China sendet Schockwellen um die Welt. Nach dem schwarzen Montag, an dem China den grössten Kursrutsch seit acht Jahren erlebt hatte, folgte ein nicht minder schlimmer Start in den heutigen Dienstag. Der wichtige Shanghai Composite Index fiel zum Handelsauftakt erneut kräftig um 6,41 Prozent. Der Shenzhen Component Index sackte um knapp sieben Prozent ab.

Mit einer Zinssenkung hofft die Nationalbank nun, den Sturz aufzufangen. Denn der chinesische Absturz reisst andere mit: Rohstoffpreise schmierten ab. Schwellenländer-Währungen verloren an Wert. Peking gelingt es einfach nicht, das Vertrauen der Investoren zurückzubekommen. Zwar kündigte die Regierung am Montag an, den Mindestreservesatz für Banken senken zu wollen. Diese könnten dann wieder leichter Kredite vergeben. Der Schritt soll aber erst Ende des Monats erfolgen – zu spät, nach Ansicht der Finanzmarktakteure.

«Harte Landung»

Vor allem, weil inzwischen die grundsätzlichen Zweifel gewachsen und Konjunkturforscher zunehmend in Sorge sind. «Es ist für die globale Wirtschaft entscheidend, wie es in China läuft», sagt Michael Heise, Chefvolkswirt des deutschen Versicherers Allianz. Sollte es dort zu einer harten Landung kommen, so werde das heftige Folgen für die Konjunktur in der ganzen Welt haben.

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Eine «harte Landung» – das wäre für Ökonomen ein drastischer Rückgang der Wachstumsraten, etwa auf die Hälfte des Wertes vom vergangenen Jahr, als die chinesische Wirtschaft noch um 7,4 Prozent wuchs.

Doch steht es wirklich so schlimm um die dortige Wirtschaft? Droht China vielleicht sogar ein Absturz wie einst dem Nachbarn Japan, der Ende der 80er auch als die neue Wirtschaftsweltmacht galt und danach in Jahre der Depression verfiel? Oder übertreiben die Finanzmärkte gerade mal wieder? Das grösste Problem ist bei diesen Fragen, dass niemand so genau weiss, wie stark die Wirtschaft des Landes derzeit überhaupt wächst, weil kaum jemand den offiziellen Statistiken noch traut.

Realistische Einschätzung ist problematisch

Das von der Regierung ausgegebene Ziel für dieses Jahr ist ein Plus von 7,0 Prozent, und exakt um diesen Wert ist die Wirtschaftsleistung angeblich sowohl im ersten als auch im zweiten Quartal gewachsen – kaum zu glauben. Viele Ökonomen versuchen daher inzwischen, mithilfe eigener Berechnungen realistischere Zahlen zu ermitteln.

Wei Yao von der Investmentbank Société Générale hat dies beispielsweise getan. «Das reale Wachstum liegt unseren Berechnungen zufolge schon seit 2012 unter den offiziellen Zahlen», sagt sie. Im vergangenen Jahr habe es beispielsweise nur noch bei 6,5 Prozent gelegen. «Und im ersten Halbjahr lag es knapp unter sechs Prozent», stellt sie fest. Andere Beobachter gehen sogar von noch niedrigeren Zahlen aus.

Entscheidend ist jedoch: «Chinas strukturelle Abschwächung hat erst den halben Weg zurückgelegt», so Wei Yao. Denn das Pro-Kopf-Einkommen des Landes ist seit Beginn der 90er-Jahre um den Faktor 24 gestiegen. Es liegt heute auf dem Niveau des EU-Mitglieds Bulgarien. Von diesem Niveau aus werden die Sprünge zwangsläufig kleiner.

Japan gelang zunächst der Aufstieg

«Zweistellige Wachstumsraten in China – das war einmal», sagt daher auch Michael Hüther vom arbeitgeberfinanzierten Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Er rechnet damit, dass sich das Wachstum bei fünf Prozent einpendeln wird. Geringere Raten, aber dennoch weiteres Wachstum, das wäre eigentlich kein Problem. Es könnte aber auch noch schlimmer kommen – Japan hat es vorgemacht. Auch Japan gelang der Aufstieg nach dem Zweiten Weltkrieg durch eine staatliche geplante Entwicklung der Wirtschaft.

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Das Land setzte ebenfalls auf eine unterbewertete Währung und den Export. Selbst die Wachstumszahlen sahen ähnlich aus. In den 50er- und 60er-Jahren ging es um acht bis zehn Prozent pro Jahr nach oben, zeitweise auch um bis zu 13 Prozent.

Mitte der 80er-Jahre entstand dann eine Immobilienblase mit irrwitzigen Preisen und explodierenden Schuldenständen. Diese Blase platze Ende der 80er-Jahre. Die faulen Kredite belasteten die Banken fast zwei Jahrzehnte lang, das führte wiederum zu einer schrumpfenden Wirtschaftsleistung und stetig sinkenden Preisen. Die alternde Bevölkerung tat dann ein Übriges und bewirkte, dass Japan bis heute nicht richtig aus der Krise gefunden hat.

Immobilienpreise in China sinken

In China gab es in den vergangenen Jahren ähnliche Fehlentwicklungen. «Die Verschuldung der Privathaushalte und der Unternehmen ist in den letzten fünf Jahren von 130 auf 180 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gestiegen», sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank.

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«Früher oder später werden sie beginnen müssen, das zurückzuzahlen.» Gleichzeitig gibt es ein deutliches Überangebot bei den Immobilien, was die Preise vielerorts schon sinken lässt. «Diese zwei Probleme werden noch lange negativ wirken», so Krämer.
Und genau wie in Japan kippt nun auch in China genau zum Zeitpunkt einer schwierigen wirtschaftlichen Lage die Demografie. Die Ein-Kind-Politik der vergangenen 35 Jahre hat dazu geführt, dass die Zahl der Rentner unaufhörlich wächst, die Zahl der Arbeitnehmer aber ihren Höhepunkt erreicht hat und in den kommenden Jahren allmählich sinken wird.

«Die Panik ist übertrieben»

Und wenn China nun den Wachstumspfad verlassen sollte, dann wären deutsche Firmen davon besonders betroffen. Denn sie haben in den vergangenen Jahren auch überdurchschnittlich stark vom Boom im Reich der Mitte profitiert. Auch Schweizerische Unternehmen hätten das Nachsehen.

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Allerdings gibt es derzeit durchaus auch Stimmen, die vor übertriebenen Ängsten warnen. «Die Panik bezüglich China ist übertrieben», sagt Allianz-Mann Heise. Zwar dürften die Wachstumsraten weiter zurückgehen, aber eben nicht drastisch einbrechen. «Das würde die Regierung niemals zulassen, allein schon um keine sozialen Unruhen heraufzubeschwören.» Notfalls würde sie die Geldpolitik lockern oder mit staatlichen Stützungsmassnahmen eingreifen, so Heise.

Effekt der sinkenden Rohstoffpreise wird unterschätzt

Vor allem glaubt er aber auch, dass viele den Effekt der sinkenden Rohstoffpreise unterschätzen. Diese würden überall auf der Welt den Verbrauchern mehr Spielraum für den Konsum geben, auch und gerade in China. «Und sogar der Immobilienmarkt stabilisiert sich derzeit schon wieder«, sagt er. Seiner Ansicht nach übertreiben die Finanzmärkte derzeit eindeutig.

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Dies gelte vor allem auch, weil selbst ein Rückgang des Wachstums in China dadurch ausgeglichen werden könne, dass es in den westlichen Industrieländern wieder besser laufe. «Selbst Europa kommt inzwischen wieder aus der Talsohle.« Das Wachstum hier und in den USA könne daher die schwächere Entwicklung in China ausgleichen.

Dieser Artikel erschien zuerst bei der «Welt» unter dem Titel «Droht China jetzt das japanische Schicksal?».