Verstopft sind sie, die Strassen Bangalores, heiss und staubig. In der Luft der Geruch von Curry und Benzin, der typische «Indienmix». Aus deutscher Sicht wirken der Verkehr und das Treiben auf den Strassen der indischen Millionenstadt chaotisch. Und doch wird sich hier, im indischen Silicon Valley, und in anderen Metropolen des Subkontinents auch Deutschlands wirtschaftliches Wohlergehen entscheiden.

Hoffnungsvoll nach Indien schauen derzeit viele Anleger. Denn in dem Masse, wie China als Wachstumsmotor für die Exportnation Deutschland zurückfällt, richten sich die Hoffnungen auf die zweite Milliardennation auf dem Planeten. Die am Dienstag veröffentlichten neuen Wirtschaftszahlen zeigen, dass die lange Zeit statische Ökonomie des Subkontinents dabei ist, zu China aufzuschliessen: Mit einem Plus von sieben Prozent wuchs die Wirtschaft im zweiten Quartal zwar etwas langsamer als von Ökonomen prognostiziert, doch die Richtung stimmt.

Modis Programm der Erneuerung

Schon jetzt ist es so gut wie sicher, dass die indische Wirtschaft dieses Jahr zum ersten Mal schneller expandieren wird als die chinesische. Der Internationale Währungsfonds (IWF) traut der Ökonomie des Subkontinents für das Gesamtjahr ein Plus von 7,5 Prozent zu, während Peking 2015 wohl erstmalig seit 1990 ein Wachstum von weniger als sieben Prozent wird verkünden müssen.

Und das aktuelle Jahr ist kein Ausrutscher. «Mittelfristig dürfte Indien eine grössere ökonomische Dynamik entfalten als die Volksrepublik China», sagt Folker Hellmeyer, Chefvolkswirt der Bremer Landesbank. Die Regierung des charismatischen Politikers Narendra Modi, der im Mai 2014 zum Ministerpräsidenten gewählt wurde, hat dem riesigen Land ein Programm der Erneuerung verordnet.

«China als Konjunkturlokomotive ablösen»

«Was das Wirtschaftswachstum betrifft, wird Indien China als Konjunkturlokomotive ablösen», sagt auch Jürgen Maier, Fondsmanager im Schwellenländer-Team von Raiffeisen Capital Management in Wien. Der 64-jährige Modi aus dem Bundesstaat Gujarat habe einen Kurswechsel geschafft, der das Land auf einen Wachstumspfad bringt. «Die indische Wirtschaft wird in den nächsten Jahren von einem positiven Investitionszyklus mit höherer Produktivität, von mehr Jobs und von steigenden Löhnen profitieren», erwartet Maier.

Auch Hellmeyer setzt auf die Karte Modi: «Nach dem Willen des Premiers soll die Infrastruktur in den kommenden Jahren deutlich ausgebaut werden, grosse Teile der Bevölkerung, die bisher ökonomisch noch nicht integriert sind, könnten dann für die Gesamtwirtschaft erschlossen werden.»

Horrorgemälde einer Rezession in China

Ein Ersatz für den Wachstumsmotor China ist allerdings auch dringend geboten. Die US-Investmentbank Goldman Sachs, deren Experten oft das Gras wachsen hören, zumal in den Schwellenländern, hat ihre China-Wachstumsprognosen gerade noch einmal nach unten korrigiert: Statt um 6,7 Prozent soll die Wirtschaft im Reich der Mitte 2016 nur mehr um 6,4 Prozent expandieren. Für 2017 veranschlagen die Goldman-Analysten eine weitere Abkühlung auf 6,1 Prozent (statt 6,5 Prozent) und für 2018 sogar auf unter sechs Prozent (statt 6,2 Prozent).

Andere sind sogar noch pessimistischer und malen das Horrorgemälde einer Rezession in China an die Wand. Der Crash an den chinesischen Festlandsbörsen ist für viele ein Menetekel. In Shanghai sind die Kurse seit dem Jahreshoch Mitte Juni um 37 Prozent eingebrochen, in Shenzhen ging es sogar um 43 Prozent nach unten. In den Abwärtssog geriet auch der stark exportabhängige Deutsche Aktienindex (Dax), der, aufgeschreckt vom Absturz der Festlandsbörsen, um fast zehn Prozent korrigierte. Bezeichnenderweise steht der indische Leitindex Nifty heute sogar höher als Anfang Juni. Die Investoren in Neu-Delhi liessen sich von der China-Angst nicht anstecken.

Nicht so stark in den Welthandel eingebunden

Anders als die meisten Volkswirtschaften in Ostasien ist Indien nicht so stark in den Welthandel eingebunden. Mit 18 Prozent am Bruttoinlandsprodukt hat dagegen die Landwirtschaft noch einen hohen Anteil an der Wertschöpfung. Das isoliert den Subkontinent von den Effekten der chinesischen Konjunkturabkühlung, hat aber auch seine Schattenseiten.

Regenfälle zur falschen Zeit lassen auch schon mal das Konsumentenklima einknicken. Und die indische Wirtschaft hat noch eine andere Achillesferse: Die Bevölkerung wächst rasant. Von jetzt 1,3 Milliarden Menschen soll die Einwohnerzahl bis Mitte des Jahrhunderts auf 1,7 Milliarden anschwellen. Das heisst, in etwas mehr als einer Generation wird sich die indische Bevölkerung um einmal die Zahl aller Westeuropäer vergrössern.

Segen und Fluch des Bevölkerungswachstums

«Indien hat seine besten demografischen Jahre jetzt vor sich», sagt der Berliner Vermögensverwalter Guido Lingnau von der Guliver-Finanzberatung, der sich intensiv mit den Effekten der Bevölkerungsentwicklung auf die Börse auseinandergesetzt hat. Die Projektion für 2016 zeige eine nahezu perfekte Verteilung der Altersgruppen. «Die Altersgruppe der 20- bis 24-Jährigen ist dort jetzt eindeutig die grösste.» Das spreche für eine Zunahme der wirtschaftlichen Dynamik. Nach seiner Diagnose steht Indien demografisch am Beginn eines Superzyklus, also dort, wo sich China 1992 befand. «Wir bleiben trotz negativer Schlagzeilen in Asien und Indien investiert», sagt der Vermögensprofi.

Doch Indiens Jugend ist nicht nur Segen, sie kann auch Fluch sein. Ein Mehr an Konsumenten klingt zunächst einmal positiv, ist es aber nur, wenn es der Regierung gelingt, den vielen jungen Menschen eine gute Ausbildung angedeihen zu lassen. Der weitaus höhere Lebensstandard in China ist nicht zuletzt dem Umstand geschuldet, dass Peking das Bevölkerungswachstum konsequent begrenzt und viel Mühe darauf verwendet hat, die Millionen von jungen Menschen in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Lingnau merkt freilich an, dass die Geburtenrate auf dem Subkontinent seit 20 Jahren sinkt. Und das Aufholpotenzial bleibt immens.

Massive Proteste gegen Landreform

Nach Angaben des IWF wird das Pro-Kopf-Einkommen in China dieses Jahr bei 8200 Dollar liegen. Ein durchschnittlicher Inder muss dagegen mit 1800 Dollar im Jahr auskommen. Und die traditionellen Eigentumsverhältnisse lassen sich in dem 3,3 Millionen Quadratkilometer grossen Land, in dem mehr als 100 verschiedene Sprachen gesprochen werden, nicht so leicht ändern.

Gerade erst musste Modi seine geplante Landreform wegen massiver Proteste stoppen. Anders als China ist Indien eine Föderation. Die 29 Bundesstaaten verfügen auf manchen Gebieten über grosse Autonomie. Manche Indienkenner bezweifeln daher, dass die Modernisierung so reibungslos vonstattengeht, wie Modi das Investoren gern schmackhaft machen möchte.

Extreme Armut bleibt auf absehbare Zeit

«In Indien herrscht viel extreme Armut, und das wird sich auf absehbare Zeit auch nicht ändern», sagt der bekannte Entwicklungsökonom Helmut Reisen. Er hält die Projektionen, nach denen die positive Demografie das Land zur Heimat der grössten Mittelschicht transformieren wird, für «wilden Optimismus». Dazu komme noch, dass ein wohlhabendes Indien schwer vorstellbar sei, wenn es nicht auch der Volksrepublik gut geht: «Das Wachstum auf dem Subkontinent ist zum nicht geringen Teil China-getrieben.»

Fondsmanager Maier ist ebenfalls skeptisch: «Auch wenn Indien China schon bald als Wachstumslokomotive ablösen wird – eine etwaige Schwäche Chinas könnte Indien allein nicht abfangen.» Dazu sei das Land im globalen Kontext wirtschaftlich noch nicht gross genug. Auch der IWF beziffert den kaufkraftbereinigten Anteil des Subkontinents an der Weltwirtschaft aktuell nur auf rund sieben Prozent, während es das Reich der Mitte auf beachtliche 16 Prozent bringt.

Dieser Artikel ist zuerst auf unserer Schwester-Publikation «Die Welt» unter dem Titel «Warum jetzt das indische Zeitalter anbricht».

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