Das Wirtschaftswachstum in China ist seit mehreren Quartalen rückläufig - zuletzt lag es sogar unter 8 Prozent...

Peter Achten: Die magische 8-Prozent-Marke wurde schon früh am Anfang des Reformprozesses festgelegt. Der grosse Revolutionär und Reformer Deng Xiaoping, von seinen engsten Beratern unterstützt, begründete die 8 Prozent mit dem Argument, dass es ein Wachstum dieses Ausmasses brauche, um die jährlich anfallenden rund zehn Millionen neuen Arbeitsplätze schaffen zu können. Dass die Zahl 8 im chinesischen Denken eine Glückszahl ist, rundet die ökonomische Analyse der damaligen chinesischen Führung ideal ab.

Wie reagiert denn die heutige politische Führung in China?

Dass das BIP-Wachstum nun unter die magische 8-Prozent-Marke gesunken ist, wird von Partei und Regierung nicht als gravierend eingeschätzt. Im Gegenteil. Bereits am Nationalen Volkskongress (Parlament) im März hat Premier Wen Jiabao 7,5 Prozent als Wachstumsziel für 2012 festgelegt, eine «weiche Landung» inbegriffen.

Was sind die Ursachen für das geringere Wachstum?

Das geringere Wachstum erklärt sich aus dem stotternden Wirtschaftsmotor Amerika und der Schuldenkrise Europas. Das noch immer auf Export (und Investitionen) basierende Wachstum Chinas spürt den geringeren Bedarf auf seinen wichtigsten Märkten Europa und Amerika. Allerdings: der Handel in Asien beginnt langsam aber sicher diese jetzt enstandene Lücke teilweise aufzufüllen.

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Also nur eine kurze Verschnaufpause? 

China ist derzeit auf bestem Wege, dieses selbst gesetzte Ziel zu erreichen. Es ist also keine Verschnaufpause sondern der Weg zu einem «nachhaltigen» Wachstum um die 7 Prozentpunkte herum.

Premierminister Jiabao hat zusätzliche staatliche Investitionsprogramme ausgeschlossen...

Die Entscheide der Zentralregierung werden erst nach dem am 8. November beginnenden Parteitag gefällt. Und dieser Parteitag ist absolut entscheidend. Zum einen finden nur alle fünf Jahre Parteitage statt. Zum andern ist der kommende Parteikongress deshalb von entscheidender Bedeutung, weil zum ersten Mal seit zehn Jahren die Führung ausgewechselt wird.

Wer aus der Führungsriege tritt denn ab?

Staats- und Parteichef Hu Jintao und Premierminister Wen Jiaobao werden zurücktreten und der «jüngeren Generation» Platz machen. Xi Jingping wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Nummer 1, also Staats- und Parteichef, und Le Keqiang Premierminister.

Das klingt nach einem gewaltigen politischen Umbruch.

Zudem wird ein neues Zentralkomitee, ein neues Politbüro sowie vor allem der Ständige Ausschuss des Politbüros – dem allmächtigen, sieben- bis neunköpfigen obersten Organ der Volksrepublik China – gewählt werden. An der neuen Spitze liegt es dann, den strategischen Kurs zu bestimmen.

Steht China also vor einer weiteren Lockerung der Geldpolitik?

Zusätzliche Investitionen und eine weitere Lockerung der Geldpolitik wird, das zeigen die derzeitigen ökonomischen Indikatoren, wohl nicht mehr brauchen. Solange jedenfalls, als das BIP-Wachstum nicht unter 7 Prozentpunkte fällt.

China lebt auch von den Exporten, braucht aber immer mehr Rohstoffe. Kann das Wachstum überhaupt dauerhaft über 7 Prozent liegen?

Partei und Zentralregierung haben erkannt, dass ein «nachhaltiges» Wachstum in der Grössenordnung der letzten dreissig Reformjahre – im Schnitt jährlich plus 9,5 Prozent - nicht möglich ist.

Was versteht man denn in China unter «nachhaltig»?

Unter «nachhaltig» versteht die Regierung die Umwelt zu schonen, das bedeutet ein rationaler und «wissenschaftlich» gelenkter Umgang mit natürlichen Ressourcen. Auch die finanziellen Ressourcen, sprich Allokation von Kapital, muss mit Reformen des Bank- und Finanzsystems, «nachhaltiger», das heisst vernünftiger werden. All das ist der Grund, warum dem kommenden Parteitag so grosse Bedeutung beigemessen wird.

Wird China sich also grundlegend ändern?

Nach 33 Reformjahren ist nach der Vorstellung der Parteiführung jetzt ein neues Wachstumsmodell erforderlich. Weg von der einseitigen Abhängigkeit von Export und Investitionen (vorab in der Infrastruktur) hin zu mehr Binnennachfrage und Konsum. Das bedingt als sehr wichtigen Punkt vor allem der Ausbau des sozialen Netzes, das heisst Renten und Krankenversicherung.

Wie soll das bewerkstelligt werden?

Mit der hohen Sparrate versuchen die Chinesen noch immer, für die Zukunft ohne oder nur mit geringen Renten und Krankenkassen zu sorgen. Seit zwei Jahren sind Partei und Regierung daran, diese Lücke zu schliessen. Bis ins Jahr 2020 sollen nach den Plänen und bereits erfolgten Massnahmen die wichtigsten Lücken geschlossen sein.

Klingt ganz einfach!

Allerdings wird in zwei bis drei Jahrzenten die Finanzierung der sozialen Werke wegen der schnell alternden Bevölkerung (Durchschnittsalter derzeit 36,5 Jahre/ Schweiz 41 Jahre) sehr schwierig werden. China wird mit andern Worten schneller alt als reich, während die Industriestaaten, zum Beispiel die Schweiz, zuerst reich und dann erst alt wurden.

Wie sind jetzt die Aussichten für das angefangene Quartal?

Die Inflationsrate wird sich im vierten Quartel auf tiefem Niveau stabilisieren. Wünschenswert wäre es, dass der Binnenkonsum zunimmt, doch kurzfristig wird das ein frommer Wunsch der Zentralregierung bleiben. Was die Arbeitslosenraten betrifft, sind die chinesischen Statistiken, aus Gründen der sozialen Brisanz der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich und Stadt und Land notorisch unzuverlässig.

Offiziell ist die Arbeitslosenquote stabil geblieben ...

Selbst die Akademie für Sozialwissenschaften geht von einer städtischen Arbeitslosenquote von zirka 9 Prozent aus. Wie es auf dem Land aussieht ist nur schwer abzuschätzen. Was man aber weiss, ist die Tatsache, dass es derzeit über 200 Millionen Wanderabeiter gibt, also jene, die vom Land in den Städten Arbeit und Lohn suchen.