Die Debatte über eine Staatspleite Griechenlands und einen Ausstieg aus der Euro-Zone ist abgeebbt - doch wohl nur für den Augenblick. Skeptiker sind sich sicher: Das schuldengeplagte Land ist noch längst nicht aus dem Schneider.

Viele Experten richten derzeit ihren Blick über den Atlantik nach Argentinien. Denn das südamerikanische Land dient vielen als Lehrbeispiel dafür, was dem griechischen Staat drohen könnte, sollte er in einigen Monaten oder gar Jahren erneut Richtung Bankrott taumeln. Und es sind überwiegend bittere Lektionen.

Argentinien exportiert viel mehr

Die Parallelen mit Argentinien sind vorhanden. Ein zusammengebrochenes Bankensystem, ein nicht tragfähiger Schuldenstand und die Notwendigkeit, die internationale Wettbewerbsfähigkeit wieder herzustellen und zu verbessern«, sagte etwa Barry Eichengreen, Professor für Ökonomie und politische Wissenschaften an der Elite-Universität im kalifornischen Berkeley.

Es gebe aber Gründe, warum eine Wiedereinführung der Drachme und eine Abwertung für Griechenland weniger bringen würde als einst die Abwertung in Argentinien: «Griechenland ist weniger offen - es exportiert weniger.»

Peso verlor drei Viertel an Wert

Die Staatspleite Argentiniens im Jahr 2001 war mit rund 100 Milliarden Dollar die bislang grösste der Geschichte. Die Folgen waren massiv und wirken teilweise noch heute nach. So verlor der Peso die strikte Anbindung an den Dollar. Die Landeswährung befand sich daraufhin in freien Fall - die Abwertung betrug 75 Prozent.

Das Bruttoinlandprodukt schrumpfte um 15 Prozent, die Preise schnellten zeitweise sogar um 40 Prozent in die Höhe. Doch Argentinien hatte auch Glück: Unterstützt durch eine günstige Entwicklung der Weltwirtschaft erholte sich die Wirtschaft relativ schnell.

Argentinien wollte Soja-Geschäft retten

Was war passiert? Der Dollar hatte im Zeitraum 1999 bis 2001 rund 30 Prozent an Wert zugelegt. Das schmälerte die Wettbewerbsfähigkeit der Landesexporte auf den Weltmärkten.

Argentinien ist unter anderem ein grosser Exporteur von Soja und Sojaprodukten. Vor allem gegenüber dem grossem Rivalen Brasilien war Argentinien deutlich zurückgefallen. Schliesslich zog die Zentralbank die Reissleine und durchtrennte die Anbindung an den Dollar. Damit waren die Exporteure wieder im Geschäft.

Griechenlands Probleme sind vielschichtiger

Im Vergleich zu Argentinien haben die Wettbewerbsprobleme Griechenlands allerdings tiefere Ursachen. Nicht einmal ein 40-prozentiger Rückgang der Löhne seit 2008 hat ausgereicht, die Exporte anzukurbeln. Das wirft Experten zufolge die Frage auf, ob eine ebenso grosse Währungsabwertung die Wirtschaft des Ägais-Staates wirklich aus dem Tal herausholen könnte.

Manche Experten haben da Zweifel: «Das wird sich für Griechenland nicht wiederholen lassen», schätzt etwa Willem Buiter, Chefökonom der Citi und Mitautor eines Berichts im Jahr 2012, durch den «Grexit» in der Finanzwelt zum geflügelten Wort wurde. Das Land habe eine viel geschlossenere Wirtschaft.

Es gebe daher absolut keine Hoffnung, dass es von einer vergleichbaren Tourismus- oder Schifffahrts-Welle getragen werden könnte wie Argentinien damals von einem weltweiten Boom bei Agrarrohstoffen.

Der Anfang wäre schmerzhaft

«Man sollte den negativen Schock im ersten Jahr nach einer Abwertung nicht herunterspielen. Er wäre gross«, sagte auch Andrew Kenningham, Ökonom der Marktforscher-Gruppe Capital Economics. Nach seiner Einschätzung wird es aber ebenso eine Phase sehr schnellen Wachstums geben, in der sich die Wirtschaft wieder erholen kann.

So habe in Argentinien die Beschäftigung schnell wieder zugenommen. Eine ähnliche Entwicklung kann sich Kenningham auch für Griechenland vorstellen. Dann wären die Aussichten nicht einmal trübe: In den fünf Jahren nach der Abwertung war Argentiniens Wirtschaft um 25 Prozent gewachsen.

(reuters/mbü)

 

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