB enorme Stützungskäufe tätigen und den ganzen Unsinn, zu dem sich die EZB gezwungen sieht, mitmachen müssen. Das wäre sehr teuer geworden.

Die EZB macht ernst und legt eine Milliardenspritze für die europäische Wirtschaft auf. Stürzt jetzt der Euro gegenüber dem Franken ab?
Man weiss in solchen Fällen nie, was schon aufgrund der Erwartungen in den Kurs eingerechnet ist. Eine Prognose ist deshalb schwierig. Zwar haben die Börsen in Europa positiv reagiert, doch das heisst nicht, dass die Massnahme der EZB auch nachhaltig ist. Tatsächlich ist zurzeit völlig unklar, was die Anleihenkäufe für die Zukunft bedeuten. Klar ist aber, dass Europa nur weiterkommt, wenn endlich ernsthafte strukturelle Reformen angegangen werden. Die EZB-Geldspritzen drohen aber, die Politiker noch reformlahmer zu machen.

Die EZB will nur 20 Prozent des Risikos vergemeinschaften. Die restlichen 80 Prozent unterliegen der Risikohaftung der nationalen Notenbanken. Damit soll doch genau sichergestellt werden, dass Reformen in Angriff genommen werden.
Ich denke nicht, dass dies sinnvoll ist. Alles, was auf eine Vergemeinschaftung der Schulden herausläuft, sendet ein negatives Signal an die Staaten, wenn die Massnahme nicht mit glaubwürdigem Zwang und Anreizen zu Strukturreformen verbunden ist. Ich hätte in diesem Zusammenhang übrigens eher mit einem Schuldennachlass für Griechenland gerechnet. Die EZB hat ja einen Grossteil der griechischen Staatsschulden aufgekauft. Die Zentralbank hat aber damals wohl nur etwa den halben Kurswert für die Schuldscheine bezahlt. Es ist aus politischer Sicht nicht verständlich, weshalb sie den vollen Preis dafür einlösen soll.

Anzeige

Eine Befürchtung der Gegner von Anleihekäufen ist, dass die EZB damit eine Hyperinflation bewirken könnte. Was sagen Sie dazu?
Diese Sorge muss man sicher ernst nehmen. Solange die Staatsverschuldung über die Geldpresse weiterläuft, sind die Käufe tatsächlich höchst problematisch.

Warum?
Weil die EZB einerseits Inflationserwartungen wecken will, und andererseits will, dass die Banken das Geld billig weitergeben. Das Vorgehen ist inkonsistent. Die Banken sind ja nicht blöd und geben das Geld beim aktuellen Niedrigzins einfach so weiter, wenn sie mit einer künftigen Inflation rechnen müssen. Statt Kredite zu vergeben, werden sie das Geld sogleich wieder bei der EZB anlegen. Die angestrebte Ankurbelung der Wirtschaft ist damit zum Scheitern verurteilt.

Zurück zur Schweiz. Falls das Inflationsziel erreicht wird, dürfte die Preisdifferenz zum Ausland weiter steigen. Soll die Nationalbank bald wieder Euro kaufen?
Nein, wenn das EZB-Inflationierungsprojekt gelingen würde, wäre das für die Schweiz nicht schlimm. Mit jedem Prozent Inflationsunterschied zwischen der Eurozone und der Schweiz würde zwar der Schweizer Franken um ein Prozent aufwerten. Das wäre für die hiesige Wirtschaft aber problemlos, weil wegen der tieferen Inflation ihre Kosten um ein Prozent weniger stark steigen würden.

Aber muss die Nationalbank nicht auch den Exporteuren helfen?
Exporthilfe steht nicht im Pflichtenheft der Nationalbank. Sie muss die Preise und den Geldwert stabilisieren und die Gesamtwirtschaft im Auge behalten. Es gibt ja nicht nur den Export, sondern auch den Import und den Konsum. Die profitieren vom hohen Franken. Die meisten Menschen arbeiten, um zu konsumieren – und nicht nur um der Arbeit willen.

Was soll die Politik machen in der jetzigen Situation?
Zunächst sollte man sich vergegenwärtigen, was passiert ist. Wir sind reicher geworden. Wir haben viel bessere Konsummöglichkeiten, all unsere Einkommen sind fast 20 Prozent mehr wert als vor zwei Wochen. Die Aktienkurse mögen zwar gesunken sein, aber nicht so stark wie sich die Währungsrelationen verändert haben. Entscheidend ist eben der Vergleich mit dem Ausland und da sind die Löhne und selbst die Aktien nun mehr wert.

Anzeige

Das mag ja stimmen. Aber kann denn das auch so bleiben? Sinken nicht die Löhne, wie dies teilweise bereits gefordert wurde?
Man muss realistisch bleiben. Alle Importe werden billiger. Und der Import macht über 40 Prozent des Bruttoinlandprodukts aus. Es sind also ganz viele Konsumgüter schon billiger geworden oder werden bald billiger: Öl, Gas, Autos, Möbel, Kleider, etc.. Auch viele Detailhändler, die sich über den stärkeren Einkaufstourismus beklagen, profitieren massiv von den viel billigeren Einkaufspreisen. Ein Grossteil ihrer Produkte kaufen sie ja im Ausland ein. 

Weshalb dann die ganzen Klagen?
Manche Klagenden möchten beides: günstigere Einkaufspreise und Exporthilfen beziehungsweise die Behinderung des Einkaufstourismus. Manche haben aber auch wirklich Probleme. Das sind die Firmen mit einem hohen Exportanteil und zugleich einem grossen inländischen Kostenanteil. Das sind aber auch genau die grossen Profiteure der bisherigen Subventionierung der Exporte durch die Nationalbank. Die SNB hat ein riesiges Risiko für sich und die ganze Schweiz aufgebaut, um diesen Exporteuren zu helfen. Dieses Risiko war nun gesellschaftlich einfach nicht mehr tragbar. Eigentlich könnten sich diese Exporteure auch einmal bei den Konsumenten bedanken, dass man auf deren Kosten so viel für die Exporteure gemacht hat, statt zu fordern, dass die Schweizer nicht im Ausland einkaufen sollen.

Anzeige

Also alles in Ordnung mit der Schweizer Wirtschaft?
Nicht gut, aber jedenfalls besser als mit einem Kurs von 1,20. Freie Währungskurse sind nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis besser als fixierte. Vor allem falsch fixierte Kurse sind ein riesiges Problem für eine Volkswirtschaft. Entweder begünstigen sie die Exporteure massiv und strafen die Importeure oder umgekehrt. Als der Euro 2001 noch jung und vermeintlich gesund war, war der freie Kurs 1,50. Nach vierzehn Jahren mit einer Inflationsdifferenz von gut einem Prozent und der Einsicht, dass der Euro und Europa krank – schwer krank – sind, wäre er in Zukunft mit 1,20 einfach zu teuer.

*Prof. Dr. Reiner Eichenberger ist Leiter des Seminars für Finanzwissenschaft an der Universität Freiburg und Forschungsdirektor von CREMA (Center for Research in Economics, Management, and the Arts).

Anzeige