Wenn Chinas Politik ab Mittwoch zum jährlichen Nationalen Volkskongress zusammenkommt, wird es um mehr gehen, als lediglich die Bestätigung des diesjährigen Wachstumsziels. Die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt steckt in der Zwickmühle: Peking will das Wirtschaftsmodell der vergangenen Jahre umstellen, das kaum ein Beobachter noch für nachhaltig hält.

Damit droht jedoch das Wachstum an Tempo zu verlieren – ein Problem für den ohnehin gefährdeten Finanzsektor. Gleichzeitig erodiert die soziale Stabilität in dem Land: Die Umweltverschmutzung wird zu einem Politikum und soziale Unruhen nehmen zu.

Investitionen tragen die Hälfte der Wirtschaft

Chinas Führung wagt derzeit einen riskanten Drahtseilakt. In der Finanzkrise 2008/09 legte Peking eines der grössten Konjunkturpakete der Welt auf: Gemessen an der Wirtschaftsleistung wurden rund 12 Prozent in neue Infrastrukturprojekte wie Flughäfen, Strassen, Brücken und Bürohäuser investiert. Jahrelang wuchsen die Investitionen mit hohen zweistelligen Raten und weit schneller als der Rest der Wirtschaft. Inzwischen machen sie rund die Hälfte des Bruttoinlandprodukts aus.

Die Weltwirtschaft bewahrte das vor fünf Jahren vor einem Absturz. Heute hält diese Entwicklung jedoch kaum ein Experte noch für nachhaltig. Die Provinzregierungen sind hoch verschuldet. Warnungen vor dem Platzen einer Kreditblase sind nicht zu überhören. Chinas finanzieller Schattensektor sei in den vergangenen fünf Jahren deutlich stärker als das Bruttoinlandprodukt gewachsen, sagte nun Mark Carney, Chef der britischen Notenbank, in einem Interview. Es gebe implizite Garantien zwischen dortigen Banken und Schattenbanken. Diese Strukturen würden klar erkennbare Risiken bergen.

Hongkong und China wichtiger als Frankreich und Italien

Das Problem: «Was in China geschieht, hat direkten Einfluss auf die globale Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen», sagte Carney, der sich als oberster Währungshüter Kanadas in Fachkreisen einen hervorragenden Ruf erarbeitet hat. Davon wäre freilich auch die Schweiz betroffen: Mittlerweile gehört das Reich der Mitte zu einem der wichtigsten Handelspartner. Nach China und Hongkong zusammengenommen wurden 2012 mehr Schweizer Waren und Dienstleistungen verkauft als etwa nach Italien oder Frankreich.

Probleme drohen bei einer Wachstumsabschwächung auch «über Bande». Deutschland – als klar wichtigster Exportpartner der Schweiz – ist ebenfalls stark abhängig von der Nachfrage aus Fernost. Hinzu kommt: Die beiden Schweizer Grossbanken sind stark in China engagiert. Nehmen die Probleme dort zu, könnte sich das auch auf die Kreditvergabe auf dem Heimatmarkt niederschlagen.

Wachstum lässt deutlich nach

Noch gelingt es Peking, sanft umzusteuern. Das Wachstumsziel der Regierung von jährlich 7,5 Prozent wurde im vergangenen Jahr noch übertroffen: Zum zweiten Mal in Folge gab es ein Plus von 7,7 Prozent. Was für westliche Ohren wie ein veritables Wachstumswunder klingt, ist für chinesische Verhältnisse jedoch wenig: So niedrige Werte wurden zuletzt Ende der 90er-Jahre registriert.

Und einiges spricht dafür, dass der Zuwachs in diesem Jahr noch kleiner ausfallen könnte. Einkaufsmanager in der Industrie verlieren zunehmend an Zuversicht: Der entsprechende Index des Nationalen Statistikamtes sank im Februar auf 50,2 Punkte, nach 50,5 im Januar und 51,0 im Dezember. Dies ist der niedrigste Stand seit acht Monaten. Aufsehen erregte am Wochenende eine ähnliche Umfrage des Bankhauses HSBC, die ebenfalls eine überraschend starke Abschwächung im Februar festgestellt hatte. Dieses Barometer war gegenüber Januar um 1,2 auf 48,3 Punkte gefallen – ein Sieben-Monats-Tief.

Abwertung des Renminbi schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe

Um den Schaden zu begrenzen, arbeitet Peking seit einigen Wochen mit einem etwas schmutzigen – und bereits bekannten – Trick: Die heimische Währung verlor im Februar so viel wie nie, seitdem die fixe Bindung an den Dollar im Jahr 2005 erstmals gelockert wurde. Gut möglich, dass die Zentralregierung den Renminbi bewusst abwerten liess, um einerseits die heimische Exportindustrie zu stützen. Andererseit, so vermuten chinesische  Experten, will die Regierung mit der neuen Währungsschwäche Spekulanten verschrecken, die auf eine weitere Aufwertung gegenüber dem Dollar setzten.

Denn der ständige Wertzuwachs der vergangenen Jahre hatte viel «heisses Geld» an den Kapitalkontrollen vorbei nach China fliessen lassen. Das erschwert die Bemühungen der Zentralbank, die Risiken durch den aufgeblähten Immobilienmarkt, das starke Kreditwachstum und das unkontrollierte Schattenbankenwesen einzudämmen.

Wachstumsziel wird wohl beibehalten

Unterm Strich rechnen Fachleute damit, dass Regierungschef Li Kequiang bei der anstehenden Jahrestagung des Volkskongresses das Wachstumsziel für dieses Jahr beibehalten wird. Nur wenige gehen von einer Senkung auf nur noch 7,0 Prozent aus. Denn die Sachlage ist klar: Bremst Peking zu stark, könnte das auf den Arbeitsmarkt durchschlagen – und damit soziale Unruhen begünstigen. Erst am Wochenende starben bei einem Attentat in der südchinesischen Stadt Kunming mindestens 29 Menschen.

(mit Material von awp)

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