Von den Debattenrunden am WEF werden dieses Jahr wenige einen Titel tragen, der wörtlicher gemeint ist: «Wohin steuert Chinas Wirtschaft?», so lautete die Frage am Panel mit IWF-Chefin Christine Lagarde. Ihr ist anzumerken, dass eine Antwort gelegen käme. Dem entgegen tritt Jiang Jianqing, Chef der staatlichen Bank of China, der die Ernsthaftigkeit der chinesischen Taktik betont.

Dabei ist die Runde durchaus geneigt, China ein gutes Zeugnis auszustellen. «China vollzieht eine massive Transformation», sagte Christine Lagarde zu Beginn. Sie vertraue darauf, dass all diese Schritte – zum Beispiel die Bekämpfung der Korruption – machbar seien. Später in der Debatte hob die IWF-Chefin gar an, leidenschaftlich für eine positive Einschätzung der BIP-Zahlen zu argumentieren.

«Langfristig ist die Perspektive ausgezeichnet»

China hatte erst am Dienstag 6,9 Prozent Wachstum gemeldet. Damit hat das Land 2015 so langsam zugelegt, wie zuletzt 1990. Die rückläufige BIP-Zunahme kann aber auch als Teil einer gesunden Korrektur verstanden werden, an der Schwelle zum Industriestaat.

Die chinesischen Probleme – Konjunkturschwäche und Börsenturbulenzen – sahen denn einige Vertreter auch mehr als eine Phase an. «Kurzfristig gibt es grosse Herausforderungen, langfristig ist die Perspektive aber ausgezeichnet», sagte Ray Dalio, Chefinvestor von Bridgewater Associates. Zwei bis drei Jahre, so glaubte er, dann habe China die aktuellen Hürden überwunden.

Intransparenz ist das grosse Problem

Die wahre Problematik lag für die westlichen Vertreter am Panel in der grossen chinesischen Unbekannten: die Intransparenz in der Wirtschaftspolitik von Seiten der Regierung. 

«Meint China den Schritt zum freien Markt ernst oder nicht?», fragte Gary Cohn, COO von Goldman Sachs. Viele der Massnahmen, die China unternommen hätte, um ihren Markt zu regulieren, seien zu dem einen oder anderen Zeitpunkt auch in den USA angewandt worden. Die viel kritisierten Interventionen seien darum gar nicht das Problem. «Viel wichtiger ist, dass China sich für eine Variante entscheidet und dann dabei bleibt.»

Dieser Punkt trifft vor allem auf Chinas Währungspolitik zu: Hier hat China im Dezember eine historische Kehrtwende vollzogen. Der Renminbi ist nicht länger nur an den Dollar gebunden, sondern an einen Währungskorb.

Zweifel an der Währungspolitik

Allerdings kamen im Januar, als der Yuan auf ein Fünfjahrestief nachgab, Zweifel auf. Viele Marktbeobachter vermuteten eine Intervention der Regierung, um den Yuan zu schwächen und die Exporte zu erleichtern.

«China meint es ernst, den Renminbi an den Währungskorb zu binden. Dieser Schritt ist entschieden», sagte Jiang Jianqing, Chef der Bank of China. Wichtig sei nun aber, China Luft zu lassen für eine langfristige Entwicklung und nicht auf jede kleine Bewegung zu schauen. «Dann wird der Renminbi sich stabilisieren», ist er überzeugt. Er widersprach der Vermutung, China wolle den Yuan schwächen. «Eine zu günstige Währung ist nicht gut für unseren Binnenkonsum», sagte Jianqing.

«China ist nicht die SNB»

Dem allerdings wollte Gary Cohn von Goldman Sachs nicht so recht Glauben schenken: «Von China erwarten die wenigsten, dass es so drastisch handelt wie die Schweizerische Nationalbank», sagte er. «Aber die meisten glauben doch, dass China den Yuan entwerten möchte. Das ist einer der Faktoren, der für Volatilität sorgt.»

Und so blieb am Ende der Diskussion, was zu Anfang stand: Die Ungewissheit, wie weit Chinas offiziellen Angaben geglaubt werden kann, ist das grösste Problem. 

Am WEF-Panel «Wohin steuert Chinas Wirtschaft?» diskutierten Jiang Jianqing (Verwaltungsrats-Präsident  der Bank of China), Ray Dalio (Chefinvestor Bridgewater Associates), Zhang Xin (Gründerin und CEO SOHO China), Christine Lagarde (Chefin Internationaler Währungsfonds), Fang Xinghai (Chinesisches Ministerium für Wirtschaft), Gary D. Cohn (COO Goldman Sachs). Moderiert wurde die Session von Bloomberg-Journalistin Francine Lacqua:

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