Die grossen Kisten sind ihre Welt. Zaugg Emballeur verpackt Maschinen und spediert komplette industrielle Anlagen in die ganze Welt. Vor einem Jahr wagte das Logistikunternehmen mit Sitz in Schlieren ZH den Schritt in den Fernen Osten. Das KMU eröffnete im chinesischen Changzhou eine Kistenfabrikation und einen Verpackungsservice. Die Stadt liegt rund 250 Kilometer westlich von Schanghai im Zentrum einer boomenden Wirtschaftszone. Die Firmenleitung klärte schon seit längerer Zeit ein Engagement in China ab, wartete aber auf den richtigen Zeitpunkt. «Wir wollten nicht lokale Hersteller verdrängen, sondern mit einem westlichen Unternehmen starten und mit ihm wachsen», sagt Firmenchef Michael Zaugg. Diese Gele­genheit ergab sich mit dem Ausbau des ­China-Geschäftes des Maschinenbauers GF Agie Charmilles.

Die Expansion von Zaugg Emballeur im Fernen Osten ist ein typisches Beispiel für jene zweite China-Welle, welche gegenwärtig durch die Schweizer Wirtschaft schwappt und vor allem exportorientierte KMU erfasst. Diese folgen den grossen Konzernen nach, die schon seit Jahren im Reich der Mitte tätig sind. Die KMU können es sich als Zulieferanten und Nischen­player nicht mehr länger leisten, abseitszustehen, wenn sich komplette Produk­tions­ketten von Europa in den Fernen ­Osten verschieben.

Die Expansion nach China erfolgt in den seltensten Fällen aus eigenem Antrieb. Die Kunststoffgiesserei Romay aus dem aargauischen Oberkulm musste sich dem Schlüsselkunden Siemens Transportation beugen. Der Weltkonzern machte seinem A-Lieferanten klar, was er bezüglich Technologie, Qualität und Liefertreue erwarte. Das war ein diskreter, aber unmissverständlicher Befehl an den Romay-Chef Marco Steg: «Für uns war es wichtig, unserem Kunden auch in China ein verlässlicher Partner sein zu können.»

Romay folgt Siemens Transportation

Das Aargauer KMU mit seinen 250 Beschäftigten eröffnete über ein Joint Venture mit einem chinesischen Partner ein Werk in Qingdao. Es produzierte zunächst im Auftrag von Siemens Verkleidungskomponenten für die neuen chinesischen Hochgeschwindigkeitszüge. Mittlerweile steuert das China-Geschäft 15 Prozent zum Umsatz bei. Die Rendite liegt im zweistelligen Bereich. Siemens ist weiterhin ein zuverlässiger Kunde. Der Konzern belohnte die Flexibilität seines Zulieferanten mit der mehrmaligen Verleihung des «Best Supplier Award».

Ähnliche Erfahrungen machte die Schneeberger Lineartechnik mit Hauptsitz in Roggwil BE. Das Unternehmen mit seinen rund 800 Beschäftigten startete schon vor zehn Jahren in China mit der Montage von Profilschienenführungen. Nun baut es mit einer Mineralgiesserei ein zweites Standbein in China auf. Das ­Unternehmen beliefert die Maschinen-, Halbleiter- und Elektronik-, Solar- sowie Test- und Messsystemindustrie.

Anzeige

Auch in diesem Fall spielten neue Spielregeln eine entscheidende Rolle. Mehrere grosse Abnehmer machten Schnee­berger klar, dass sie unter Kundennähe, kurzen Reaktionszeiten und Kostensenkungen explizit eine Produktion in China verstanden. «Sowohl im Mineralguss- wie im Profilschienengeschäft hätten wir ohne den Gang nach China wichtige Kunden verloren», sagt Geschäftsführer Adrian Fuchser. Für den Bau der Giesserei, die schwere Komponenten fertigt, war letztlich auch die Einsparung von Transportkosten ein wichtiges Argument.

Nachdem zuerst die grossen Schweizer Firmen nach China gegangen sind, um günstiger zu produzieren und ihre Maschinen, Geräte und Komponenten an chinesische Bedürfnisse anzupassen, bauen nun Schweizer KMU Niederlassungen und Fabriken in China auf. «Zulieferer werden von ihren globalen Grossabnehmern mit mehr oder weniger sanftem Druck dazu angehalten, ihnen bei der Produktionsverlagerung in den grossen Markt Chinas zu folgen», stellt Reto Müller, China-Kenner und Verwaltungsratspräsident der Helbling Gruppe fest.

Der Aufbau eines chinesischen Standortes erfordert beträchtliche personelle und finanzielle Ressourcen. Laut Müller sollte eine Firma einen gewissen Mindestumsatz in der Grössenordnung von 10 Millionen Franken anpeilen. «Es braucht Geduld und ein gewisses Durchhaltevermögen, denn bis zum Break-even dauert es oft drei bis fünf Jahre.»

Ein starkes Standbein in China wird nicht nur für kleinere Zulieferanten immer mehr zu einer Frage des Überlebens, sondern auch für mittlere Unternehmen. Dätwyler zum Beispiel verlagerte im letzten Jahr die Produktion von Liftkabeln schwergewichtig von Altdorf UR nach ­China. Das Unternehmen folgte damit zwar primär dem Schindler-Konzern, der zu den Schweizer Pionieren in China gehört. «Anderseits richten wir uns mit dem Umzug auf den gesamten Liftmarkt aus», betont Firmensprecher Guido Unternährer. Alle Grossen der Branche – Schindler, Otis, Kone, Thyssen – sind heute in China äusserst präsent. Hinzu kommen über 600 lokale Hersteller. Der gigantische Baumarkt lechzt geradezu nach Liften. Beinahe 60 Prozent der weltweit hergestellten Aufzüge werden heute in China installiert.

Über die Liftkabel hinaus hat sich Dätwyler ausserdem im Bereich der Dichtungskomponenten für die Autoindustrie verstärkt. Im Herbst kauften die Urner drei Werke, zwei in Korea, eines in China. Die Vorwärtsstrategie erfolgte nicht ganz freiwillig. «Unsere weltweit tätigen Kunden wie Bosch oder Continental erwarten eine globale Lieferfähigkeit mit Produktions­standorten in der Nähe ihrer eigenen ­Werke in Asien, Amerika und Europa», so Unternährer.

Positive Bilanz – trotz Problemen

Auf die Schweizer Firmen warten etliche besondere Herausforderungen. «Der Schritt nach China ist ein mühsamer und fortlaufender ‹Trial and Error›-Prozess, der jede Menge Geduld erfordert», erklärt Kilian Widmer, Leiter des Swiss Business Hub in Schanghai. Zu den Gefahren zähle die komplizierte Registration von Pro­dukten bis zum speziellen chinesischen Geschäftsgebaren. «Noch immer abschreckend wirkt auf viele KMU die Tatsache, dass Chinesen unverfroren Ideen, Designs und Produkte kopieren», räumt Widmer ein. Obwohl China 2009 ein neues Patentrecht eingeführt hat, sind 90 Prozent der Kopien, die irgendwo auf dem Weltmarkt auftauchen, weiterhin aus China.

Trotzdem ziehen die meisten Schweizer Firmen eine positive Bilanz. «Den meisten Betrieben gelingt es, sich innerhalb von drei bis fünf Jahren in China zu etablieren», sagt Widmer. Ein Branchenkenner schätzt, dass vier Fünftel der in China präsenten Schweizer Firmen profitabel operieren und mehr als die Hälfte überdurchschnittliche Gewinne erzielen dürfte.

Was dabei exakt herausschaut, will niemand offenlegen, auch nicht die auf Messgeräte und Analysetechnik spezialisierte Endress+Hauser aus Reinach BL. Für sie ist seit zehn Jahren die Stadt Suzhou ein wichtiger Standort. Von dort aus beliefert Endress+Hauser chinesische Konzerne sowie Roche und Novartis. Letztere hat im letzten Jahr in Schanghai ein Forschungszentrum für 1 Milliarde Dollar eröffnet. «Die Nähe zu unseren Kunden ist für uns ein grundlegendes Prinzip», sagt Sprecherin Monique Juillerat. Erstaunlicherweise finden sich unter den 600 Angestellten von Endress+Hauser in China keine Europäer. Der Konzern vertraute von Anfang an auf lokale Arbeitskräfte bis hinauf zur Geschäftsleitung. «Mit guten Erfahrungen, ausser dass die Fluktuation ein heraus­fordernderes Thema ist als in Europa», so Juillerat. Die Chinesen seien loyal zu ­Familie und Freunden, aber selten zum Arbeitgeber.

Anzeige