Europa versucht mit mehr Grenzkontrollen und Entwicklungshilfe den Einwanderungsdruck aus Afrika abzufedern. Ein wirksames Rezept?
William Easterly: Nein. Der Westen wird nicht darum herumkommen, eine aktivere Einwanderungspolitik zu betreiben. Und die Entwicklungshilfe ist nur ein Mittel gegen das schlechte Gewissen. Bringen wird es nicht viel.

Weshalb?
In den USA wurde 1882 der rassistische Chinese Exclusion Act eingeführt, der bis vor 60 Jahren Gültigkeit hatte. Damit verbot man die Immigration von Chinesen. Gewirkt hat es nichts. Die grosse Mehrheit der Bevölkerung hat eine natürliche Tendenz, in ihrer Heimat oder zumindest in ihrer Region zu bleiben. Mit wirksamen Reformen in diesen Ländern könnte man das verstärken.

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Mit Entwicklungshilfe?
Nein, mit Reformen. Stattdessen will man mit einem paternalistischen Ansatz nachhelfen, sinngemäss: Wir wissen, was für euch gut ist. Aber man kann nicht auf Knopfdruck etwas in Bewegung setzen.

Und wie wollen Sie die Leute in Afrika zum Bleiben überzeugen?
Man müsste den Leuten Freiheiten und Rechte in der Politik und in der Wirtschaft gewähren. Schauen Sie mal, woher die Leute kommen, die nach Europa strömen.

Syrien, Jemen, Somalia, Eritrea.
Alles keine Demokratien. Bei Diktatoren und Despoten hilft die beste Entwicklungshilfe nichts.

In vielen Ländern wird ein Grossteil des Staatshaushalts über Hilfsgelder finanziert – sinnvoll?
Oft sind es 70 Prozent, manchmal auch 80 Prozent des Haushaltes. Nehmen wir das Beispiel Kamerun, wo Präsident Paul Biya seit Jahren an der Macht ist.

Eben wurde er vom Papst in Rom empfangen.
Er ist ein korrupter Autokrat. Durch den Geldsegen aus dem Norden wird seine Macht noch gestärkt. Das hilft dem Land nicht.

In den letzten 50 Jahren wurden gegen 2500 Milliarden Dollar nach Afrika geschickt, doch die wirtschaftlichen Zustände haben sich deswegen nicht markant verändert.
Zwischen Entwicklungshilfe und Wirtschaftswachstum gibt es keine positive Korrelation.

Was fördert eine positive Korrelation zum Wirtschaftswachstum?
Tiefe Korruptionsrate, demokratische Verhältnisse, freies Unternehmertum, die Möglichkeit, Firmen zu gründen, politische Reformen, eine dezentrale Problemlösung, Rechtssicherheit, Eigentumsrechte. Wirtschaftlicher Erfolg hängt nicht von patronalen, bürokratischen, schlecht informierten Outsidern ab, deren Effekte im Norden kaum auditiert und überprüft werden. Und es ist nicht wirkungsvoll, wenn die Zielgruppen, die Armen des Kontinents, nicht über die Effizienz der Hilfsprojekte befragt werden. Feedback der Zielgruppe wäre wichtig.

Um die Effizienz zu steigern?
Staatliche und private Entwicklungsorganisationen müssen an der Wirkung ihres Gelds gemessen werden. Heute werden sie primär dafür verantwortlich gemacht, dass sie das Geld korrekt ausgeben. Interessant wäre zu wissen, wie effektiv die Gelder sind. Immerhin wurden 2010 weltweit total 100 Milliarden durch Entwicklungsorganisationen ausgegeben. Da würde mich interessieren, wie viel davon bei den Armen und Ärmsten angekommen ist. Es gibt leider keine Verantwortlichkeits-Kultur in der Entwicklungshilfe, es grassiert eher eine No-Result-Kultur.

Ein Beispiel?
60 Hilfsorganisationen widmen sich der Landwirtschaft in Malawi. Nun muss sich das Ministerium mit 60 Organisationen und deren Projekten beschäftigen. Wegen fehlender Koordination schafft man eine riesige Bürokratie, was die Entwicklung hemmt und nicht sehr effizient ist.

Die Flucht der Afrikaner führt zu einem Brain Drain, der wiederum Afrikas Wirtschaftsentwicklung behindert.
Nein, der Brain Drain ist keine Gefahr. Wir haben vor ein paar Jahren eine Studie gemacht. Das Fazit: Wir sehen keine negativen Effekte auf das Wachstum, im Gegenteil, für die Auswanderungsländer gibts vermutlich sogar einen Nettogewinn.

Wegen der Auslandeinkommen, die zurückfliessen?
Nicht nur. Viele Migranten kehren später zurück, bringen Know-how aus Wirtschaft und Politik in ihre Heimat. Zudem fördern sie Handelsbeziehungen, wie die asiatischen Einwanderer in den USA zeigen. Ich würde also nicht von einem Brain Drain reden, sondern von einer Brain Circulation. In den USA stammen 45 Prozent der ausländischen Studenten aus Asien, eine Schwächung der Standorte hat nicht stattgefunden. Im Gegenteil, die Studenten aus Asien befruchten auch ihre alte Heimat. Schauen Sie sich China oder Indien an.

Beide Länder haben in den letzten Jahrzehnten Hunderte von Millionen Jobs geschaffen.
Richtig. und erst noch fast ohne Entwicklungshilfe. In den letzten 40 Jahren stieg das Durchschnittseinkommen in China um 2200 Prozent, in Indien um 420 Prozent. Nach Afrika haben wir Berge von Geld geschickt, ohne wesentlichen Effekt. Wie gesagt: Es müssen die Fundamentals, die Rahmenbedingungen, geändert werden.