Erstmals könnte eine Frau die mächtigste Zentralbank der Welt führen. Nach dem Verzicht des früheren Finanzministers Larry Summers ist der Weg für Janet Yellen an die Spitze des Federal Reserve Systems frei. Ginge es nach ihren Kollegen, hätte die 67-Jährige den Job bereits in der Tasche. «Janet Yellen ist fachlich  absolut kompetent und besitzt auch eine umfangreiche Erfahrung an der Spitze der Fed», sagte der renommierte Makroökonom Charles Wyplosz vom Genfer Graduate Institute zu handelszeitung.ch. Er kennt Yellen gut: In Harvard war die aktuelle Fed-Vizechefin seine erste Lehrerin für Makroökonomie. Einer seiner Klassenkameraden damals: Larry Summers.

Nach der Ära des Vorgängers Alan Greenspan - mit zwei geplatzten Vermögensblasen - habe der aktuelle Fed-Chef Ben Bernanke den Zentralbank-Rat zu einer als Kollektiv agierenden Gruppe geformt. «Ich erwarte, dass Yellen in diese Richtung weitermacht», sagte Wyplosz, der auch überzeugt ist, dass Yellen die dafür nötige Führungsqualität besitze. «Sie ist bereits gewachsen seit sie den Posten als Fed-Vize übernommen hat.»

Offener Brief an Obama plädiert für Yellen

Unterstützung erfährt Yellen auch von ihren Kollegen in den USA. Rund 500 Ökonomen unterzeichneten binnen weniger Tage einen vom Institute for Women's Policy Research initiierten offenen Brief an Präsident Barack Obama, in dem sie für Yellen als neue Fed-Chefin plädieren.

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Die Liste der Unterstützer liest sich wie das Who-is-Who der amerikanischen Ökonomen-Zunft: Neben dem Nobelpreisträger Joseph Stiglitz sprechen sich Christina Romer, ehemals oberste Wirtschaftsberaterin von Präsident Barack Obama, und der Columbia-Ökonom Jeffrey Sachs für Yellen aus. Auch Yale-Professor Rob Shiller und der frühere Clinton-Berater Alan Blinder sind dabei.

Nobelpreisträger Stiglitz: Yellen ausserordentlich qualifiziert

Es gäbe viele Gründe, die für Yellen sprechen, schreiben die Ökonomen. Drei davon arbeiten sie heraus: Sie sei ausserordentlich qualifiziert für den Job. Als Chefin der Notenbank von San Francisco habe sie bereits 2005 vor einem Zusammenbruch des Häusermarktes gewarnt, als die Preise für Immobilien noch märchenhaft anstiegen. Und 2007, als kaum jemand die Schwierigkeiten im Finanzsektor erkannte, habe Yellen schon darauf hingewiesen, dass die dortigen Verwerfungen eine schwere Rezession in der Realwirtschaft nach sich ziehen könnten.

Daneben sei die aktuelle Fed-Vizechefin offen für verschiedene Sichtweisen. «Sie ist weder einer Interessensgruppe verpflichtet, noch einer Branche», schreiben Stiglitz und seine Kollegen. Das sei angesichts der Komplexität der heute zu bewältigenden Probleme besonders wichtig. Zudem verstehe Yellen wie niemand sonst den US-Arbeitsmarkt - und könne am besten die Frage beantworten, warum im fünften Jahr mit schwacher Erholung noch immer nicht genügend Jobs geschaffen werden.

Yellen - eine ausgewiesene Arbeitsmarktexpertin...

Die blutarme Erholung am Arbeitsmarkt gilt den meisten Fachleuten als drängendstes Problem der grössten Volkswirtschaft der Welt. Noch immer sind trotz fallender Tendenz 7,3 Prozent der arbeitsfähigen Amerikaner ohne Job. Die Quote sank in den vergangenen Monaten insbesondere deshalb, weil viele Arbeitslose resigniert die Suche nach einem Job aufgeben und damit automatisch aus der Statistik fallen.

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Tatsächlich ist Yellen eine ausgewiesene Arbeitsmarktexpertin, unterrichtete als Professorin in Harvard, an der London School of Economics (LSE) und in Berkeley. Von 1997 bis 1999 war sie als wirtschaftspolitische Chefberaterin von US-Präsident Bill Clinton tätig. Im Rahmen ihrer theoretischen Arbeit fand sie unter anderem heraus, dass Unternehmen ihren Beschäftigten einen höheren Lohn als am Markt üblich zahlen sollten, um die Produktivität zu erhöhen.

... und geldpolitische Taube

Dabei arbeitete Yellen wissenschaftlich oft mit ihrem Mann - dem Nobelpreisträger George Akerlof - zusammen. Die beiden lernten sich 1977 kennen - bei einem geldpolitischen Seminar bei der Notenbank in Washington. Es war Liebe auf den ersten Blick. «Oder ganz nahe dran», sagte Akerlof einmal in einem Interview.

Kritiker von Yellen legen ihr dieses Wissen um die Jobmärkte jedoch als Nachteil aus - zumindest in ihrer möglichen Funktion als Fed-Chefin. Sie sei eine «eingefleischte Taube», urteilen etwa die Volkswirte der Commerzbank. Yellen habe deutlich gemacht, dass sie im Zweifel eine höhere Inflation für eine deutlich niedrigere Arbeitslosigkeit in Kauf nehmen würde. Tatsächlich besitzt die Fed im Gegensatz zur Schweizerischen Nationalbank (SNB) und der Europäischen Zentralbank (EZB) ein Doppelmandat: Sie muss nicht nur für stabile Preise sorgen, sondern auch den Arbeitsmarkt mit am Laufen halten. SNB und EZB haben als primäres Ziel die stabile Entwicklung der Preise.

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Summers umstritten

Noch in diesem Herbst will sich Obama zur Nachfolge Bernankes äussern. In einem zweiten Schritt muss der Senat der Personalie zustimmen. Insidern zufolge hatte Summers bislang die besten Karten. Dabei ist er jedoch keineswegs unumstritten. Viele Demokraten werfen ihm vor, in den 1990er Jahren die Deregulierung der Finanzmärkte zu forsch vorangetrieben zu haben. Gegner sehen Summers gar als Wegbereiter der Finanzkrise.

Als Finanzminister unter Präsident Bill Clinton hatte er mitgewirkt, dass der Derivatemarkt unreguliert blieb. Ausgerechnet undurchsichtige Produkte aus diesem Bereich erwiesen sich als Brandbeschleuniger der Krise. Daneben trat Summers als Harvard-Präsident im Juni 2006 unter dem Druck der Öffentlichkeit zurück, nachdem er auf einer Konferenz angeführt hatte, dass Frauen schlechter geeignet für naturwissenschaftliche und mathematische Fächer seien als Männer.

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Fed-Veteran Donald Kohn mit Aussenseiterchancen

Als Nachfolger Bernankes käme neben Yellen auch noch Fed-Veteran Donald Kohn infrage, der nach 40 Jahren in der US-Notenbank 2010 in den Ruhestand ging. Sollte ihn Obama zur Rückkehr bewegen, wäre er mit diesem Kandidaten auf der sicheren Seite: Fachlich geniesst auch der 70-jährige Ökonom noch immer hohes Ansehen.

(mit Material der SDA)