Grösser, höher, weiter: Für die Schweizer Uhrenbranche scheint es nur noch einen Weg zu geben – nach oben. Über 150'000 Besucher werden zum heute startenden Branchentreff auf der Baselworld erwartet. Dabei stellte die weltgrösste Uhren- und Schmuckmesse mit über 120'000 Gästen schon im vergangenen Jahr einen neuen Besucherrekord auf.

An acht Tagen werden Omega, Longines, Tissot, Rolex oder Patek Philippe ihre neuen Keationen anpreisen. Auf den erwarteten Grossandrang haben sich die Aussteller vorbereitet: Mehrgeschossige Gebäude, bunte Leuchtreklamen, Edelboutiquen – die Halle 1 auf der Messe Basel gleicht einem weitläufigen Shoppingcenter.

Schweizer Uhrenindustrie: Wichtige Exportbranche

Das Grossaufgebot macht deutlich: Die Uhrenbranche ist für die Schweiz längst keine Nischenindustrie mehr. Die Ausfuhren legten in der vergangenen Dekade jedes Jahr um durchschnittlich über sieben Prozent zu – und damit weitaus stärker als die Exporte vieler anderer Branchen.

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2012 überholten die Uhrenbauer  sogar erstmals die Schweizer Hersteller von Industriemaschinen – bis dato zweitstärkste Exportsparte (siehe Grafik). 2013 wurden Uhren im Wert von fast 22 Milliarden Franken ins Ausland verkauft. Nur noch die Pharmaprodukte erzielten mehr Absatz ausserhalb der Schweizer Landesgrenzen.

Hoffnung auf wachsende Mittelschicht

Und die Schweizer Hersteller frohlocken. Der Fokus verlagere sich immer mehr in den fernen Osten, sagte gestern Baselworld-Direktorin Sylvie Ritter. Neben China und Hongkong zählen auch Malaysia und Indonesien zu den Wachstumsmärkten. Bereits heute gehen die Exporte zur Hälfte nach Asien. Erstes Ziel ist oft Hongkong, weil die Hafenstadt keine Zölle erhebt (siehe Grafik unten). Chinas Sonderverwaltungszone ist die wichtigste Drehscheibe im globalen Uhrenhandel.

Von dort werden die Zeitmesser in Richtung chinesisches Festland und in andere Länder Asiens verschifft. «Das ist eine unheimlich Kaufkraft, die da heranwächst», sagte Hublot-Präsident Jean-Claude Biver im «Handelszeitung»-Interview mit Blick auf die chinesische Mittelschicht vergangene Woche.

Schwellenländer wollen Zölle erhöhen

Doch der Aufschwung verläuft keineswegs so reibungslos, wie viele Branchenvertreter ihn gerne verkaufen. Die Nachfrage aus China stockte zuletzt bedenklich. Staatsbeamte dürfen keine Regierungsgelder mehr für Luxusgüter verwenden. Zudem will Peking die Steuern auf Luxusuhren von heute 20 Prozent weiter erhöhen. Ähnliche Schritte erwägen derzeit Indien und Brasilien. Hinzu kommt, dass chinesische Hersteller selbst hochwertige Uhren produzieren wollen.

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Auch in der Schweiz drückt der Uhrenindustrie der Schuh: Sorgen bereitet vor allem die Annahme der Zuwanderungsinitiative. Das Ergebnis bringe die Branche in eine heikle Situation, sagte gestern Jacques Duchêne, Präsident des Aussteller-Beirats. «Wir sind angewiesen auf ausländische Arbeitskräfte.» Jeder zweite Arbeitnehmer in der Schweizer Uhrenbranche ist Ausländer.

In den 1970er Jahren totgesagt

Allerdings muten  die heutigen Sorgen gegenüber früheren Problemen vergleichsweise gering an. In den 1970er Jahren galt die Schweizer Uhrenindustrie bereits als totgesagt. Erst eine Neuausrichtung auf hochwertige Produkte – vor allem mechanische Uhren – brachte die Wende. Ab Mitte der 1990er Jahre profitierte die Branche vom einsetzenden Boom der globalen Nachfrage nach Luxusgütern. Entsprechend können sich die Aussteller auf der Baselworld in diesem Jahr doch ein wenig feiern und bestaunen lassen.

(mit Material von awp)