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Startschuss
Blockchain: Der Wettlauf um die Technologie beginnt

Blockchain: Die Technologie könnte die Finanzindustrie umwälzen. Flickr

Blockchain könnte die Finanzwelt revolutionieren: Mit der Technologie sollen Geldströme sicher, schnell und günstig fliessen. Die ganze Branche tüftelt an Blockchain - vorne dabei ist ein Zürcher.

Veröffentlicht am 17.12.2015

Der neuste Hollywood-Film lässt sich in wenigen Minuten herunterladen. Eine Geldüberweisung aus den USA nach Europa dauert dagegen zum Teil mehrere Tage. Grossbanken, Börsenbetreiber und Dutzende Startups tüfteln deshalb an einer neuen Verschlüsselungstechnologie, die den jahrzehntealten Prozess hinter Geldüberweisungen und Börsengeschäften revolutionieren könnte.

Die Blockchain macht die Abwicklung von Transaktionen nicht nur schneller, Finanzkonzerne könnten mit ihr auch Milliarden einsparen. «Die Blockchain wird in zehn Jahren allgegenwärtig sein», sagt Deutsche-Bank -Manager Rhomaios Ram. Schon in den kommenden ein bis zwei Jahren würden die ersten Firmen mit Angeboten an den Markt gehen.

Grosser Bedarf

Der Bedarf, die weltweite Finanzmarkt-Infrastruktur zu verbessern, ist gross, wie der Zürcher Finanzunternehmer Richard Olsen betont. «Das ist wie ein Blutkreislauf, der verstopft ist.» Transaktionen werden zwar schon seit längerem elektronisch abgewickelt, sie durchlaufen aber häufig noch die alten Verarbeitungsschritte des Papier- und Post-Zeitalters. Viele Aufträge werden einmal am Tag gebündelt und dann auf eine Reise über fünf bis zehn verschiedene Stationen geschickt.

Hier verspricht die neue Technologie Abhilfe: Über die Blockchain wechseln Geld oder Wertpapiere direkt vom einen Konto zum anderen, ohne Umweg über Banken und andere Mittelsmänner. Statt Tagen dauert das Ganze nur noch Minuten. Die Blockchain ist eine Art digitaler Kontoauszug für Transaktionen zwischen Computern.

Schwer manipulierbar

Da die Daten auf einem Netzwerk von verschiedenen Rechnern abgelegt sind, können sie kaum manipuliert werden. Auf dieser Technologie basiert auch die Cyber-Währung Bitcoin. Doch während Bitcoin mit Betrugsfällen für Schlagzeilen gesorgt hat und von vielen Banken kritisch beäugt wird, gibt es an der dahinter stehenden Technologie grosses Interesse.

Die Institute hoffen, ihre riesigen Verarbeitungsapparate mit Hilfe der Blockchain zurechtstutzen zu können. Die Berater von Oliver Wyman gehen davon aus, dass Banken ab 2022 jährliche Infrastrukturkosten von 15 bis 20 Milliarden Dollar einsparen können. 30 Institute, darunter Commerzbank, Deutsche Bank, Credit Suisse und UBS, haben sich in einem Konsortium zusammengeschlossen, um die Technik für die Finanzbranche weiterzuentwickeln.

Haftung ist nicht geklärt

«Mit Blockchain könnten die Effizienz massiv verbessert und die Risiken gesenkt werden», sagt UBS-Informatik-Chef Oliver Bussmann. Die Schweizer Grossbank wolle mit anderen Instituten einen Marktstandard entwickeln und führe auch Gespräche mit Regulatoren. Konkurrent Deutsche Bank hat mit der Technik intern die Platzierung von Unternehmensanleihen durchgespielt und zieht ein positives Fazit: «Technisch funktioniert das, aber einige regulatorische und rechtliche Fragen sind immer noch offen», sagt Ram. Dazu gehöre die Frage, wer verantwortlich sei, falls etwas schieflaufe. «Der Computer?», fragt Ram.

Bei der Deutschen Bank handelt es sich bisher nur um interne Tests, von einer Markteinführung ist das Institut noch weit entfernt. Firmengründer Olsen, der mit seiner Jungfirma Lykke eine globale Wertpapier-Handelsplattform aufbaut, ist da schon weiter.

Olsen will bald starten

«Wir wollen im zweiten Quartal 2016 mit einer Devisenhandelsplattform loslegen und dann schrittweise in den Geldmarkt und dann in Aktien expandieren», kündigt Olsen an. Olsen hat mit dem Devisenbroker Oanda schon einmal eine erfolgreiche Finanzfirma aufgebaut. «Wir haben auch Kontakte mit Banken«, sagt er. «Einige sind sehr interessiert, mitzumachen.«

Handelsplätze wie die Schweizer SIX oder die Deutsche Börse loten das Potenzial der Blockchain ebenfalls aus. Besonders die Abwicklung von Handelsgeschäften, das sogenannte Clearing, lasse sich dadurch beschleunigen, sagt Ashwin Kumar, der oberste Produktentwickler der Deutschen Börse, im Reuters-Interview. «Die Blockchain-Technologie wird Markt-Infrastruktur-Anbieter aber nicht obsolet machen.« Auf absehbare Zeit könne die Blockchain nur in Segmenten eingesetzt werden, wo das Volumen gering und die Geschwindigkeit zweitrangig sei, sagt Kumar. Für grosse Aktien- und Derivateplattformen sei die Technik nicht ausgereift genug.

Der Durchbruch könnte sich hinziehen

«Ich gehe davon aus, dass weniger effiziente Bereiche der Finanzmärkte wie der Rohstoff-Handel den Schritt zuerst machen und den Beweis liefern, dass das wirklich funktioniert», sagt Oliver-Wyman-Experte Stefan Jaecklin. Später könne dann der Anleihen- und Devisenhandel folgen. Bis zum grossen Durchbruch der Technologie werde es allerdings noch dauern. «Man überschätzt immer, was in den nächsten drei bis fünf Jahren passiert«, sagt der Berater. «Aber man unterschätzt, was in den nächsten zehn Jahren passieren kann».

(reuters/mbü)

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