Chinas Wirtschaft lieferte zuletzt widersprüchliche Signale. Warnen einige Fachleute vor einem abrupten Ende der Erholung, gewinnen andere wieder an Optimismus. Wohin geht denn nun die Reise?
Hartmut Issel: Klar ist, dass China langfristig keine zweistelligen Wachstumsraten mehr erreichen wird. Das Potenzial liegt zwischen 7 und 8 Prozent. Am Ende der Dekade wird es sicher noch weniger sein. Allerdings ist das noch immer viel mehr als in den entwickelten Volkswirtschaften – selbst mehr als in anderen Schwellenländern. Deshalb gibt es kaum Grund zur Beunruhigung.

Also sehen Sie keine Risiken?
In der zweiten Hälfte 2013 wird sich die Konjunktur weiter abkühlen, auf gut 7 Prozent. Aber das ist kein Beinbruch. Das reicht, um den Arbeitsmarkt am Laufen zu halten. Zudem rechnen wir weiterhin mit stabilen Preisen – damit ist auch die Gefahr von sozialen Problemen gering. China ist gut unterwegs.

Wäre die Schweizer Wirtschaft von einer deutlichen Abkühlung in China überhaupt betroffen?
Chinas Konjunktur ist für die Schweiz sehr bedeutend. Zusammengerechnet gehen rund 7,5 Prozent der Ausfuhren nach China und Hongkong – das allein ist bereits nicht wenig. Weniger Wachstum bedeutet entsprechend weniger Nachfrage nach Luxusgütern wie Schmuck und Uhren. Auch die Schweizer Maschinenexporte wären von einer Abkühlung betroffen. Hinzu kommen die indirekten Effekte: Deutschland hängt sehr von China ab – und ist mit 20 Prozent der Ausfuhren gleichzeitig der mit Abstand wichtigste Handelspartner der Schweiz.

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Peking versucht den Konsum zu stärken, Investitionen und Exporte sollen künftig eine untergeordnete Rolle spielen. Gelingt der Wandel?
Die Umstellung ist bereits seit einigen Jahren zu beobachten. Seit 2005 hat der Yuan um etwa 30 Prozent aufgewertet. Die Löhne in den unteren Segmenten sind in den vergangenen Jahren – abgesehen von 2009 – regelmässig um 13 bis 15 Prozent per annum gestiegen. So leistet der Aussenhandel inzwischen kaum noch einen Beitrag zum Wachstum. Diese Entwicklung ist gewollt. Und: Peking hat viele Massnahmen in die Wege geleitet, bis Ende der Dekade etwa sollen die sozialen Sicherungssysteme flächendeckend ausgebaut sein. Das befeuert den Konsum zusätzlich. Insofern bin ich auch da optimistisch.

Was sollten Anleger mit Blick auf Fernost besonders beachten?
Anleger sollten vor allem nicht gegen den chinesischen Staat spielen. Man weiss, dass Peking den Konsum stärken will, Handel und Investitionen sollen hingegen an Bedeutung verlieren. Also bieten sich Investitionen in Konsumtitel an - am besten in solche, die nicht so stark zyklisch schwanken. Die chinesische Bevölkerung wird älter, deshalb werden auch Branchen wie Vorsorge und Versicherungen interessant - eventuell auch Pharma. Perspektivisch sollte man hingegen eher die Finger von Bereichen wie Infrastruktur lassen.

Wo sehen Sie bei einer Vermögensanlage in China die grössten Risiken?
Die Inflation kann in Zukunft auch mal wieder höher ausfallen. Dieses Risiko unterschätzen häufig selbst asiatische Anleger. Das drückt die Margen, denn asiatische Unternehmen haben eine vergleichsweise geringe Preismacht. Hinzu kommen in Asien natürlich Wechselkursrisiken – wobei Chinas Währung de facto relativ eng an den Dollar gekoppelt ist und in Asien mit die geringste Volatilität aufweist. Als drittes Risiko sehe ich vor allem das Problem von Überinvestitionen – wiederum eine Gefahr für die Gewinnmargen.

China war zuletzt der grösste Preistreiber bei Rohstoffen: Was erwarten sie dort?
Die Preise für Rohstoffe bewegen sich in der Regel mit der Veränderung des wirtschaftlichen Wachstums. Weil Chinas Wirtschaft tendenziell weniger ressourcenintensiv in den kommenden Jahren wachsen dürfte, sind wir nicht sehr bullish. Vor allem mit Blick auf Basismetalle und ähnliche Rohstoffe. Denn: Andere wichtige Schwellenländer wie Indien sind noch weit davon entfernt, Chinas schwächeren Nachfrageanstieg aufzufangen.

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Hartmut Issel ist Leiter CIO WM Research Asien-Pazifik bei der UBS in Singapur.