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Europa
Bankenkrise: Angst vor dem nächsten Crash

Skyline von Frankfurt: Es braut sich ein Sturm zusammen. Keystone

Anleger strafen Credit Suisse, UBS & Co. an der Börse ab. Es offenbaren sich neue Abgründe in Europas Finanzsystem.

Von Simon Schmid und Michael Heim
am 14.07.2016

Geduld. Dies fordert Tidjane Thiam, Chef der Credit Suisse, von seinen Aktionären. Geduld, bis die Restru­kturierungspläne der Grossbank greifen und sich der Börsenkurs, der dieses Jahr um die Hälfte eingebrochen ist, wieder erholt. Man wolle «im Laufe der Zeit» Mehrwert erzielen, sagt der Ivorer an der Spitze der Credit Suisse.

Zu Thiams Gunsten spricht, dass seine Bank nicht die einzige ist, die von Anlegern in letzter Zeit gemieden wird. Auch die UBS, die bereits früher ihr Investment-Banking schrumpfte und dafür Lob erhielt, ­verlor ein Drittel ihres Börsenwerts. RBS, Société ­Générale und Deutsche Bank heissen weitere europäi­sche Institute, die Federn lassen mussten. Aktionäre von UniCredit, der grössten Bank in Italien, haben seit Januar sogar fast 60 Prozent ihres Geldes verloren.

Purzelnde Kurse und ihre Gründe

Tidjane Thiams Problem ist allerdings nicht, dass die CS im Börsenvergleich besonders abfällt. Das Problem ist, dass Investoren in letzter Zeit vielen Banken nicht mehr zutrauen, das vom Credit-Suisse-Chef formulierte Ziel zu erreichen: Mehr Wert für die Aktionäre in Form von höheren Gewinnen zu schaffen.

Im Gegenteil. Nach der Brexit-Abstimmung wurden die Gewinnschätzungen gekürzt; bei den Ana­lysten von Morgan Stanley etwa um ein Viertel und mehr. Dies nicht nur für britische Banken, sondern für Geldhäuser in ganz Europa – inklusive der Schweiz. Die miesen Aussichten sind ein direkter Grund dafür, dass die Aktienkurse an der Börse getaucht sind.

Die Herabstufungen legen aber auch nahe, dass es fundamental schlecht um den Bankensektor bestellt ist. Die Angst ist aufgekommen, dass das Banken­system in einer tödlichen Abwärtsspirale steckt. Der Markt befürchtet einen neuerlichen Finanz-Crash.

Altlasten, Tiefzinsen und Zombiebanken

Die Furcht ist nachvollziehbar, und zwar aus mehreren Gründen. Da sind zum einen die Altlasten. Europas Banken sitzen je nach Schätzung auf notleidenden Krediten von 1 bis 2 Billionen Euro. Das ist ein Mehrfaches der Summe, die dem Rettungsschirm ESM während der Euro-Krise zur Verfügung gestellt wurde. 360 Milliarden Euro an faulen Krediten fristen alleine in italienischen Bankenbüchern ihr Dasein. Das entspricht rund einem Sechstel der italienischen Staatsschulden, die bereits heute über 130 Prozent des Bruttoinlandprodukts ausmachen.

Sollen die Ramschkredite einst abgeschrieben werden – und das müssen sie –, entstehen Kosten, für die jemand geradestehen muss: Die Banken selbst oder die Staaten, die ein Interesse an der Weiter­existenz dieser Banken haben, von denen manche ­eigentlich längst Pleite sind – darunter etwa Monte dei Paschi, Italiens älteste Bank, der etwa 2 Milliarden Euro Kapital fehlen sollen.

Die Altlasten drücken in erster Linie auf den ­Aktienkurs betroffener Banken wie UniCredit. Aber nicht nur. Restrukturiert Italien seine Banken, so werden auch andere Länder dies spüren: Länder wie Frankreich, dessen Banken mit 10 Prozent des BIP in Italien exponiert sind. Kommt es zur Beteiligung privater Gläubiger – so, wie es in der europäischen Bankenunion neuerdings vorgesehen ist –, werden also nicht nur italienische Kleinsparer zur Kasse gebeten, sondern auch Institute jenseits der Grenze. Auch wenn Europa es Italien erlauben sollte, seine Banken auf Staatskosten zu retten, kann im ­Finanzsystem Stress entstehen: Dann, wenn die Solvenz des Landes in Zweifel steht, das ein Defizit von gegen 3 Prozent aufweist, bei einem Wachstum von gerade einmal 1 Prozent.

Geschmälerte Profite

Das schwache Wirtschaftswachstum spielt auch bei einem anderen Faktor eine Rolle, der Banken ­europaweit schwächt: den niedrigen Zinsen. Teils natürliche Folge der schleppenden Wirtschaft, teils extra herbeigeführte Stimulierungsmassnahme der Europäischen Zentralbank, schmälern die Tiefzinsen die Profite der Banken. Es schrumpft die Marge zwischen dem Geld, mit dem sich Banken selbst ­finanzieren, und dem Geld, das die Banken langfristig an Privatpersonen, Firmen und Staaten vergeben. Die Ökonomen der Bank J. Safra Sarasin äussern in diesem Zusammenhang denn auch «grosse Besorgnis über die Ertragskraft europäischer Banken».

Niedrige Gewinne werden dann zum übergeordneten Problem, wenn die Geldhäuser ohnehin nur knapp mit Kapital ausgestattet sind – ein Zustand, der speziell bei der Credit Suisse und der Deutschen Bank ausgeprägt, insgesamt aber charakteristisch für das gesamte Bankensystem in Europa ist. Unter diesen Umständen geht die Handlungsfähigkeit der Banken verloren: Unterkapitalisierte Institute ohne befriedigende Gewinnaussichten haben nicht nur Mühe, sich Kapital zu beschaffen, sondern auch, Kredite zu vergeben. Sie werden zu wertlosen Hüllen ohne volkswirtschaftlichen Nutzen.

Das Misstrauen im System nimmt überhand

Schwache Banken schwächen die Volkswirtschaft, schwache Volkswirtschaften schwächen die Banken: Es ist dieser Gedanke, der Philipp Hildebrand jüngst dazu veranlasst hat, Alarm zu schlagen. Man müsse staatliche Hilfen für italienische Banken zulassen, so der Ex-SNB-Präsident und heutige Vizechef von Blackrock in einem Interview, ansonsten komme es «zur Katastrophe im Finanzsektor». Ähnliche Forderungen hatten zuletzt der einstige EZB-Notenbanker und heutige Präsident von Société Générale, Lorenzo Bini Smaghi, sowie der Chefökonom der Deutschen Bank, David Folkerts-Landau, aufgestellt. Letzterer verlangt ein Megaprogramm über 150 Milliarden Euro, um Europas Banken zu rekapitalisieren, ähnlich wie es die USA im Jahr 2008 gemacht hatten. «Europa ist schwer krank», erläutert er seinen Appell.

Die Warnungen mögen opportunistisch motiviert sein, leichtfertig von der Hand zu weisen sind sie aber nicht. Auf die Gefahren eines ausgezehrten Bankensystems weist auch der Ökonom Thomas Mayer hin, Folkerts-Landaus Vorgänger bei der Deutschen Bank, der sich heute als Systemkritiker hervortut. Nehme das Misstrauen im Bankensektor überhand, sagt Mayer, so steige die Gefahr, dass Bankkunden ihr Geld abziehen – eine Dynamik, die der Realwirtschaft schade und die in extremis auch das Finanzsystem zu Fall bringen könnte.

Glaubt man dem Ökonomen Nicolas Véron, der sich als Spezialist für die Bankenunion einen Namen gemacht hat, so ist Europa von solchen Szenarien noch weit enfernt. «Das europäische Bankensysem ist fragiler als jenes der USA», sagt er, «doch die Diskrepanz hat abgenommen.» Véron versteht den Brexit schlicht als einmaligen Kostenfaktor und bezeichnet die faulen Kredite in Italien als Problem, das es auf Druck der EZB und im Rahmen der neuen Direktiven der Bankenunion zu lösen gelte. «Die Verkettung von unbesicherten Schulden zwischen Banken und Sparern existiert so nur in Italien», sagt er, «das rest­liche Europa ist bereits einen Schritt weiter.»

Das Altlastenproblem muss unbedingt gelöst werden

Banken vor dem Abgrund – Banken vor der Gesundung. Selbst wenn die Wahrheit dazwischen liegt und es auf ein Weiterwursteln hinausläuft, ist dies keine gute Perspektive für ein Europa, das politisch unter Druck steht und nichts dringender bräuchte als einen Wachstumsschub. Die Fallhöhe ist gross. Versagt die Politik bei den italienischen Banken, so droht der ­proeuropäischen Regierung von Matteo Renzi bei ­einem Verfassungsreferendum im November das Aus. Dahinsiechen in verlangsamtem Tempo – viele Institute haben ihre Wirtschaftsprognosen nach dem ­Brexit bereits gesenkt – ist auch für die Regierungen in Frankreich und Deutschland, die sich 2017 der Wiederwahl stellen müssen, keine Option.

Mittendrin in den europäischen Finanz- und Wirtschaftsnöten stecken auch die Schweizer Grossbanken, wie deren Kursentwicklung zeigt. Gelingt es ­ihnen nicht, mit Einsparungen – auch bei den Personalkosten – die Profite zu steigern, so droht ein ähnliches Schicksal wie anderen europäischen Instituten: Tiefe Börsenkurse, eingeschränkte Optionen, in einer Krise Kapital aufzunehmen, und ein steigendes Risiko, ­irgendwann zum Übernahmekandidaten zu werden.

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