Nun haben wir es also geschafft: Der Winter liegt hinter uns, der Sommer kann kommen. So oder so ähnlich mag man sich fühlen, wenn man die Wettereskapaden der letzten Wochen mitgemacht hat: Regen, Kälte, Wind. Angesichts des verpatzten Frühlings hilft scheinbar nur noch Sarkasmus. Scherzhaft wird mancher von uns gesagt haben, dass das mit dem «Global Warming» wohl ein Fehlalarm gewesen sei. Natürlich nimmt kein vernünftiger Mensch eine solche Bemerkung ernst. Wetter ist nicht Klima!

Bei der Beurteilung der Wirtschaftsentwicklung scheinen uns diese einfachen Erkenntnisse aber abhanden zu kommen. Seit Monaten streben die Aktienkurse aufwärts. Im Wochenrhythmus berichten die Medien von neuen Höchstständen an den Börsen. Wo Rauch ist, meint mancher Beobachter, muss wohl auch Feuer sein. Der Optimismus der Börsianer kann doch nur auf bessere Wirtschaftsaussichten gegründet sein. Das mit der «Wirtschafts- und Finanzkrise» war wohl ein Fehlalarm. Frühlingserwachen: Die Weltwirtschaft läuft wieder! Auch hier ist man geneigt zu sagen: Natürlich kann das kein vernünftiger Mensch ernst nehmen. Börse ist nicht Wirtschaft.

Wachstum in Euro-Zone undSchwellenländern enttäuscht

In der Tat waren die Wirtschaftsnachrichten der letzten Monate alles andere als Hoffnung weckend. So konnten die Nachrichten zum Wachstum uns nicht wirklich erfreuen. Die USA haben im ersten Quartal zwar mit 0,6 Prozent Quartalswachstum einen leicht höheren Wert erreicht, als die Auguren prognostiziert hatten. Das Wachstum kam aber praktisch ausschliesslich aus dem Konsum. Dieser wächst inflationsbereinigt nun also mit einer Jahres­rate von 2,5 Prozent. Die verfügbaren Haushaltseinkommen schaffen gerade einmal 0,9 Prozent. Besonders nachhaltig klingt das nicht.

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In der Euro-Zone lag die Wachstumsrate zum Jahresanfang ebenfalls über dem Wert des vierten Quartals. Statt –0,6 Prozent waren es nur noch –0,2 Prozent. Optimistische Beobachter merken an, dass der Tiefpunkt in den Wachstumsraten hinter uns zu liegen scheint. Der Tiefpunkt im Volkseinkommen aber noch nicht. Auch die Wachstumsraten in wichtigen Schwellenländern waren eher enttäuschend, und so erstaunt es nicht, dass das reale Wachstum der Weltwirtschaft mit deutlich unter 3 Prozent unangenehm niedrig geblieben ist.

Auch die vorauslaufenden Indikatoren machen kaum Mut, dass sich daran kurzfristig etwas ändern wird. So sind die für die Investi­tionsgüternachfrage so wichtigen Umfrage­ergebnisse bei den Unternehmen in den letzten zwei Monaten ernüchternd ausgefallen. In den USA ist der Einkaufsmanagerindex nach einem Zwischenhoch im Februar von 54,2 auf 50,7 zurückgefallen. In China ist dieser Wert sogar unter die psychologisch wichtige 50er-Marke gefallen. In der Euro-Zone ging der Gesamtindex ebenfalls weiter zurück. Und auch in der Schweiz kommt die Stimmung nicht vom Fleck. Kein Wunder, denn Wechselkurs hin oder her: Es läuft nicht in unserer Exportindustrie. So meldete der Verband der schweizerischen Maschinen- und Elektroindustrie im ersten Quartal einen Rückgang des Umsatzes von –3,9 Prozent und Auftragseingänge von –0,8 Prozent.

Die reale Wirtschaft gibt keinen Anlass zur Euphorie

Noch enttäuschender sind die Zahlen zum Welthandel. Das Welthandelsvolumen scheint bei einem Zuwachs von anämischen 2 Prozent zu stagnieren. Das ist untypisch, denn in Zeiten eines Aufschwungs sollte das deutlich mehr als das nominale Wachstum der Weltwirtschaft sein, also mindestens 6 Prozent, besser 8 Prozent. Aufhorchen lässt auch, dass die Inflationsraten in vielen Ländern eher schwächer gewesen sind als auch schon. Das liegt zum einen an der verhaltenen Entwicklung der Rohölpreise, aber auch die um die Energie- und Nahrungsmittel bereinigten Kernraten der Inflation neigen in den Industrienationen zur Schwäche.

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Kurzum, die reale Wirtschaft gibt im Augenblick keinen Anlass zur Euphorie. Wohlgemerkt, es gibt auch keinen Anlass zur Depres­sion. Alles sieht danach aus, als müssten wir weiter mit niedrigen Wachstumsraten leben. Und damit ist auch klar, dass sich an der grundsätzlich schwierigen Lage der Weltwirtschaft so schnell, wie die Aktienmärkte mit ihrem Aufschwung suggerieren, nichts ändern wird. Oder anders ausgedrückt: Der Aufschwung am Ak­tienmarkt ist wohl eher ein Schönwetterphä­nomen. Das garstige Klima von tiefem Trendwachstum und in weiten Teilen der industrialisierten Welt ungelösten Fiskalproblemen bleibt uns erhalten.

Dazu gehören leider auch die Bremswirkungen der bereits beschlossenen und der noch ausstehenden Konsolidierungsmassnahmen. Auch hier ist ein Blick auf die Zahlen instruktiv: Die Euro-Zone ist mit einem augenblicklichen Strukturdefizit von 1,6 Prozent des Volkseinkommens noch nicht bei dem im Fiskalpakt formulierten Ziel von 0,5 Prozent. Auch wenn in diesem Jahr erstmals weniger gespart werden muss als im Vorjahr, werden die Bremseffekte zwar kleiner, aber sie werden das wirtschaftliche Wachstum weiter unter Trend halten.

Die USA werden erstmals mehr sparen als die Euro-Zone

In den angelsächsischen Staaten bleiben die Zahlen erschütternd: Grossbritannien liegt bei einem Strukturdefizit von 5,6 Prozent und die USA bei 7,0 Prozent. Das macht deutlich, dass beide Länder vermehrte Sparanstrengungen machen müssen, um die seit der Finanzkrise explodierende Staatsverschuldung zu stoppen. Die USA werden gemäss der augenblicklichen Beschlusslage in diesem Jahr dabei erste Fortschritte machen. Erstmals werden die Amerikaner dank Steuererhöhungen, Erhöhungen der Lohnnebenkosten und den automatischen Ausgabenkürzungen mehr sparen als die Euro-Zonen-Länder. Dass das mehr Wachstum bringen soll, wie die Aktienmärkte suggerieren, erschliesst sich uns nicht.

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Im Gegenteil: Erinnern Sie sich an die Diskussion um die Fiskalklippe? Anfang Jahr wurde vermeldet, die Fiskalklippe und damit die Gefahr einer US-Rezession sei umschifft. Heute stellen wir fest, dass die meisten der von den Konjunkturprognostikern befürchteten Konsolidierungsmassnahmen doch Wirklichkeit geworden sind. Die Steuererhöhungen zu Jahresbeginn, die Ausgabenkürzungen einfach ein Quartal später. Gut für den Haushalt und schlecht für die Konjunktur, sollte man meinen. Traut man den Märkten, dann gelten solche Zusammenhänge allerdings nur in Europa. An den Aktienmärkten gilt auch weiterhin das doppelte Motto, das nach doppelter Moral riecht: «This time is different» und «America is different!»

Warten wir es gelassen ab. Nach dem kalten Frühling kommt mit Sicherheit der Sommer. Und auch die grösste Börseneuphorie geht irgendwann zu Ende. Hoffentlich folgt dann nur die Ernüchterung und nicht die Enttäuschung.

Klaus W. Wellershoff ist Chef der international tätigen Unternehmensberatung Wellershoff & Partners, Zürich, und Honorarprofessor für angewandte Volkswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen.