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Prognose
Aus diesen Gründen wird 2016 ein Jahr zum Vergessen

Zerrissene Fahne: Die Vorzeichen stehen schlecht fürs Wirtschaftsjahr. Keystone

Das neue Jahr hat kaum begonnen – und doch häufen sich die Hiobsbotschaften. Geht es in diesem Stil weiter, wird 2016 ein schwarzes Wirtschaftjahr. Fünf Gründe sprechen für die düstere Einschätzung.

Von Stefan Beutelsbacher, Nando Sommerfeldt, Holger Zschäpitz («Die Welt»)
am 13.01.2016

In Köln gehen gerade die ersten Anzeigen wegen sexueller Belästigung ein, als Saudi-Arabien 47 Menschen hinrichtet. Nordkorea testet eine Atombombe, und in China verketten sich Ereignisse, die wenig später zu einem Börsenabsturz führen, der weltweit 4,6 Billionen Dollar vernichtet: Vierzehn Tage ist das Jahr erst alt, doch die Zeit hat genügt, um die Menschen zu verunsichern.

Was in Köln, Riad und Peking geschehen ist, wird Folgen haben. Gesellschaftliche und politische, aber auch wirtschaftliche. Die Ökonomie steht so wackelig da wie lange nicht, der globale Handel ist bereits eingebrochen. Die ersten dreizehn Tage verheissen nichts Gutes. 2016, ein Doom-Jahr? Fünf Gründe sprechen dafür.

Das Billig-Öl

Etwa 30 Dollar kostet ein Fass Rohöl der Sorte WTI derzeit – und ist damit so billig wie zuletzt 2003. Die Schweizer Konsumenten und Konzerne freuen sich über die günstige Energie. Auch der Internationale Währungsfonds bewertet die Lage positiv, da der fallende Ölpreis dem globalen Wachstum in den vergangenen zwölf Monaten geholfen hätte.

Der positive Effekt in den Verbraucherländern wie die Schweiz würde die negativen Folgen in den Förderstaaten noch wettmachen. Doch auf Dauer ist billige Energie mehr Risiko als Chance. Tiefe Rohstoffpreise sind ein Zeichen globaler Schwäche, wie wir sie derzeit vor allem in den Schwellenländern erleben. Viele Nationen sind extrem abhängig von dem Verkauf ihrer Rohstoffe. In einer Welt mit Miniwachstum braucht es nicht viel, um die Ökonomie in eine Krise zu stürzen.

Erratische Herrscher

Sie hassen es, wenn sie nicht planen können. Kaum etwas verabscheuen Investoren so sehr wie politische Unsicherheit. Wie sollen sie Geld verleihen, Projekte finanzieren, Aktien kaufen, wenn sie nicht abschätzen können, was geschieht? Erratische Herrscher sind für sie ein Albtraum.

Männer wie Kim Jong-un und Mohammed Bin Salman zum Beispiel. Zwei Namen, die Anleger in den ersten Tagen des Jahres verunsichert haben. Kim hat in Nordkorea den Test einer Bombe bejubelt.

Saudi-Arabien in der Finanzmisere

Prinz Bin Salman, Sohn des Königs und Verteidigungsminister, hat in Saudi-Arabien die Hinrichtung von 47 Menschen geduldet, wenn nicht sogar veranlasst. Das Königshaus liess dabei auch den prominenten schiitischen Prediger Nimr al-Nimr töten – wohl eine Provokation des schiitischen Erzfeindes Iran.

Es sind Ereignisse, die nicht nur politische Folgen haben, sondern auch wirtschaftliche. So schnellte etwa die Pleitewahrscheinlichkeit Saudi-Arabiens nach der Hinrichtung in die Höhe. Der kalte Krieg mit dem Iran verschreckt die Investoren. Sie entziehen dem Königreich offenbar ihr Vertrauen. Weltpolitische Schocks wie diese lähmen den globalen Handel – und schaden damit auch der Schweiz. Nicht sofort, sondern schleichend wie ein langsam wirkendes Gift.

Mieser Börsenstart

An den Finanzmärkten ist es manchmal wie im echten Leben. Der erste Eindruck zählt. Soll heissen: So wie sich die Börsen in der ersten Woche eines Jahres zeigen, wird auch das Gesamtjahr. Nach dieser Regel wird 2016 schwarz. Rabenschwarz. Die Finanzmärkte haben den schlechtesten Start aller Zeiten hingelegt.

Der Swiss Market Index verlor mehr als sechs Prozent, der deutsche Leitindex tauchte sogar um mehr als acht Prozent. Auch der US-Börsenindex S&P 500 verzeichnete mit minus sechs Prozent einen Negativrekord. «Die Geschichte lehrt, dass die erste Woche den Takt fürs Gesamtjahr vorgibt», sagt Tim Edwards, Direktor beim Indexanbieter S&P Dow Jones Indices. Keine gute Aussicht.

China schwächelt

Der Absturz der Börsen ging von China aus, nach den USA die zweitwichtigste Ökonomie der Welt. Die Volksrepublik steht für fast 15 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung.

Die Welt hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten an die Wachstumsraten aus Peking gewöhnt. Entsprechend kritisch wird jeder Einbruch beäugt. Allerdings nimmt kaum noch ein Experte Peking die offiziellen Statistiken ab. Nach Berechnungen des Analysehauses Fathom Consulting liegt das Wirtschaftswachstum nicht bei sieben Prozent, wie von der Führung stolz verkündet – sondern bei weniger als zweieinhalb Prozent.

Gefährlicher Tempoverlust

«Mit dem chinesischen Wirtschaftswachstum verhält es sich wie mit der Bombe unter dem Bus im Film «Speed», die hochgehen sollte, wenn er zu langsam fährt», sagt Erik Britton, Analyst bei Fathom Consulting.

China brauche ein bestimmtes Wirtschaftswachstum, um seine sozialen Herausforderungen lösen zu können.  Britton rechnet damit, dass die Wirtschaft des Landes weiterhin schwächeln wird. Für die Schweiz ist das bitter. Die Ausfuhren in die Volksrepublik legten jahrelang zu und betragen mittlerweile bereits rund Milliarden Franken pro Jahr.

Lage in Griechenland ist fragil

Die Lage in Griechenland ist komplett aus dem öffentlichen Fokus geraten. Das liegt aber nicht daran, dass das Land die Krise hinter sich gelassen hat. Im Gegenteil. Schon in den kommenden Tagen muss die Regierung in Athen die Umsetzung einer besonders heiklen Reform mit den Geldgebern verhandeln: den Umbau des Pensionssystems. «Die Renten sind das letzte soziale Sicherheitsnetz in einer Gesellschaft, in der ein Viertel der Bevölkerung arbeitslos ist», meint Adriano Bosoni, Stratege bei der Denkfabrik Stratfor.

Auch wenn die Gefahr eines Grexit nicht so hoch wie im vergangenen Jahr sei, rechnet er mit sozialen Unruhen und politischer Volatilität. Schliesslich verfüge die Regierung von Premier Alexis Tsipras im Parlament lediglich noch über eine Mehrheit von drei Sitzen. Schon eine kleine Rebellion in der Koalition könne die Regierung zum Sturz bringen.

Dieser Artikel ist zuerst in unserer Schwester-Publikation «Die Welt» erschienen.

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