Als Barak Obama kürzlich Afrika besuchte, stand die Entwicklung des Kontinents ganz oben auf der Agenda. An Universitäten, bei politischen Treffen und selbst in TV-Debatten drehte sich alles um die Frage, wie sich die afrikanischen Länder selber voranbringen können. «Wir wollen weg von Hilfsbedürftigkeit und Abhängigkeit, wir wollen das Leben und die Wirtschaft selber in die Hand nehmen können», lautete das Credo etwa aus dem Saal der Universität in Soweto, als mehrere junge Entscheidungsträger mit Obama diskutierten.

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Auf theoretischer Ebene befassen sich die Ökonomen und Philosophen des Left libertarianism mit dieser Willensbekundung und fragen danach, wie den Menschen ein rechtlich abgesicherter und selbstverantwortlicher Aufbruch ermöglicht werden könnte. Sie setzen auf das Leistungsprinzip von Wirtschaftssubjekten und möchten für alle möglichst ähnliche Startbedingungen.

Gleiche Ideen, andere Werte

Die Debatte gewinnt auch in der Schweiz an Fahrt. Erst vor einigen Wochen organisierte die Universität Zürich ein Seminar, in dessen Rahmen der britische Philosophieprofessor Hillel Steiner, einer der Vordenker des Left Libertarianism, über seine Konzepte sprach. Schweizer Ökonomen treiben die Denkrichtung voran. Zu ihnen gehört Wirtschaftsphilosoph Jürg Inniger.
Beide Exponenten stehen dafür ein, dass alle Menschen gleichermassen ein Recht auf Bodenschätze und Land haben.

Sie unterscheiden sich aber in ihren Vorschlägen, wie dieser Gedanke in einer Welt praktikabel umgesetzt werden könnte, in der nicht jeder ein Rohstoffförderer oder Landbesitzer ist. Steiner setzt auf einen globalen Fonds, der die Ansprüche auf Land und Ressourcen entschädigt, Inniger propagiert ein Modell mit regelmässigen Auktionen.

«Selber über sich bestimmen können»

Welche Rechte sprechen Sie denn den Menschen grundlegend zu?
Hillel Steiner: Das gleiche Recht auf negative Freiheit (equal right to negative freedom), das Recht auf Selbsteigentum (selfownership) und eben das gleiche Recht auf natürliche Ressourcen (equal right to natural resources).

Das heisst, niemand soll durch jemanden anderes zu etwas gezwungen werden können. Und dann sollen die Menschen das Recht haben, selber über sich bestimmen zu können, und gleichzeitig ein Recht auf natürliche Ressourcen haben?
Steiner: Ja. Wobei nicht alle Left-Liberterians zustimmen würden, dass sich die beiden letzteren Rechte aus dem ersten ableiten.

Wie viele Menschen stehen Ihrer Erfahrung nach dafür ein, dass sie nebst dem Schutz vor Fremdbestimmung und dem Recht auf sich selbst auch das gleiche Recht auf die von der Natur aus vorhandene Welt haben?
Steiner: Ich denke nicht, dass die Zahl der Leute, die das gleiche Recht auf die natürlichen Ressourcen als globale Angelegenheit erkennen, schon sehr gross ist – aber sie wächst.

Ökonomisch bedeutet das «gleiche Recht auf natürliche Ressourcen» logischerweise,  dass Grundstücke nur mit Einverständnis der anderen Menschen und/oder einer entsprechenden Entschädigung beansprucht werden dürfen.
Steiner: Zunächst eine kleine Korrektur: Meine eigene Sicht ist, dass die angemessene Entschädigung ein Ersatz dafür ist, das Einverständnis der anderen für die Nutzung etwa eines Grundstücks zu erhalten; es ist nicht eine zusätzliche Anforderung.

Wie viele Ökonomen beschäftigen sich Ihrer Beobachtung nach schon mit dieser Idee?
Steiner: Ich fürchte, ich weiss es schlicht nicht. Ich weiss aber, dass etliche renommierte Ökonomen – darunter Nobelpreisträger wie James Buchanan, Milton Friedman, Joseph Stiglitz und William Vickrey – sich befürwortend zur Land Tax genannten Idee geäussert haben.

Sie schlagen vor, dass ein globaler Fonds den vollen Mietwert von Grundstücken einzieht und dieses Geld allen Menschen zukommen lässt.  Sei dies via Staaten oder eine suprastaatliche Institution. Kritiker halten dem entgegen, die entsprechende Wertbestimmung wäre aufwändig, umstritten oder gar unmöglich.
Steiner: Die korrekte Bewertung jeder steuerlichen Verpflichtung ist  aufwändig, oft umstritten und manchmal unmöglich. Zu bestimmen, ob dieses oder jenes Restaurant oder ein First-Class-Flugticket bei den Einkommenssteuern legitim abziehbar ist, kann sehr aufwändig, umstritten oder sogar unmöglich sein. Das Gleiche gilt mit Blick auf die Abschreibung von eingesetztem Sachkapital, oder auf den Wohnsitz, den Steuerzahler geltend machen. In all diesen Fällen gibt es regelrechte Armeen von Anwälten, Buchhaltern und Staatsangestellten, die den geschuldeten Betrag evaluieren.

Eben. Schon nur bei Steuern ist es schwierig. Das gilt ja wohl auch bei der Bestimmung des Werts von Grundstücken.
Steiner: Ich denke, es ist unwahrscheinlich,  dass sich die Bestimmung des Grundstückwerts durch Abzug der getätigten menschlichen Aufbauarbeit als  ebenso aufwändig oder umstritten – geschweige denn unmöglich – erweist als die vorgängig erwähnten Steuern. Immobilien-Makler, Versicherungen und Bauunternehmen haben bereits ziemlich ausgeklügelte Vorstellungen, wo diese Werte liegen.

Aus der Schweiz kommt ein Vorschlag, der bei der Umsetzung des gleichen Rechts auf die Welt noch einen Schritt weiter geht: Das Projekt Hugo hat die Ambition, einen Marktmechanismus zu finden, mit dem die Exklusivrechte auf Grundstücke direkt zwischen allen Menschen ausgehandelt und entschädigt werden.Was halten Sie von der Idee?
Steiner: Ich bin mir da nicht sicher. Man müsste dann immer noch eine Methode finden, um den Marktwert des Grundstücks selbst vom Marktwert der draufgestellten oder hineingesteckten Arbeiten zu separieren, da nur ersterer in einen globalen Fonds fliessen sollte.

Ist der Schweizer Vorschlag über eine periodische Versteigerung/Aktualisierung nicht einfacher und weniger anfällig auf intransparente und lobbyistisch beeinflussbare herkömmliche Festlegungen des Werts eines Grundstücks?
Steiner: Solche periodischen Auktionen wurden 1851 von Herbert Spencer vorgeschlagen. Wie Henry George - der später im gleichen Jahrhundert publizierte - denke ich, dass es emotional belastend wäre, wenn sich Grundstückbesitzer periodisch vor die Möglichkeit gestellt sehen, ihr Grundstück abgeben zu müssen. Solange sie den aktuellen Markt-Mietwert zahlen, sehe ich nicht, warum ihr Titel gefährdet sein sollte. Ich verstehe die Bedenken bezüglich Intransparenz und Lobbyeinfluss. Aber ich denke, die Methoden, um diesen Mietwert festzulegen, sind umfassend da, öffentlich nachvollziehbar und transparent genug,  um die Gefahr einer Verzerrung durch Lobbying zu minimieren.

Im Unterschied zu den left-libertarian wollen die right-libertarian nichts vom Recht auf Ressourcen und Boden wissen. Die Verteidigungslinie der right-libertarians gegen jedes Entschädigungsmodell fusst auf folgendem Argument: Niemand würde künftig nach neuen Nutzungsmöglichkeiten, neuen Bodenschätzen etc. suchen, wenn der steigende Marktwert von Grundstücken allen Menschen zugute komme. Diesen Eindruck erhält man auch, wenn man etwa mit Exponenten des Think Tanks Avenir Suisse spricht.
Steiner: Vorweg, ich bin nicht ganz sicher,  wer hier «niemand» ist.  Wir müssen zwei Arten von Suche unterschieden: Erstens die Suche nach neuen Nutzungen von bekannten Ressourcen,  und zweitens die Suche nach neuen Rohstoff-Lagern. Ich sehe nicht, wie eine Land Tax Forscher/Erfinder davon abhalten sollten, nach neuen Nutzungsmöglichkeiten zu suchen, wie zum Beispiel aus Öl Plastik zu machen ist.

Und was ist mit der Suche nach neuen Rohstoff-Lagern?
Steiner: Ich sehe hingegen, dass es Landbesitzer davon abhalten könnte, neue Bodenschätze zu suchen.  Die Manager eines Global Fund könnten also in Betracht ziehen, in solchen Fällen strikt begrenzte Tax Holidays zu gewähren, um die entsprechenden Bona-Fide-Kosten zu decken. Ob sie sich dafür entscheiden oder nicht, ist aber nicht eine Frage der Gerechtigkeit: Es ist eine Frage der gesellschaftlichen Nützlichkeit.

Braucht es wirklich ein ewiges Monopol bei sämtlichen Grundstücken der Welt, damit der Mensch Neues entdeckt?
Steiner: Nein.

Man könnte die Stossrichtung, auch bei den naturgegebenen Lebensgrundlagen Chancengleichheit zu schaffen, als fortschrittlichste Auffassung von menschlicher Freiheit bezeichnen. Wo, denken Sie, wird diese fortschrittlichste Auffassung zuerst Fuss fassen?
Steiner: Ich weiss es nicht. Land Taxes in der einen oder anderen Form gibts in vielen Teilen der Welt und Experimente damit wurden in unterschiedlichen Ländern auf Gemeinde- und Regional-Ebene gestartet. Ich denke, sie werden im Interesse von allen sein, die die Ungerechtigkeit und die ökonomische Ineffizienz der meisten anderen Steuer-Formen erkennen.

Hillel Steiner ist Professor für Politische Philiosophie an der University of Manchester.

«Auktionen sind der beste Weg»

Herr Inniger, Sie teilen mit Hillel Steiner die Prinzipien. Wo genau liegt der Unterschied beim von Ihnen vorgeschlagenen Modell?
Jürg Inniger: In der Direktheit der Umsetzung. Womit es auch kein Steuer-System ist, sondern ein Austausch-System für sich. Ich habe grossen Respekt vor der fundierten philosophischen Arbeit von Hillel Steiner und der konsequenten Suche nach Fairness, die sich in all seinen Werken zeigt. Zugleich bin ich aber überzeugt, dass Auktionen der beste Weg sind, um die Höhe der Entschädigung zu bestimmen. Jener Entschädigung, die den Menschen zusteht, wenn sie ihr Recht auf ihren Anteil an der Welt hergeben, damit andere gewisse Grundstücke exklusiv nutzen können.

Warum sollen Auktionen so viel besser sein?
Inniger: Die Angemessenheit der Entschädigung ist am besten sichergestellt, wenn diese Exklusivrechte tatsächlich im Markt stehen. Der aktuelle Marktpreis ist dabei auch das aktuelle Einverständnis der handelnden Personen: zu diesem Preis nehm' ich's,  zu diesem  Preis geb' ich's.

Was sagen Sie zu den Bedenken, die Aussicht, Grundstücke bei einer periodischen Auktion allenfalls abgeben zu müssen, wäre für Landbesitzer problematisch?
Inniger: Persönlich kann sagen, ich bin selber Hausbesitzer – und fände es überhaupt nicht problematisch, wenn jede Beanspruchung der Welt ihren aktuellen Preis hat. Umso mehr, wenn man umgekehrt seinerseits von überall her die aktuelle Entschädigung erhält. «Das Grundstück abgeben» muss bei meinem Vorschlag niemand; höchstens ist möglich, dass jemand eine überdurchschnittliche Beanspruchung der Welt nicht mehr bezahlen kann und einen Weg finden muss, nicht auf Kosten von anderen glücklich zu werden, sondern mit einem durchschnittlichen Anteil an Raum und Ressourcen.

Hat sich der von Herr Steiner angesprochene Henry George also getäuscht?
Inniger: Nein. Oder höchsten Jein. Vor dem Internet gab's in der Praxis für Auktionen einfach noch Grenzen, die's heute nicht mehr gibt. Periodizitäts-Überlegungen gab's an sich ja schon vor über 2000 Jahren; in der Tora war von einer Bodenreform alle 50 Jahre die Rede. Und 1803 schlug Thomas Spence, der als erster das Wort Right of Man prägte und damit explizit auch property in the Earth meinte, in seiner Constitution of Spensonia eine public auction alle 21 Jahre vor. Bei solchen Modellen, die später z.B. auch zu Baurechten von 100 Jahren führten, gab's tatsächlich noch eine Art «absehbares Ende». Beim Projekt Hugo, das ich propagiere, hingegen ist alles so fliessend, wie es dem Fluss des Lebens, der Bedürfnisse, der Wirtschaft entspricht.

Und was sagen Sie, dass man zwischen Marktwert von Grundstücke einerseits und Immobilien und Investitionen andererseits unterscheiden müsste, wenn man solche Entschädigungsmodelle ins Augen fassen will?
Inniger: Diese Unterscheidung findet in meinem Modell statt! Es gibt darin einerseits eine jährliche Entschädigung an alle Menschen, andererseits eine Ablösesumme, die der bestehende Inhaber eines Grundstücks von einem  allfälligen Nachfolger erhält. Die jährliche Entschädigung ist ein generell gültiger Prozentsatz der genannten Ablösesumme; dieser Prozentsatz kann mit der Zeit aber mehrheitsbestimmt ändern. In der Summe fliesst damit haargenau der Marktwert der Grundstücke an alle Menschen. Nicht mehr und nicht weniger.

Und was ist mit den Investitionen auf einem Grundstück?
Inniger: Zugleich ermöglicht das im Einzelfall fixe Verhältnis zwischen jährlicher Entschädigung und Ablösesumme ein System, das direkt auf den Wertvorstellungen der Menschen beruht. Und es löst die Frage, wie sich zum Beispiel die Suche nach Bodenschätzen lohnt, wenn ein steigender Marktwert der betreffenden Grundstücken allen Menschen  zugutekommt: Falls der tüchtige Entdecker von jemandem abgelöst wird, der das weitere Geschäft besser wahrnimmt, profitiert er davon, dass die Ablösesumme durch seine Entdeckung tüchtig mitgestiegen ist.

Was treibt Sie eigentlich an?
Inniger: Die von Natur aus vorhandene Welt und menschliche Aktivitäten greifen physisch ineinander. Manche missbrauchen diese Tatsache, um jedes innovative Engagement für das gleiche Recht auf die Welt zu blockieren. Sie bemerken jeweils, das Glas wäre bei diesem oder jenem Vorschlag aus dem einen oder andern Grund nicht ganz voll. Zum wahren Vergleich bitte immer beachten, was das Glas heute ist: ganz leer! Da liegt also noch ein riesiger Entwicklungsschub drin.

Jürg Inniger war Lehrer, internationaler Sozialalarbeiter und Mitinhaber einer Werbeagentur in Zürich, bevor er sich als Texter selbständig machte. Er ist Mitinitiator des Projektes Start Hugo.