Die Krise im Irak treibt die Ölpreise. Doch die Rekordjagd nach oben wird dieses Mal nicht einsetzen. Und für Autofahrer in der Schweiz gilt vorerst Entwarnung. Die höheren Ölpreise wirken sich nur geringfügig und erst noch verspätet auf den Benzinpreis aus.

Die islamistische Terrorgruppe Isis ist im Irak auf Vormarsch. Angst und Schrecken spiegeln sich auch in den Ölpreisen. Sie erreichten am Freitag ein neues Neun-Monats-Hoch: Die Nordseeöl-Sorte Brent und das US-Öl WTI verteuerten sich in der Spitze um jeweils mehr als ein Prozent auf 114,69 und 107,68 Dollar je Fass (159 Liter).

Erwartungen als Preistreiber

Dass die Preise auf die Krise reagieren, hat vor allem mit den Erwartungen zu tun. Im Jargon sprechen Analysten von «eingepreisten Risikoprämien». Der Irak ist innerhalb der Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) der zweitgrösste Lieferant, weltweit sogar die Nummer fünf und damit ein wichtiger Anbieter.

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«Der Irak konnte in den letzten zwei Jahren seine Fördermengen wieder hochfahren auf Vorkriegsniveau. Die Mengen aus dem Irak machen 10 Prozent des Opec-Outputs aus», sagt Susanne Toren, Analystin bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB) auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda.

Momentan hält die OPEC an ihrem Förderziel fest, trotz Forderungen nach einer höheren Produktion. Sie einigte sich vergangene Woche auf die Produktion von 30 Millionen Fass (Barrel) pro Tag. Das ist ein Drittel der weltweiten Produktion. Der Markt sei stabil, sagte Opec-Generalsekretär Abdalla Salem El-Badri. Generell gilt unter Fachleuten aber: Sollte es im Irak zu grossen Angebotsausfällen an Rohöl kommen, könnten diese durch das OPEC-Kartell kaum ausgeglichen werden.

120 Franken pro Fass als Schmerzgrenze

Analysten arbeiten bezüglich Risiken mit diversen Szenarien. «Schlimm wäre, wenn der Konflikt sich ausweitet auf andere Länder wie etwa Iran und die Türkei», sagt Susanne Toren. «Die wichtigsten Öl-Pipelines gehen durch die Türkei. Dass dieser Weg behindert wird gehört zum Risikoszenario», sagt sie.

Sie rechnet aber eher mit einem realistischen Szenario, wonach die Krise sich auf den Irak beschränkt und bis etwa Ende Jahr dauert. «Ich gehe davon aus, dass sich der Ölpreis am oberen Band seiner jüngsten Entwicklung festsetzt», sagt sie. Das wäre ein Preis zwischen 110 und 115 Dollar der Marke Brent.

Gemäss Frédéric Potelle der Genfer Privatbank Bordier & Cie haben die Preise Spielraum bis zu etwa 120 Franken pro Fass. Ab dann sieht er die Konjunktur darunter ächzen.

Die Schweizerische Erdölvereinigung äussert sich nicht zu konkreten Prognosen. Sie gibt selbst auch keine Einschätzungen ab. Die Bedeutung des Iraks innerhalb der OPEC sei aber eine statistische Tatsache und Ausfälle von Fördermengen würden sich sicher bemerkbar machen.

«Grosse Sprünge gehören der Vergangenheit an»

Hingegen werden die Preise nicht mehr derart sprunghaft nach oben schnellen wie noch vor ein paar Jahren. Zwischen 2005 und 2008 hat sich der Ölpreis in etwa vervierfacht. In den letzten Jahren war die Entwicklung ruhiger. Ein Grund sehen Experten im gestillten Importhunger aus den USA.

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Durch das sogenannte Fracking, eine Produktionsmethode zur Gewinnung von Öl und Gas aus Schiefergesteinen, decken die USA einen Grossteil ihres Bedarfs selbst. «Die USA importieren weniger Öl, was für den Weltölmarkt eine Erleichterung ist», sagt Susanne Toren von der ZKB. «Riesige Sprünge gehören darum der Vergangenheit an», sagt sie.

Bernhard Piller, Projektleiter bei der Schweizerischen Energiestiftung, ist hingegen vorsichtig: «In den letzten Jahren hat sich die Preisentwicklung zwar dank der ruhigeren Lage in Libyen, dank besserer Sicherheit insgesamt, dank wärmeren Temperaturen und auch dank Fracking beruhigt», sagt er. «Doch Fracking wird auch überschätzt. Die Kosten für die Gewinnung sind hoch, die Gewinnungsmöglichkeiten beschränkt», sagt Piller. «Auf Aussagen, dass es nie mehr zu knappem und teurem Öl kommt, würde ich mich nicht verlassen".

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Kaum höhere Benzinpreise

Wann und ob der Konsument die jüngste Irakkrise im Portemonnaie spürt, beispielsweise in Form von höheren Benzinpreisen, ist ungewiss. Gemäss der Schweizerischen Erdölvereinigung wird der Benzinpreis knapp zur Hälfte aus staatliche Abgaben wie etwa die Mineralölsteuer verursacht.

Zudem spielen die Frachtkosten und der Wechselkurs eine grosse Rolle. «Höhere Ölpreise beeinflussen den Benzinpreis nur etwa zu einem Viertel», sagt Bernhard Piller.

Zudem wirken sich die Erhöhungen erst mit zeitlicher Verzögerung aus. «Die Branche ist aber ziemlich unberechenbar», sagt Piller. So würden Preise erhöht trotz vollen Lagern. «Nötig wäre eine Preiserhöhung nicht, sie wirkt sich aber positiv aus auf die Margen», sagt Piller.

(sda/dbe/sim)