Darf es ein Kimono für die Ehefrau mit passendem Gürtel für 6000 Euro sein? Für den 56-jährigen Personalberater Akira Otomo ist das Luxusgeschenk dieses Jahr kein Problem. Die von der Geldflut ausgelöste Börsenhausse hat sein Aktienpaket kräftig an Wert steigen lassen: «Ich stosse es jetzt ab und werde einen Teil des Gewinns ausgeben.» Auch bei Juwelieren und Edel-Boutiquen in Tokio und Osaka klingeln derzeit die Kassen - dank der im Ausland kritisch beäugten Geldschwemme der Zentralbank.

Japanische Fernsehteams fahnden bereits nach Vorboten des Aufschwungs. Werden die Röcke wieder kürzer? Greifen die Japaner bei den Kirschblütenfesten verstärkt zu edlen Tropfen? Es scheint, als ob die Nation den Schock des Super-GAUs von Fukushima und die übrigen Folgen des Tsunamis im Jahr 2011 nun allmählich verdaut hat und sich wieder Luxusproblemen zuwenden kann.

Aus der Krise führen

Ministerpräsident Shinzo Abe war Ende vorigen Jahres mit der erklärten Absicht ins Amt gestartet, Japan aus der Wirtschaftskrise zu führen. Dazu muss er die Deflationsspirale aus fallenden Preisen und Investitionszurückhaltung brechen. Zunächst sträubte sich die Notenbank gegen den Kurswechsel. Erst nach einem Führungswechsel hat sie sich dann dem Ziel einer Inflationsrate von zwei Prozent mit Haut und Haaren verschrieben.

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Der neue Notenbankchef Haruhiko Kuroda und seine Kollegen wollen die Bestände an Staatsanleihen drastisch ausweiten, Papiere mit längerer Laufzeit kaufen und mehr in risikoreiche Anlagen investieren. Der Vorwurf aus dem Ausland, Japan verschaffe sich mit der dadurch ausgelösten Talfahrt des Yen unfaire Wettbewerbsvorteile, perlt an Notenbank und Regierung ab.

Börse im Höhenflug

Die Investoren jedenfalls feiern die neue Geldpolitik: Der Leitindex in Tokio legte in den vergangenen fünf Monaten um gut 50 Prozent zu. Die Luxusgüterbranche reibt sich die Hände: «Der plötzliche Anstieg der Börsenkurse hat zu einem kräftigen Umsatzanstieg in unseren Filialen geführt - insbesondere Schmuck, Edelmetall und Uhren gehen gut», meint Ryoichi Yamamoto, dessen Unternehmen mehrere Ladenketten in Osaka und Nagoya betreibt.

Auch die breite Masse der Japaner blickt wieder etwas optimistischer nach vorn. Die Verbraucherstimmung stieg im Februar auf den höchsten Stand seit mehr als fünf Jahren. Daher sitzt vielen Japanern das Geld nun lockerer: «Wenn Kunden früher Einzelstücke für umgerechnet 25 bis 35 Franken für zu teuer hielten, so erscheint einigen das nun als Schnäppchen», beschreibt ein 37-jähriger Schmuckhändler in Osaka den Sinneswandel der Käufer.

Nur ein Teil profitiert

Doch ein Grossteil der Bürger, die weder dicke Aktienpakete besitzen noch Vergütungen von ihren Arbeitgebern zu erwarten haben, müssen sparen. «Die Reichen haben das Geld, aber ich sehe nicht, dass es besser läuft», grantelt die 42-jährige Hausfrau Eri Mori aus Osaka. An Preiserhöhungen, die das Ende der bleiernen Deflationszeit einläuten könnten, trauen sich viele Unternehmen nicht heran. So auch das Möbelhaus Nitori, das mehr als 80 Prozent seiner Rabatt-Ware aus dem Ausland bezieht. Selbst bei einer weiteren Talfahrt des Yen würde er es nicht wagen, die Kunden mit einer Preiserhöhung zu verprellen, versichert der Firmenchef.

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(se/chb/reuters)