«Katastrophaler Einbruch beim Skitourismus», so lauten derzeit die Schlagzeilen zum Tourismus. Der warme Winter hat die Schweizer davon abgehalten, in die Berge und auf die Sessellifte zu pilgern. Im Bündnerland ( minus 13 Prozent) und im Wallis mit ( minus 16 Prozent) war die Skiabstinenz am meisten zu spüren. Doch das Jammern über das Wetter ist nur die halbe Wahrheit. Die Schweizer haben offenbar keine Lust mehr auf Skiferien.

War für die «Generation Golf» (Jahrgänge 1965 – 1975) der alljährliche Skiurlaub in der Schweiz noch Standard, hat sich das Verhalten der Familien inzwischen stark verändert. 1998 gab eine Familie mit zwei Kindern gemäss Bundesamt für Statistik pro Monat gerade mal 63 Franken für Pauschalreisen aus. 2011 waren es 239 Franken – oder 380 Prozent mehr. Und dieses Geld fliesst anderswo hin.

Die Sonne ruft - aber anderswo

Statt in den Bergen suchen die Schweizer heute die Sonne eher am Meer. Bei Kuoni wachsen die Buchungen in den Monaten Januar und Februar seit längerem zweistellig. Von 2012 auf 2013 nahmen etwa die Reisen im Winter nach Thailand, auf die Kanaren, nach Oman oder in die Vereinigten Arabischen Emirate um 10 Prozent zu.

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Für 2013 bis 2014 wird nochmals mit rund 10 Prozent Zuwachs gerechnet. Der starke Franken lockt die Schweizer zusätzlich ins Ausland. Anstatt für 4000 Franken eine Woche Skiferien «zu Hause» gibts für den gleichen Betrag zwei Wochen lang der Strand und allesinklusive. «Mobilität und damit auch Auslandsreisen sind einfach viel billiger als früher» sagt auch der Adelbodener Kurdirektor Urs Pfenninger.

205 Prozent teurer in 30 Jahren

Tagsüber Skifahren und Abends nach einem Topf Spaghetti im Kreise der Familie einen Jass klopfen – das ist vielen nicht mehr genug. Jörg Rössel, Soziologieprofessor an der Uni Zürich, erklärt die Ski-Abstinenz mit der Erlebnisgesellschaft: «Skifahren allein scheint nicht mehr zu reichen, in der Regel wünschen die Gäste daneben auch weitere Attraktionen.» Eine Reise in die Sonne hat mehr zu bieten als Ski-Ferien in den Bergen.

Oder ist es auch schlicht auch zu teuer in der Schweiz? Seit 1982 beträgt die Teuerung knapp 63 Prozent. Im gleichen Zeitraum sind Ski-Billete um durchschnittlich 205 Prozent teurer geworden. Zudem sind das nahe Ausland wie Österreich oder das Südtirol gerade bei Familien beliebte Winterferienziele. So sind Kinderhotels in Österreich auf einem Stand, den Familien in der Schweiz noch vergeblich suchen. Im Pitztal zum Beispiel fahren Kinder bis zehn Jahre auf den Liften gratis.

Kultur hat sich verändert

Für viele Familien ist der Wintersport schlicht zu teuer geworden. Denn in den letzten Jahren haben auch die Kosten für Miete, Krankenkasse und Kommunikation massiv zugenommen. Im knallharten Geschäft um den Gast hat das nahe Ausland offenbar die Hausaufgaben besser gemacht als die Schweiz. Sie locken mit Tiefstpreisen.

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Doch das ist nicht alles. Ein Schweizer kann Skifahren. Dieses Selbstverständnis existiert laut Soziologe Rössel nicht mehr: «Die kulturelle Selbstverständlichkeit als Schweizer Ski- oder Wintersport betreiben zu müssen, hat nachgelassen, was sich auch im veränderten Umgang in den Schulen, in den Jugendsportangeboten und so weiter zeigt.»

Nur grösser reicht nicht

Die Skigebiete geben Gegensteuer. In den Alpen bestehen Pläne für immer grösserer Skigebiete. Arosa – Lenzerheide ist dieses Jahr zusammengewachsen. Zwischen Sedrun und Andermatt soll ebenfalls ein Millionenprojekt verwirklicht werden. Die Grösse der Skigebiet alleine wird den Besucherschwund aber nicht kompensieren können. Auch an der Strategie neben der Piste muss gearbeitet werden.