Eine Autofahrt durch Bengaluru - ehemals Bangalore - ist nichts für schwache Nerven. Kilometerlange Autoschlangen winden sich zu Stosszeiten durch die indische Metropole, teilweise fahren fünf und mehr Autos nebeneinanderher, nicht selten auf staubigen und ungeteerten Strassen. Dazwischen kriechen gelbe Busse und Lastwagen vorwärts, Lasten-Fahrräder, Motorräder, Motorroller und Tuk-Tuks schlängeln sich im Slalom durch den Stop-and-Go-Verkehr, alles durcheinander.

In den kommenden Jahren wird sich wohl die Verkehrslage in indischen Städten nicht entspannen. Denn in der grössten Demokratie der Welt leben 1,3 Milliarden Menschen, und bislang besitzen vergleichsweise wenige von ihnen ein eigenes Auto. Nun wächst die Mittelschicht, und immer mehr Inder können sich einen fahrbaren Untersatz leisten.

Magnet für Investoren

Im Jahr 2015 wuchs der Autoabsatz in Indien im Vergleich zum Vorjahr um 9,8 Prozent, in diesem Jahr dürfte er weiter steigen. Vor allem günstige und wendige Kleinwagen sind in Indien beliebt, etwa der Billig-PKW Tata Nano oder der neue Kleinst-SUV Renault Kwid aus dem Hause Renault-Nissan. Bei besonders betuchten Indern werden aber auch die Luxuskarossen der deutschen Autobauer Audi, BMW und Mercedes immer beliebter. Es sind die typischen Statussymbole der Aufsteiger.

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Nicht nur der Automarkt in Indien hat riesiges Potenzial. Das Land westlich von China hat sich in den vergangenen Jahren zu einer schnell wachsenden Volkswirtschaft gemausert. Der Internationale Währungsfonds (IWF) prognostiziert für die Jahre 2016 und 2017 jeweils ein Wachstum von 7,4 Prozent des Bruttoinlandproduktes (BIP). «Indien ist mittlerweile das Land mit der höchsten Wachstumsrate weltweit», sagt Sven Schubert, Investmentstratege bei Vontobel Asset Management. Die Entwicklung des Landes lässt die Augen von Marktbeobachtern leuchten und zieht mittlerweile auch internationale Investoren magisch an.

Daten belegen Aufholjagd

Jim O'Neill, ehemaliger Chefvolkswirt der Investmentbank Goldman Sachs, hatte einst das Kürzel Bric gebildet, das die damals stark aufstrebenden Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien und China zusammenfassen sollte. Jahrelang galten die vier Länder als Garanten für zweistellige Wachstumsraten. Heute ist der Glanz der Bric-Staaten verblasst: Brasilien und Russland stecken in der Rezession, Chinas Wirtschaft wuchs zuletzt langsamer als in den Jahren zuvor.

Nur Indien sorgt noch immer für Begeisterung. «Indien liegt in seiner Entwicklung immer noch weit hinter dem Westen zurück. Es holt allerdings rasant auf», sagt Avinash Vazirani, Manager eines Indien-Fonds bei der Investmentgesellschaft Jupiter.

Verschiedene Daten belegen die Aufholjagd. Beispiel Internetzugang: Im Jahr 2010 gab es in Indien weniger als 20 Millionen Internetzugänge. Ende des Jahres 2015 waren es 350 Millionen. Bis zum Jahr 2020 wird sich diese Zahl mit voraussichtlich 730 Millionen mehr als verdoppeln, zeigt eine Analyse des Wirtschaftsverbandes Nasscom in Zusammenarbeit mit Akamai Technologies. Das ist viel, aber für manchen noch lange nicht genug: «Wir wollen jeden Inder online bekommen», sagte jüngst Rajan Anandan, Geschäftsführer von Google Indien. In zehn Jahren, so seine Prognose, werde gut eine Milliarde Menschen in Indien das Internet nutzen - auch Bauern auf dem Land, die mit dem neuen Medium bislang noch wenig anfangen können.

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Apple praktisch unbekannt

Auch der Markt für Smartphones, der in den meisten entwickelten Industriestaaten inzwischen stagniert, wächst nach wie vor. Gefragt sind vor allem günstige Geräte. Teure Smartphones wie das iPhone von Apple können sich die meisten Inder trotz Einkommensanstiegen doch noch nicht leisten. Viele kennen die US-Marke nicht einmal.

Indiens Erfolgsgeschichte hat vor allem politische Gründe. «Die Entwicklung Indiens wurde jahrelang durch Wachstumshindernisse gebremst, etwa durch nicht mehr zeitgemässe und übermässig restriktive Gesetze», sagt Jupiter-Fondsmanager Vazirani. Für neuen Schwung habe erst die Wahl von Narendra Modi zum Premierminister im Jahr 2014 gesorgt. «Das gab einen überaus positiven Impuls», sagt Vazirani.

Reformprozesse in Gang gesetzt

Seit seiner Wahl hat Modi wichtige Reformprozesse in Gang gesetzt. Der Premierminister hat unter anderem eine Steuerreform eingeleitet, die zu einer einheitlichen Steuer auf Waren und Dienstleistungen in ganz Indien führen soll. Bislang hat es eine Vielzahl einzelner Staats- und Nationalsteuern auf bestimmte Güter und Dienstleistungen gegeben, was einen riesigen bürokratischen Aufwand nach sich zieht.

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«Da stehen die Lastwagen an den Grenzen Schlange, und grosse Mengen an Essen verderben auf dem Transportweg, weil durch die vielen Steuern und Zölle alles so lange dauert», sagt Gaurav Mallik, leitender Portfoliomanager bei State Street Global Advisors. Mit der neuen sogenannten Goods and Services Tax dürfte sich das ändern. «Die Reform könnte Handelsbarrieren im In- und Ausland verringern und langfristig für noch mehr Wachstum sorgen», erklärt Mallik.

Die Steuerreform zählt sicherlich zu den wegweisenden Projekten der Regierung Modi. Es gibt aber auch viele kleinere Änderungen und Neuerungen in der indischen Gesetzgebung, die entweder schon umgesetzt sind oder noch auf dem Zettel stehen: etwa der Ausbau der Infrastruktur im Land sowie die Ausstattung der Milliardenbevölkerung mit biometrisch lesbaren Ausweisen. Auf diesen befinden sich nicht nur Portrait und Fingerabdruck des Inhabers, sondern auch Bankzugangsdaten und Sozialleistungsberechtigungen. Unter Modi wurde der Arbeitsmarkt flexibilisiert. Und für ausländische Investoren ist es inzwischen einfacher, sich an indischen Firmen zu beteiligen.

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«Es bleibt viel zu tun»

Einiges ist also politisch in Bewegung geraten. In den kommenden Jahren muss Indiens Regierungschef aber noch einmal nachlegen, um das Wirtschaftswachstum weiter voranzutreiben. «Es bleibt viel zu tun», sagt Vontobel-Ökonom Schubert. Vor allem bei der Infrastruktur liege Indien nach wie vor im Mittelfeld, trotz aller bisherigen Bemühungen. «Modi muss den Ausbau der Autobahnen, des Schienennetzes und des Telekommunikationssektors weiter vorantreiben, um das Land wettbewerbsfähiger zu machen», sagt Schubert. Er rechnet damit, dass Modi in der zweiten Hälfte seiner Amtszeit in puncto Reformen noch einmal kräftig nachlegen wird.

Indiens Regierung hat in den vergangenen zweieinhalb Jahren viel erreicht. Schon kurz nach Modis Wahl setzte der Sensex 30, der Leitindex der indischen Börse, zu einem kräftigen Anstieg an. Die meisten Anleger hatten ohnehin mit einem Sieg Modis und mit vielversprechenden neuen Impulsen gerechnet. Seit dem Jahresbeginn 2014 liegt der Sensex um 30 und bis heute um mehr als 40 Prozent im Plus. Marktbeobachter erwarten einen weiteren Anstieg, wenn die Wirtschaft so weiterwächst wie zuletzt.

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Konzerne in London kotiert

Für ausländische Investoren ist der Weg an die indische Börse allerdings schwierig. Es gibt aber vielversprechende Einzelaktien. «Der Autohersteller Tata Motors ist zum Beispiel ein gut geführtes Unternehmen mit attraktiven Wachstumsaussichten», sagt Matt Linsey, Manager eines Schwellenländerfonds von GAM. Auch Aktien von Konsumgüterherstellern seien zuletzt gut gelaufen, weil die indische Bevölkerung immer mehr verdiene. «Hier müssen Anleger allerdings aufpassen, dass sie nach der Rally nicht zu viel bezahlen», warnt Linsey. Zudem ist die indische Börse in Mumbai vergleichsweise unterentwickelt, viele Top-Konzerne des Landes sind an der Londoner Börse kotiert.

Wie bei Schwellenländer-Investitionen üblich, sollten Anleger am besten den Weg über einen Fonds wählen: Mit diesen Produkten können sie breit gestreut in den indischen Markt investieren und so vom indischen Wachstum profitieren. Investmentgesellschaften empfehlen - wenig überraschend - aktiv gemanagte Produkte. Im Fall Indiens kann sich aktives Fonds-Management indes tatsächlich auszahlen: Die Manager bringen in der Regel viel Fachwissen und spezifische Kenntnisse über das Land mit, reisen oft dorthin und kennen die indische Firmenlandschaft gut. Das hilft bei der Auswahl aussichtsreicher Einzeltitel, die Privatanleger auf eigene Faust schwerlich finden.

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Warnende Stimmen

Bei Schwellenländerinvestoren ist also aus guten Gründen eine Indien-Euphorie ausgebrochen. Wenn das Land seinen Kurs hält und Premierminister Modi Reformen und strukturelle Verbesserungen nachlegt, ist der Optimismus berechtigt. Es gibt auch warnende Stimmen: «Reformen und staatliche Infrastrukturausgaben allein reichen nicht aus», sagt Natasha Ebtehadj, Portfoliomanagerin bei Columbia Threadneedle.

Wenn sich das BIP-Wachstum künftig weiter schnell steigern solle, müsse künftig der Privatsektor aktiv werden. Auch Ebtehadj ist dieser Meinung: «Die fallende Inflation und potenzielle Zinssenkungen bieten Indien gute Rahmenbedingungen.» Es könnte also durchaus sein, dass sich die Erfolgsgeschichte der Volkswirtschaft fortsetzen wird.