Um diese Frage zu beantworten, muss man die Abenomics in ihre drei Komponenten zerlegen – eine massive Lockerung der Geldpolitik, expansive Fiskalpolitik und eine langfristige Wachstumsstrategie –, die Abe in Anlehnung an die Geschichte von Motonari Mori, einem Feudalherr aus dem 16. Jahrhundert, die «drei Pfeile» nennt. Der Legende zufolge wies Mori jeden seiner drei Söhne an, einen Pfeil in der Mitte durchzubrechen. Nachdem ihnen das ­gelungen war, liess er sie drei Pfeile zu einem Bündel zusammenbinden, um sie zu zerbrechen; das ist keinem der Söhne gelungen.

So wie Moris drei Pfeile sollen sich die drei Pfeile der Abenomics gegenseitig verstärken. Doch Moris Pfeile waren parallel gebündelt, während Abes politischen Pfeilen strukturelle Zusammenhänge zugrunde liegen. Während der erste und der zweite Pfeil darauf abzielen, Japans gegenwärtigen Wachstumspfad zu transformieren, ist der dritte am potenziellen Wachstumspfad der Wirtschaft orientiert, ausgehend von der optimalen Nutzung aller vorhandenen Ressourcen und Technologien.

Seit der Einführung der Abenomics ist die «deflatorische Lücke» (die Differenz zwischen der tatsächlichen und der potenziellen Wirtschaftsleistung) von rund 3 Prozentpunkten auf unter 1,5 gefallen. Das bedeutet, dass die ersten beiden Pfeile zwar dazu beitragen, Japans ­gegenwärtigen Wachstumspfad zu verbessern, der dritte Pfeil aber noch einiges zugunsten des potenziellen Wachstums bewirken muss.

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Monetäre Expansion wirkt sichpositiv aus

Tatsächlich hat Abes erster Pfeil die Kurse am japanischen Aktienmarkt auf einen Höhenflug mitgenommen, der den Jahresgewinn um beispiellose 40 Prozent steigern konnte, während der Yen gegenüber dem Dollar um 20 Prozent abwertete und die Wettbewerbsfähigkeit japanischer Firmen bei den Exporten erhöhte. Hinzu kommt, dass sich das Kreditwachstum beschleunigt hat und die Vermögenswerte im Preis gestiegen sind – Trends, die den Wohlstandseffekt (die Leute geben mehr aus, weil sie sich reicher fühlen) auslösen und so den Verbrauch ankurbeln. Und die monetäre Expansion wirkt sich zudem positiv auf den Arbeitsmarkt aus: Die Arbeitslosenquote ist auf 4 Prozent ­gesunken und das Verhältnis zwischen Arbeitsplatzangebot und Arbeitsplatzsuchenden ist beinahe ausgewogen.

Mit einem realen BIP-Wachstum von etwa 4 Prozent in der ersten Jahreshälfte (obschon im dritten Quartal auf unter 2 Prozent gesunken) hat der erste Pfeil bereits ins Schwarze ­getroffen – eine Leistung, die ein A+ wert ist.

Viele Details der Strategie Abes bleiben unklar

Der zweite Pfeil ist mit einer starken Erhöhung der kurzfristigen Staatsausgaben verbunden, vor allem mit Investitionen in Infrastrukturprojekte. Während diejenigen, die dem Mundell-Fleming-Modell folgen – gemäss welchem fiskalpolitische Impulse der resultierenden Erhöhung der Kapitalzuflüsse, Währungsaufwertung und verringerter Ausfuhrwettbewerbs­fähigkeit gegenüberstehen –, kein besonderes Gewicht auf die Auswirkungen einer flexiblen Fiskalpolitik legen, werden diese von Keynesianern sehr ernst genommen. In der Annahme, dass schnelleres Wachstum eine Gefährdung der Tragfähigkeit der Schuldensituation neutralisieren wird, erhält der zweite Pfeil die Note B.

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Wenn der erste und der zweite Pfeil das ­tatsächliche Wachstum über das potenzielle Wachstum steigen lassen, wird die Geldmengenexpansion kein deutliches BIP-Wachstum oder Beschäftigungszuwächse mehr hervorbringen können. An diesem Punkt wird der dritte Pfeil, welcher auf das potenzielle Wachstum zielt (unter anderem durch verstärkte private Investitionen, technologische Innovationen, verbesserte Handelsbeziehungen und eine reformierte Körperschaftssteuer), weitaus wich­tiger werden.

Abe hat die Vision hinter seinem langfris­tigen Wachstumsplan dargelegt: «Japan ist ein Land, das sich Herausforderungen stellt, das offen ist und das Innovationen hervorbringt.» Aber viele Details seiner Strategie bleiben unklar.

Japans langjährige Herangehensweise an die Industriepolitik, im Rahmen deren das ­Ministerium für Internationalen Handel und Industrie (MITI) ausgewählten Branchen Beihilfen und Subventionen zukommen liess und sie so beim Wettbewerb auf den Weltmärkten unterstützte, ist heute veraltet (tatsächlich sind die Aufgaben des MITI 2001 vom Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie übernommen worden). Wenn japanische Firmen als Vorreiter in der Industrie antreten, können die Gewinner nicht vorab von Bürokraten aus­gewählt werden. Angesichts dessen sollte die ­Rolle der Regierung auf Bereiche beschränkt werden, in denen Externalitäten wie etwa eine Senkung der Kohlendioxidemissionen vor­liegen.

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Bedauerlicherweise gibt es immer noch keinen neuen, klar definierten Ansatz für die Industriepolitik. Tatsächlich scheinen einige Beschreibungen von Projekten im Zuge des dritten Pfeils auf kaum mehr als Wunschdenken zu beruhen und davon auszugehen, dass neue Technologien oder Know-how Japan ­einfach in den Schoss fallen werden. Ein wirk­samerer ­Ansatz würde erreichbare, konkrete Ziele beinhalten, so etwa Lockerungen der ­Arbeits- und Finanzmarktregulierung, eine Senkung der Körperschaftssteuer, eine Handelsliberalisierung durch den Beitritt zur Transpazifischen Partnerschaft und möglicherweise eine Lockerung der Einwanderungspolitik.

Das Problem ist, dass Bürokraten die Macht mögen, die ihnen Regulierung gewährt. Deregulierung würde voraussetzen, dass sie die langfristigen Interessen ihres Landes über ihre eigenen kurzfristigen Interessen stellen – eine Alternative, die sie bisher nicht in Betracht ­gezogen haben. Um es in Anlehnung an John F. Kennedy auszudrücken, sollte Japans Führung nicht länger fragen, was ihr Land für seine ­Regierung tun kann, sondern was die Regierung für ihr Land abschaffen kann.

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Bürokratische Widerständeüberwinden

Vor diesem Hintergrund lässt sich der dritte Pfeil der Abenomics noch nicht fair beurteilen. Seine Wirkung ist zwar bislang ausgeblieben, er kann jedoch gewiss nicht als Fehlschlag ­bezeichnet werden, zumal Japans Spitzenpolitiker immer noch unermüdlich daran arbeiten, die notwendige Dynamik aufzubauen. Aus diesem Grund ist die Bewertung E für «Einsatz» am angebrachtesten. Es ist zu hoffen, dass ­dieser Einsatz ausreichen wird, um die bürokra­tischen Widerstände gegen eine Deregulierung im kommenden Jahr zu überwinden.

Mit einem A+, einem B und einem E lassen sich aus dem Zeugnis der Abenomics für das erste Jahr wichtige Fortschritte ablesen, die Grund genug zur Begeisterung sind. Und zusammengenommen buchstabieren sie sogar den Namen ihres Erfinders.

Koichi Hamada ist Wirtschaftsberater des japanischen Premierministers Shinzo Abe, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Yale University und emeritierter Professor der Universität Tokio. © Project Syndicate, 2013

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