Am 4. November dürften beim Kreditkartenkonzern Visa die Korken geknallt haben. Vor einem Monat gab Indiens Premierminister Narenda Modi den Startschuss zu einer Schocktherapie in der drittgrössten Wirtschaft Asiens, wie sie die Inder vorher noch nie erlebten hatten. Auf einen Schlag erklärte der Premier die 500er- und 1000er-Rupienscheine für wertlos. 86 Prozent der Bargeldzirkulation wurde damit unterbunden. Ein harter Schlag für den Durchschnittbürger, denn laut Studien von Credit Suisse und McKinsey werden über 90 Prozent der Ausgaben für Konsumgüter in Indien mit Bargeld abgewickelt.

Und als ob die kalifornische Kreditkartengesellschaft gewusst hätte, dass eine radikale Abkehr vom Bargeld in Indien bevorsteht, veröffentlichte Visa im Vorfeld einen Report zum digitalen Bezahlen im Milliarden-Reich. Der Tenor im Fünfjahres-Ausblick des Konzerns: Da steht ein riesiges Potenzial an Kunden brach, die nur darauf warten, endlich bargeldlos bezahlen zu können. Demnach verschleudere das Land wegen seines Hangs zum Bargeld rund 1,7 Prozent des Bruttoinlandproduktes.

Kreditkartenanbieter und Fintech-Industrie

Seit längerer Zeit halten Visa und Mastercard in Indien die Regierung dazu an, die Digitalisierung im Bezahlwesen voranzutreiben. Durch die radikale Massnahme der Regierung unter Premierminister Modi werden die beiden Kreditkartenanbieter gemäss Credit-Suisse-Analyst Moshe Orenbuch denn auch zu den grossen Gewinnern gehören. Er empfiehlt, die Aktien dieser zwei Firmen zu kaufen.

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Kein Wunder, äussert sich auch Mastercard begeistert vom Vorstoss der Inder. Das Unternehmen von der amerikanischen Ostküste hatte die indische Bankiervereinigung und die Regierung Modis beraten: Der indischstämmige CEO von Mastercard, Ajay Banga, traf Modi mehrfach. Bekannt ist von Banga, dass er den grössten Beitrag von Mastercard für die Gesellschaft darin sieht, das Bargeld aus dem System zu nehmen.

Nicht nur die amerikanischen Kreditkartenriesen wähnen Indien auf dem Weg zu einem Finanz-Eldorado. Auch die Fintech-Branche frohlockt: Der Gründer von Paytm, Vijay Shekhar Sharma, wird von Anfragen mittlerweile offenbar überrannt. Paytm ist der grösste Anbieter von digitalen Bezahlsystemen Indiens. Nur Stunden nach Modis Ankündigung schaltete Paytm in den grössten Zeitungen des Landes grosse Anzeigen.

Ausländer nicht erwünscht

Der Wert des Unternehmens wird schon jetzt auf 5 Milliarden US-Dollar geschätzt. Zuletzt stieg die Bewertung noch, als bekannt wurde, dass der chinesische Internetgigant Alibaba mithilfe von Ant Financial und Mediatek bei den Indern eingestiegen war. Das wiederum gefällt aber der Regierung nicht: Sie will verhindern, dass China Einfluss auf den indischen Zahlungsverkehr erhält. Es ist der Regierung sehr wichtig, dass der digitale Bargeldverkehr von heimischen Dienstleistern abgewickelt wird.

Für Sanjay Swamy von Prime Venture Partners in Bangalore ist die Frage der Marktgrösse für die Fintechs nun gelöst. «Der Nebel hat sich gelichtet, die Möglichkeiten sind riesig», sagte er gegenüber der «Times of India». Diese Zeit werde nie wiederkommen, sagte Upasana Taku, Co-Gründer von Paytm-Konkurrent Mobikwik aus New Delhi. Mobikwik hat bei Sequoia, Cisco und American Express Risikokapital eingesammelt und den Vorteil, von China unabhängig zu sein.

Logistischer Albtraum

Unabhängig davon, wie man zu Modis Reform steht, ist klar: Die grössten Opfer bringen die Ärmsten, die von der Hand in den Mund leben. Der Protest blieb nicht aus, viele Menschen gingen wegen der Bargeldreform auf die Strasse. Vor allem in den grossen Städten Neu-Delhi, Mumbai, Kolkata und Hyderabad folgten am Montag vor einer Woche Tausende einem Protestaufruf der Opposition.

Denn der Umtausch der noch alten Noten in den Banken läuft sehr schleppend, insbesondere in ländlichen Gegenden mit geringer Bankendichte. Auch haben viele Arme gar kein Bankkonto. In der armen Grenzregion zu Bhutan benutzen Anwohner laut Medienberichten teilweise die Währung des Nachbarstaats. Auch in Nepal, in dem oft mit der indischen Rupie bezahlt wird, herrscht Unklarheit, wie die alten Banknoten umgetauscht werden sollen.

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«Menschen aus allen Schichten – ob die Jugend, Hausfrauen, Arbeiter oder Landwirte – leiden unter der Entscheidung», sagte der führende Kongress-Politiker Mallikarjun Kharge. Seit Tagen ist auch das indische Parlament blockiert, weil die Opposition einen Auftritt Modis und eine Abstimmung über die Massnahme verlangt.