Gerade einmal rund zweieinhalb Monate ist es her, dass Jose Manuel Barroso sein Amt abgegeben hat. Von 2004 bis 2014 leitete der Portugiese als Präsident die Geschicke der EU-Kommission und war mitverantwortlich für den Krisenkurs Europas. «Wir haben die ausserordentliche Widerstandsfähigkeit der Europäischen Union gezeigt», sagte er heute auf dem Alpensymposium in Interlaken.

Es war der erste grössere Auftritt des Portugiesen als Privatmann nach seinem Ausscheiden als EU-Kommissionspräsident. Und Barrosos Botschaft war klar: Europa wird auch die aktuelle politische Krise überstehen, selbst wenn es «sehr wichtige Schwierigkeiten» zu meistern gebe. «Die Kräfte der Integration sind stärker als die Kräfte der Disintegration.»

Zahl der Euro-Länder seit 2004 stark gestiegen

Barroso wollte dies mit Daten belegt wissen: So zahle man heute in 19 europäischen Ländern mit dem Euro. Zu Beginn seiner Amtszeit habe es lediglich 15 Mitglieder in der gesamten Europäischen Union gegeben. Und auch für die kommenden Jahre gab er sich optimistisch.

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Doch wie sieht das Verhältnis mit der Schweiz aus – namentlich der Beschränkung der Zuwanderung, für die das Schweizer Stimmvolk am 9. Februar vergangenen Jahres votierte? Barroso versuchte sich im Gespräch mit Moderator Stephan Klapproth diplomatisch – und blieb im Ergebnis dennoch hart.

Schweiz drittwichtigster Handelspartner

Die Europäische Union sei sehr wichtig für die Schweiz, umgekehrt sei die Schweiz wichtig für die Europäische Union, sagte er. Gemessen am Handel und Investitionen sei die Schweiz der drittwichtigste Partner für die EU – hinter den USA und China, aber noch vor Russland.

De facto sei die Schweiz stärker wirtschaftlich in Europa integriert als so mancher EU-Staat. Manche Schweizer Region, so Barroso, treibe stärker mit Teilen Deutschlands Handel als deutsche Regionen untereinander. Das gelte analog für den Handel innerhalb Frankreichs und Italien. Das erkläre, warum man in manchen Teilen Europas frustriert sei, sollte es keine politische Wechselseitigkeit mehr geben.

Freizügigkeit wichtiger Meilenstein für die EU

Schweizer Bürger könnten in ganz Europa arbeiten und reisen. Das Argument, die Schweiz sei aber kleiner, lässt Barroso nicht gelten. Vielmehr könne es sogar umgedreht werden, sagte er: Weil die Schweiz klein sei, hätte sie grosse Vorteile – weil sie Zugang zu einem grossen Markt hätte. Keine europäische Institution wolle die Schweiz dazu drängen, Mitglied der EU zu werden, unterstrich Barroso.

Immerhin habe man trotz der Initiative zur Masseneinwanderung für die Universitäten eine Lösung finden können. Das stimme optimistisch. Doch unterm Strich sagte Barroso auch: Die Freizügigkeit sei eine der wesentlichsten Errungenschaften der EU. Mit anderen Worten: nicht verhandelbar.

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